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Nordkreis Zeugenaussagen unvereinbar mit Videobeweis
Landkreis Nordkreis Zeugenaussagen unvereinbar mit Videobeweis
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00:22 18.11.2018
Der Angeklagte wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt – seit dem Vorfall Mitte April sitzt er in U-Haft. Ihm wird unter anderem vierfacher versuchter Totschlag vorgeworfen. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Im Zuge der laufenden Beweisaufnahme und der Vernehmung einer wachsenden Zeugenschar entsteht vor dem Schwurgericht ein Sammelsurium an unterschiedlichen Perspektiven vom Abend des 15. Aprils, an dem sich ein schwelender Familienzwist auf der Hauptstraße in Cölbe entladen haben soll (die OP berichtete).

Dazu liegen ganz verschiedene Aussagen und Sichtweisen vor, etwa über den Zeitablauf oder darüber, ob Waffen zum Einsatz kamen – je nach Zeugenaussage mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Zentrale Frage bleibt außerdem, welcher Wagen – der erste oder der zweite, den der Angeklagte gefahren hatte – frontal in die Menschenmenge fuhr und ob überhaupt Personen getroffen wurden.

Laut Anklage gab es an dem Abend vier Leichtverletzte, ob diese jedoch durch einen der Wagen oder durch den anschließenden Massentumult verletzt wurden, versucht das Schwurgericht herauszufinden. Unterschiedliche Perspektiven erschweren die Beweisaufnahme, „bisher hat kein Zeuge den Verlauf so geschildert, wie auf dem Video zu sehen“, stellte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm fest.

Student gab an, durch Außenspiegel verletzt worden zu sein

Auf den Überwachungsbändern ist zumindest kein frontaler Zusammenprall erkennbar, von einem solchen sprachen indes unterschiedliche Zeugen. So auch ein junger Mann, der sich an diesem Abend auf dem Bürgersteig aufhielt, von dem ersten Wagen, gefahren vom Sohn des Angeklagten, am Unterarm verletzt wurde, teilte der Student gestern vor Gericht mit.

Er sei durch einen Außenspiegel getroffen worden, bis heute durch einen verletzten Nerv in der Beweglichkeit eingeschränkt. Mindestens ein weiterer Anwesender sei ebenfalls verletzt worden. Nachdem der erste Wagen zum Stillstand kam, raste wiederum der zweite Wagen heran und löste in der mittlerweile versammelten Menge erst „einen Rückzug“, dann eine Art Gegenangriff aus. Dabei kamen auch Stöcke und eventuell auch Waffen zum Einsatz – durch wen wisse er dabei nicht mehr, so ein weiterer Zeuge.

Zeuge: „Über Verwandte möchte ich nichts sagen“

Vor der mutmaßlichen Auto-Attacke habe er noch den Angeklagten auf der anderen Straßenseite gesehen, der sich bedrohlich mit einem Schlagstock in die andere Hand schlug. „Es war ziemlich offensichtlich, dass er uns meinte“, so der ­Zeuge, Angehöriger der angeblich verfeindeten Familie. Weitere Verwandte meinten wiederum gesehen zu haben, dass er sich mit der Faust in die Hand schlug oder andere „Handzeichen“ gab.

Auf die Frage, ob die eigene Familie infolge gewalttätig wurde oder mit Gegenständen warf, wollte er keine Angaben machen, „über Verwandte möchte ich nichts sagen“. Die Verteidigung bezweifelt indes die Glaubwürdigkeit mancher Zeugen, verweist dazu auf die polizeiliche Vernehmung und sieht dabei „so einige Widersprüche“.

von Ina Tannert