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Markus trifft alle zwei Wochen Paten Hajo

Projekt Starkids Markus trifft alle zwei Wochen Paten Hajo

Alle 14 Tage trifft sich der achtjährige Markus mit seinem „Paten“ Hajo ­Runne. Dann darf er sich wünschen, was gemacht wird. Sein jüngster von drei Brüdern ist mehrfachbehindert. Deshalb steckt Markus sonst viel zurück.

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Dame, „Vier gewinnt“ und Memory: Spielen ist eine von Markus‘ Lieblingsbeschäftigungen mit seinem „Paten“ Runne.

Quelle: Freya Altmüller

Cölbe. „Dame?“, fragt Markus‘ ältester Bruder. „Wer ist denn am Gewinnen?“– „Ich natürlich“, antwortet Hajo Runne, Markus‘ Gegner beim Brettspiel Dame. Markus ist da anderer Meinung. „Ich natürlich!“, ruft der Achtjährige.

Er hat heute Besuch von Hajo Runne, seinem „Paten“ in dem Projekt „Starkids“ (siehe Hintergrund). Alle zwei Wochen verbringt der 42-Jährige Zeit mit seinem „Patenkind“. Dann darf Markus aussuchen, was er gerne machen möchte. An diesem Donnerstagnachmittag wollte Markus gerne spielen.

Mit Zaubersprüchen zum Spielgewinn

Der Junge reibt sich die Hände, als er seine vierte Dame, zwei übereinander gestapelte Spielsteine, bekommt. Ein paar Spielzüge später ist er nicht mehr so zuversichtlich und sagt: „Och Menno, ich will nicht verlieren.“
Dann beginnt er, chinesische „Zaubersprüche“ für sein Glück zu bemühen. „Ching Chang Chong“, sagt er und schwingt dabei mit den Händen über das Spielfeld. Unentschieden lautet am Ende das Ergebnis. Die zweite Partie gewinnt er.

„Wir spielen oft Fußball“, sagt Runne, als Markus kurz den Raum verlässt. „Dann stehen am Ende des Spiels häufig andere Mannschaften auf dem Feld als am Anfang“, sagt der 42-Jährige über Markus‘ Fantasie.

Während die beiden am Esstisch spielen, klingt der Fernseher aus dem Nebenzimmer. Markus‘ Eltern schauen immer mal wieder vorbei, seine Mutter stellt Runne eine Kaffeetasse hin. Er sagt: „Hier geht es zu wie in einem Taubenschlag. Man weiß nie so genau, wer wo ist.“

Denn auch Markus‘ Großeltern und seine Uroma wohnen mit in dem Haus. Dazu zwei Hunde und drei Geschwister. Markus‘ jüngster Bruder, heute fünf Jahre alt, ist seit drei Jahren schwerst mehrfachbehindert.

Jan wurde nach Herzstillstand wiederbelebt

Es war Silvester, als Jan einen Grippeinfekt hatte. Die Eltern gingen mit ihm zum Arzt, er bekam Antibiotika. Die Familie saß im Wohnzimmer, als der Vater plötzlich das Gefühl hatte, dass mit dem Kleinen etwas nicht stimmt. Er atmete schwer. Die Familie rief den Krankenwagen. Als der Vater das Martinshorn hörte, lief er mit Jan in den Armen vor die Tür. Das Kind hörte auf zu atmen. Die Rettungssanitäter belebten es wieder. „Es war nur ganz kurz, dass sein Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wurde“, sagt die Mutter.

Trotzdem wurde es dadurch so geschädigt, dass der Fünfjährige heute wie ein Säugling ist. Er spricht nicht, verständigt sich nur mit Lauten, kann nicht ohne Aufsicht sein.
„Ich finde das traurig“, sagt Markus. Früher hätten die beiden häufig gemeinsam gespielt, sagt die Mutter. Markus‘ andere Geschwister sind deutlich älter. Nach dem Vorfall ist die Mutter mit Markus und Jan zusammen für ein Jahr nach Brandenburg zur Kur gegangen. Für die Familie eine belastende Zeit. ­Jedes Wochenende fuhr der ­Vater zu ihnen.

Bei jedem Kind habe der Vorfall Spuren hinterlassen, sagt die Mutter. Markus sei für sein Alter noch nicht so weit. Er wurde erst mit acht Jahren eingeschult, hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Das fällt auch Hajo Runne beim Spielen auf. Am liebsten spielt Markus mit ihm Fußball oder geht ans Wehr, sagt der Achtjährige. Auch heute machen die beiden einen Spaziergang an die Lahn.

Auf dem Weg bricht Runne Markus einen Stock ab. Er ist ein bisschen lang, deshalb schleift der Junge ihn hinter sich her. Am Ufer angekommen, dient er den beiden als Werkzeug. Sie lösen ein Stück Holz, das sich auf dem Weg zum Wehr verfangen hat. Es löst sich und bleibt dann gleich wieder hängen. Runne kann das Holzstück mit dem Stock nicht erreichen. „Wir können dich nicht retten“, sagt Markus zu dem Treibgut.

Dann scherzt er mit seinem Paten: Am Ufer stehend hält er sich die Nase zu und sagt: „Tschüss.“ Runne antwortet: „Dir fehlt die Badehose.“ Dann sind sie sich aber schnell einig, dass es zu kalt zum Schwimmen ist. Im Sommer kommt Markus hier manchmal mit seiner Familie zum Baden hin, sagt er. Nur sein kleiner Bruder Jan kann nicht mitkommen.

Ausflüge nie mit der ganzen Familie

Im Sommer war die Familie­ erstmals wieder gemeinsam im Urlaub. Drei Tage in der Lüneburger Heide. Es hatte sich ein Pfleger gefunden, der solange auf Jan aufpasste. In den vergangenen Jahren sei viel am Haus zu tun gewesen, das die Familie kurz vor dem Vorfall mit Jan gekauft hatte. Mittlerweile habe sich auch die Lage des Jungen stabilisiert. Daher wollten sie jetzt wieder mehr rausgehen, sagt der Vater. Er lädt Runne ein, gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Frau auf den Weihnachtsmarkt zu gehen.

Auch Markus war zurückgezogen. „Es hat lange gedauert, bis ich mit ihm auch außerhalb seines Zuhauses etwas machen konnte“, erzählt Runne. Seit einem Jahr trifft er sich nun mit dem Jungen. Der 42-Jährige hat einen Sohn im gleichen Alter. Vor drei Jahren hat er seine Anteile an einer Softwareentwicklungs-Firma verkauft, um für ihn da zu sein. Seitdem ist er Hausmann. Damit kam auch der Wunsch, sich ehrenamtlich für Kinder zu engagieren, sagt er. „Mit der
­Patenschaft kann ich etwas ­zurückgeben, Menschen helfen, die nicht so ein Glück hatten wie ich“, so Runne.

Hintergrund:

„Starkids“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Landkreis Marburg-Biedenkopf, den privaten und gesetzlichen Pflegekassen und dem Kinderzentrum Weißer Stein e.V. Dabei treffen sich Paten regelmäßig mit Kindern, die einen Angehörigen mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung haben. Projektbetreuerin Ivonne Schuß erklärt, es sei das Ziel, ihnen zu ermöglichen, eine unbeschwerte Zeit zu verbringen und Unternehmungen zu machen, die sonst nicht möglich wären.

„Die Eltern sind oft sehr beschäftigt und wegen der Sorge um ihr Kind mit Behinderung emotional nicht so verfügbar“, so Schuß. Außerdem ­seien Geschwisterkinder häufig sehr auf die Familie fixiert und hätten weniger die Chance, sich mit anderen Kindern zu verabreden. So würden sie später selbstständig. Aber die Familiensituation führe häufig auch dazu, dass sie früh Verantwortungsbewusstsein und besondere soziale Kompetenzen entwickelten.

von Freya Altmüller

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