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Heidi Kren fühlt sich diskriminiert

Betreuung Heidi Kren fühlt sich diskriminiert

Heidi Kren, mit fünf Jahren an Kinderlähmung erkrankt, ist auf die Haushaltshilfe durch den Pflegedienst angewiesen. Jetzt wird der Vertrag durch die Diakonie gekündigt – es rechnet sich nicht.

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Heidi Kren braucht eine Rund-um-die-Uhr-Pflege, die ihr Mann Günther übernommen hat. Für den Haushalt bekamen die beiden bisher Unterstützung von der Diakonie. Die will den Vertrag jetzt kündigen, aus finanziellen Gründen.

Quelle: Katja Peters

Oberrosphe. Eine halbseitige Schwäche links, ein Müdigkeits- und Erschöpfungssyndrom sowie eine Hand, die den Entwicklungsstand einer Fünfjährigen hat. Hinzu kommen Gleichgewichtsstörungen und eine Überlastung des rechten Arms. Heidi Kren leidet an den Folgen ihrer Poliovirus-Erkrankung.

Mit fünf Jahren erkrankte sie an der sogenannten Kinderlähmung und hat viele Monate im Krankenhaus verbracht. Während der Behandlung dort war sie komplett gelähmt, konnte nur noch reden. Nach sechs Wochen hat sie geronnenes Blut erbrochen – sie kämpfte ums Überleben.

Nach einem Jahr konnte sie die Klinik endlich verlassen, als Pflegefall. Heidi Kren konnte nicht laufen, nicht sitzen und nur mit der rechten Hand Dinge festhalten. Sie musste von Bracht „Schöne Aussicht“ zum Bus getragen werden, um zur Krankengymnastik nach Marburg zu gelangen. Später brachte sie der Vater im Winter mit dem Schlitten zur Schule, im Sommer fuhr sie Rad.

Heidi Kren konnte nur gehen, laufen war unmöglich, genauso wie in die Hocke zu gehen. Wurde sie angeschubst, ist sie umgefallen. Sie kämpfte und biss die Zähne zusammen. Geistig allerdings war sie immer topfit. Sie brachte drei Kinder zur Welt, ging arbeiten, engagierte sich ehrenamtlich, pflegte die Mutter.

Beauftragung nur an Pflegedienste

Als die Einschränkungen aufgrund der Lähmung im Alter immer größer wurden, übernahm ihr Mann Günther die Pflege. Für den Haushalt holten sie sich Unterstützung im Rahmen ihres Pflegegrades. 125 Euro bezahlt die Krankenkasse für „Betreuungsleistungen anerkannter Leistungsträger“ für Heidi Kren.

Damit sind Spaziergänge oder Arztbesuche genauso gemeint wie Hilfe im Haushalt. Das ist vom Gesetzgeber so vorgesehen. Die Beauftragung kann auch nur an Pflegedienste vergeben werden, weil diese „anerkannte Leistungsträger“ sind.

Sucht sie sich einen nicht „anerkannten“ Dienstleister, dann kann sie nur 40 Prozent der Sachleistung geltend machen. Den Rest muss sie aus eigener Tasche bezahlen. Bei 175 Euro Rente fast unmöglich.

Und genau deswegen ärgert sich die Oberrospherin über das Verhalten der Diakoniestation Wetter außerordentlich. Bei all dem, was ihr widerfahren sei, habe sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben diskriminiert gefühlt, sagt Heidi Kren.

Der Pflegedienst will den Vertrag über die Betreuungsleistungen mit der 70-Jährigen kündigen. „Am Telefon hat sie das damit begründet, dass sie schließlich keine Putzkolonne seien“, erinnert sich Heidi Kren, der nach dieser Androhung die Worte fehlen.

Nur wenn sie auch die Pflege mit beauftragt, dann bekäme sie auch weiterhin Hilfe im Haushalt. „Das macht in meinem Fall überhaupt keinen Sinn. Ich brauche eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Deswegen haben wir ja meinen Mann als Dauerpflege angegeben.“

Keine Hausarbeit möglich

Aufstehen, anziehen, Treppen laufen, ein Getränk von einem Raum in den anderen transportieren, der Toilettengang – alles Dinge, die für Heidi Kren alleine nicht zu bewältigen sind.

An Hausarbeit ist überhaupt nicht zu denken. Gehen kann sie nur mit Stock oder Rollator. „Wie will die Diakonie das leisten?“, fragt sie sich. Ernst Boltner, Geschäftsführer der Diakonie Wetter, sieht hier vor allem den Gesetzgeber in der Pflicht. „Ausschließliche Einsätze, wo nur gereinigt wird, sind nicht refinanzierbar“, betont er.

Für ihn wäre es sinnvoller, wenn diese Arbeiten über einen Dienstleister abgewickelt werden könnten. Die sogenannten Betreuungs- und Entlastungsleistungen, zu denen eben auch das Putzen gehört, sind in dem Pflegestärkungsgesetz von 2017 sehr offen gelassen.

„Und wir müssen das an der Basis irgendwie leben“, so der Geschäftsführer. Eine Trennung zwischen niedrigschwelligen Dienstleistungen und qualifizierten Dienstleistungen wäre für ihn eine sinnvolle Lösung.

Ernst Boltner will sich mit Heidi Kren noch einmal persönlich in Verbindung setzen. „Sie ist schon ein ganz spezieller Fall“, gibt er zu und hofft, dass sie im gemeinsamen Gespräch eine Lösung finden, mit der beide Seiten leben können.

von Katja Peters

Hintergrund

Pflegebedürftige, die zu Hause gepflegt werden, können sogenannte zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen in Anspruch nehmen. Diese sollen die Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen unterstützen, zum Beispiel um eine Betreuung im Alltag sicherzustellen oder zur Unterstützung bei der hauswirtschaftlichen Versorgung.

Ab 1. Januar 2017 erhalten Pflegebedürftige aller Pflegegrade (1 bis 5), die ambulant gepflegt werden, einen einheitlichen Entlastungsbetrag in Höhe von bis zu 125 Euro monatlich. Der Betrag ist keine pauschale Geldleistung, sondern zweckgebunden und wird zusätzlich zu den sonstigen Leistungen der Pflegeversicherung bei häuslicher Pflege gewährt.

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

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