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Noch eine Chance für den Solaracker?

Millionenprojekt Noch eine Chance für den Solaracker?

Er ist eigentlich ein Zufallsgast, der auf der Roten Liste stehende Flussregenpfeifer. Denn sein Brutgebiet in der ehemaligen Bernsdorfer Kiesgrube sollte schon längst mit Muttererde verfüllt werden. Aber es fehlte bisher am nötigen Material. Und nun droht sein Auftreten den Solaracker zu stoppen.

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So sieht er aus, der Flussregenpfeifer. Seine Eier, die aussehen wie kleine Steine, legt das weibliche Tier gut getarnt zwischen echten Steinen ab. Ein Nestbau erfolgt nicht.

Quelle: Privatfoto

Cölbe. Mit der Ankündigung der Bundesregierung, die Einspeisevergütung bei Solaranlagen schon früher als geplant zu kürzen, begann für die Gemeinde Cölbe für ihr Vorhaben „Solaracker Cölbe“ eine regelrechte Achterbahnfahrt. Erst sah es nicht danach aus, als ob man das Projekt so schnell noch umsetzen könne. Gemeinde und Planer arbeiteten jedoch hart und peilten dann doch den 30. Juni als Starttermin an.

Nun muss sich die Gemeinde schon glücklich schätzen, wenn der geplante Solarpark am 30. September eröffnet wird - mit einer Verringerung der Einspeisevergütung in einem Größenbereich um die 15 Prozent. Kann nun auch dieser Termin nicht mehr gehalten werden, sieht es düster aus für dieses Projekt, weil dann eine abermalige Verringerung der Einspeisevergütung ansteht und das Projekt endgültig unwirtschaftlich machen würde.

„Es gibt zwar auch für den Termin 30. September einige Unbekannte, aber wir sind zuversichtlich, noch einen gangbaren Weg gefunden zu haben“, sagte am Mittwoch Cölbes Bürgermeister Volker Carle. Damit meinte er nicht mehr unbedingt das Ergebnis der gemeinsamen Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses und des Umwelt-, Bau- und Planungsausschusses vom Dienstagabend. Denn seither war wieder sehr viel passiert. Carle: „Wir werden noch einmal neu in die Offenlage gehen. Das heißt, wir werden den Trägern öffentlicher Belange eine veränderte Planung vorlegen.“ Dabei geht es insbesondere darum, den Kreisverband Marburg des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), die ebenfalls eine Arbeitsgruppe in Marburg-Biedenkopf besitzt, zu anderen Stellungnahmen zu bewegen. Beide Institutionen hatten in der bisherigen Stellungnahme auf das Vorhandensein des Flussregenpfeifers im Zielgebiet ehemalige Kiesgrube Bernsdorf hingewiesen. Weil der Flussregenpfeifer in Hessen auf der Roten Liste steht und nun auch noch Brutzeit ist, äußerten sich die beiden Institutionen negativ zum Vorhaben der Gemeinde. Der BUND listet zudem weitere Kritik- und Ablehnungsgründe auf. Unter anderem monierte er eine fehlende Umweltverträglichkeitsprüfung . Zudem führt er aus, dass er die „Errichtung einer Freiflächenanlage auf der temporären Abbaufläche Cölbe-Bernsdorf aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnt“. Der BUND geht davon aus, dass zur Umsetzung der Energiewende im Landkreis Marburg-Biedenkopf schon einige Windkraftanlagen gebaut werden, die Eingriffe in Naturlandschaften erfordern. Fotovoltaik-Anlagen sollten nicht zusätzlich die „natürliche Ressource für Tier und Pflanze sowie für die land- und forstwirtschaftliche Bodennutzung“ belasten.

Die Gemeinde Cölbe beabsichtigt die Nutzung des Solarparks mit Bürgerbeteiligung auf die Dauer von 25 Jahren. Danach könne die Fläche wieder der Landwirtschaft zugeschlagen werden. Sie könne aber auch bis dahin trotz der Solaranlagen durch die Herrichtung einer Magerrasen-Fläche als Lebensraum weiterer in ihrer Art gefährdeter Tiere dienen.

„Wir haben zum Konsens einen Plan B entwickelt“, informiert der Erste Beigeordnete der Gemeinde Cölbe Thomas Rotarius, der gleichzeitig Energiebeauftragter der Gemeinde ist. Noch am Dienstagabend hatten die involvierten Planer und Experten ein ergiebiges Gespräch mit Lösungsvorschlägen, die im Laufe des Mittwochvormittages mit Rotarius und Carle durchgesprochen wurden. Die Kernpunkte: die Gemeinde verschiebt den Baubeginn hinter die Brutzeit des Vogels und richtet für diesen und möglicherweise auch andere Vögel eine Ausgleichsfläche in der Größe von 4000 Quadratmeter her, die dann ab nächstes Jahr als Ersatz zur Verfügung steht.

Das ist ein klares Signal an die artenschutzrechtlich relevanten Verbände, schließlich stellen bisher die Kiesgruben nur einen Lebensraum auf Zeit für den Flussregenpfeifer dar. Denn die Kiesgruben sollen nach dem Bergrecht wieder mit Erde verfüllt und als landwirtschaftliche Flächen genutzt werden. das dies nicht schon längst geschenen ist, ist der Tatsache geschuldet, dass es bisher nicht genug Mutterboden gab, der für eine Verfüllung ausgereicht hätte. Eigentlich soll dort beispielsweise Erde aus dem Projekt B-252-Ortsumgehung Lahntal, Wetter-Münchhausen aufgeschüttet werden. Werden die alten Kiesgruben mit Erde aufgefüllt, wird der Ort unattraktiv für den Vogel der Roten Liste. Carle und Rotarius sind nun guten Mutes, den Verbänden nach längerer mitunter auch emotional geführter Diskussion ein Angebot zu machen, dass im Sinne des Vogels eine reelle Chance beinhaltet, ihn auch in künftigen Jahren in der Region anzutreffen. Carle: „Niemand hat etwas gegen den Vogel, wir haben ihn als Problem nur nicht ausmachen können und waren dann doch wie vor den Kopf geschlagen, als wir durch sein Vorhandensein, das Ende eines für Cölbe außerordentlich wichtigen und zukunftsweisenden Projekts im Gesamtwert von 6 Millionen Euro befürchten mussten.“ Carle und Rotarius setzen nun darauf, dass die Gemeindevertretung am 3. Mai die erneute Offenlage beschließt und wollen dann zusammen mit der Clearingstelle des Regierungspräsidiums Gießen an einem runden Tisch mit den Vertretern von HGON und BUND das Gespräch suchen, um Einvernehmen zu erzielen.

Während der Sitzung der beiden Ausschüsse am Dienstagabend hatte Thomas Wittich als Experte einige Angaben über das Verhalten des Flussregenpfeifers gemacht. Dabei wies er ausdrücklich darauf hin, das die Existenz des Vogels in der ehemaligen Kiesgrube Bernsdorf als gesichert gilt. Und mehr noch. Die jüngsten Beobachtungen hätten ergeben, dass sich dort mindestens drei Vögel aufhalten.

Es sei davon auszugehen, dass es sich dabei auch um ein Pärchen handelt, das dort Quartier zum Brüten bezogen hat. Auch wenn der Vogel als relativ störungsunanfällig gelte, sei es selbst bei einer großzügigen Aussparung des Brutgebiets ein hohes Risiko während der Brutsaison mit dem Bauvorhaben anzufangen. Karsten Tent, der im Ausschuss für die ausführende Firma Solar-Wagner sprach, machte deutlich, dass das Projekt „Solaracker“ auch noch Sinn mache, wenn es wenigstens vor dem 1. Oktober ans Netz gehe.

von Götz Schaub

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