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Nordkreis Oberaspher wollen weiter Brautlied singen
Landkreis Nordkreis Oberaspher wollen weiter Brautlied singen
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17:02 27.04.2018
Textsicher zur nächsten Vermählung: In Oberasphe wurde fleißig geprobt. Quelle: Ina Tannert
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Oberasphe

Ganz neue Töne drangen am vergangenen Samstag aus dem Feuerwehrhaus in Oberasphe. Statt Motorengeräusch oder Sirenengeheul erklangen zarte Melodien aus der Fahrzeughalle, in der es mal romantisch, mal deftiger zuging.

Mehr als 30 Sänger und Sängerinnen aus dem Ort waren dem Aufruf von Burschenschaft und Männergesangverein gefolgt und gaben beim Brautlied-Workshop alles, was die Stimme hergab.

Mal schneller, mal gediegener kamen die traditionellen Brautlieder daher, die die Teilnehmer unter Anleitung von Berufschorleiter Uwe Gerike über Stunden hinweg einstudierten und dabei sichtlich Spaß hatten. „Ich habe mir eines erwählet, ein schönes Schätzel wie mir es gefällt“, heißt es schmachtend in einem alten Brautlied, eines­ der beliebtesten Stücke der ­
Region.

Ganz begeistert ist der Autor von seinem Liebchen, ist das doch „so hübsch und fein, von der Tugend so rein“, heißt es in dem romantischen Drei-Stropher, mit dem die Dame des Herzens angebetet wird. Und am Ende bekommt sie der Sänger, der jubiliert „voller Freude so froh“.

Die Tradition der Brautlieder ist schon alt, wird in Oberasphe und Umgebung bis heute hochgehalten. Seit Generationen singen die Bewohner am Vorabend vor jeder Heirat ein Brautlied für das Hochzeitspaar.

Mit dieser Tradition soll Braut und Bräutigam der Weg in die Ehe versüßt werden und es ist zugleich Ausdruck des Gemeinschaftsgefühls im Dorf.

Dort ist die ein oder andere Stimme in den letzten Jahren­ ­etwas eingerostet – für den ­„Gesangverein 1894 Oberasphe“ und die „Burschenschaft 1985 Oberasphe“ ein guter­ Anlass, einen Workshop zum ­Aufpolieren des alten Brauchs zu geben.

„Brautlieder werden­ schon seit über 100 Jahren ­gesungen, die Tradition war ein wenig vom Aussterben bedroht, ­
also haben wir die Lieder neu belebt“, erklärte Gerike. Einen ersten Workshop hatte der professionelle Chorleiter bereits vor 33 Jahren gegeben.

Musikalische
 Bekräftigung der Ehe

Die Brautlieder sind eine musikalische Bekräftigung der Liebe und der Ehe. Die Herzensangelegenheiten stehen im Vordergrund, „denn es kann ja ohne Liebe kein Mensch glücklich sein“, heißt es im Brautlied: „Die Erde braucht Regen“. Die braucht sie wie der Mensch eben die Liebe, so die Aussage des Stückes.

Auch diese Ballade trugen die ausdauernden Sänger so lange­ vor, teilweise mehrstimmig, bis alle Noten, Höhen und Tiefen­ ­saßen. Auffallend viele junge Mitglieder aus der Burschenschaft nahmen an dem Workshop teil, neben bereits erfahrenen Chormitgliedern.

Und das aus gutem Grund: Mit einer Heirat verlassen die ehemaligen Junggesellen und mittlerweile Junggesellinnen die Burschenschaft und werden von den Kollegen mit einem Lied auf die Reise in die Ehe geschickt. „Bei uns Burschen ist es Brauch, dass wir alle Paare aus dem Ort singend verabschieden – das gehört einfach dazu und ist eine schöne Tradition“, sagte Konrad Schüßler.

Sänger werden zunehmend ton- und textsicher

Somit probten Burschen, Männerchor und Bewohner gemeinsam Strophe um Strophe der Brautlieder ein. Man will sich ja bei der nächsten Hochzeit nicht blamieren.

Im Repertoire hatte der Chor dabei nicht nur traditionelle Volkslieder, sondern auch „Bier-Liedchen zum Spaß“. Humorvolle Trinklieder lockerten zwischendurch die Stimmung und Kehlen auf.

„Leise, ganz leise kommt der Rausch – man muss ja nicht besoffen sein, ein kleiner Rausch tut‘s auch“, sangen­ die Sänger, allerdings in der letzten Strophe nicht ganz leise, sondern schmetternd und aus vollem Hals – das ist ja der Gag bei dem Lied. Und das brachte gute Laune in die harmonierende Truppe.

Der Nachmittag war ein voller Erfolg, „es sind viele­ gekommen, man merkt, dass es eine enge Gemeinschaft zwischen den Vereinen und ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl im Ort gibt“, sagte Gerike.

Zwischendurch erholten sich die Sänger bei wohlverdienten Pausen im Sonnenschein, bei Kaffee und Kuchen. Auch das ein oder andere Bier befeuchtete die Kehlen, die den gesamten Nachmittag ausgiebig gefordert wurden.

Irgendwann waren die Notenblätter fast schon überflüssig, die Sänger ton- und textsicher. Damit kann die nächste Hochzeit kommen. Davon stehen demnächst gleich fünf an, auf denen die Hochzeitspaare­ sicher mit einem besonders kräftigen Ständchen in die Ehe geschickt werden können.

von Ina Tannert

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