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Vieles verloren, noch mehr gewonnen

Minimalismus Vieles verloren, noch mehr gewonnen

Karin Maiwald aus Sterzhausen hat Ballast abgeworfen. Einen Monat lang schmiss sie Dinge weg, ­jeden Tag mehr. Dinge, die sie schon lange nicht mehr brauchte, die ihr nur ­Arbeit machten und ihr Leben so mitbestimmten.

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Nachdem Karin Maiwald „ausgemistet“ hat, gibt es auch wieder leere Schubladen im Haus.

Quelle: Dominic Heitz

Sterzhausen. Wer bei Karin Maiwald zu Besuch ist, merkt gleich: Die Frau hat auch Sinn für die kleinen Dinge des Lebens. In dem Haus, in dem die 49-Jährige mit ihrem Mann und drei Kindern seit 18 Jahren lebt, sieht es ein bisschen so aus wie in einem Wimmelbuch. Überall gibt es etwas zu entdecken, hängen Bilder oder schauen Figuren den neugierigen Besucher an. „Über die Jahre hat sich was angesammelt“, sagt sie und übertreibt damit nicht.

Vor etwa drei Jahren sei ihr das Buch „Das große Los“ von Meike Winnemuth in die Hände ­gefallen. Die Journalistin Winnemuth hatte bei „Wer wird ­Millionär“ 500 000 Euro gewonnen und anschließend eine einjährige Weltreise gemacht. In dieser Zeit habe die Journalistin gelernt, mit ganz wenigen Dingen zurechtzukommen, erzählt Karin Maiwald. „Das hat mich irgendwie angesprochen.“

Zu diesem Zeitpunkt waren die räumlichen Kapazitäten in dem Haus in Sterzhausen schon ausgelastet. Es sei immer mehr reingekommen als rausge­gangen, sagt Maiwald. „Irgendwann stellte sich die Frage:
Wo verstaue ich das noch?“

Kram macht Arbeit

Also habe sie im Internet zum Thema „Minimalismus“ recherchiert und darüber gelesen, wie andere Menschen mit Dingen umgehen, die sie besitzen, aber nicht mehr benötigen. Solche Dinge nähmen nicht nur Platz ein, sagt Maiwald.
Sie verursachten auch Arbeit, weil man sie saubermacht, sortiert oder hin und her räumt. „Dinge haben großen Einfluss auf uns, was einem nicht immer bewusst ist“, sagt die 49-Jährige.

Sie entschied sich, „auszumisten“. Die Aktion „465 Dinge in 30 Tagen“ (mehr hierzu im Kasten) hat Karin Maiwald im Netz entdeckt. Darüber hat sie mit ihrer Familie gesprochen, um sie von ihrem Plan zu überzeugen. Weggeworfen habe sie zwar nur eigene Sachen, doch „die Kinder ziehen jetzt mehr und mehr mit“, sagt sie. Sie hätten ihre Einstellung zu Gegenständen schon geändert.

Die Dinge auszusuchen, die sie weggibt, sei ihr nicht leicht gefallen, sagt Maiwald. Man müsse sie „in die Hand nehmen und emotional bewerten“. Jedesmal stellte sie sich die Frage: „Nutze ich das noch?“ Aber der Nutzen allein spielte bei der Entscheidung nicht die größte Rolle. Sie habe immer aus dem Bauch heraus entschieden, sagt sie. „Mein Ziel war es, das zu behalten, was in mir noch Freude auslöst.“

Manches hat Karin Maiwald weggeworfen, anderes verkauft oder verschenkt. Sie habe gemerkt, dass Dinge, die für sie keine Bedeutung mehr besitzen, anderen durchaus noch etwas geben können. So habe sie zum Beispiel einer jungen Frau eine alte Kette verkauft. „Die hat sich riesig darüber gefreut“, sagt Maiwald. Und so habe sie am Ende mehr gewonnen als verloren, resümiert die 49-Jährige. „Zeit für die Familie und ­Zufriedenheit“, sagt sie. Es sei eine „Erleichterung“, vermisst habe sie noch nichts. Und die alte Zwiebelmuster-Zuckerdose ihrer Großmutter passe auch wieder ins Regal.

von Dominic Heitz

465 Dinge in 30 Tagen

Sie wollen auch endlich mal ausmisten und den Plunder loswerden? Machen Sie es wie Karin Maiwald. Das geht so: Am ersten Tag suchen Sie sich einen Gegenstand aus, den Sie nicht mehr benötigen. Falls er kaputt ist, werfen Sie ihn am besten gleich weg. Könnte er für andere Menschen vielleicht noch von Wert sein, legen Sie ihn in eine von zwei Kisten. Eine Kiste ist für die Dinge, die Sie noch verkaufen können. In die andere kommen jene Sachen, die sie spenden möchten.

Die Kisten sollten möglichst an einem Ort stehen, wo Sie sie nicht ständig sehen. Sonst kommen Sie womöglich noch auf den Gedanken, die Sachen wieder herauszuholen. Weiter geht es am zweiten Tag, mit zwei Dingen, von denen Sie sich trennen. Am dritten dann drei und so weiter, bis sie schließlich am 30. Tag 30 Dinge aussortieren. Voilà: Schon sind 465 Sachen ausgemacht. Karin Maiwald gibt zudem noch Tipps zu den Gegenständen, die in Betracht kommen könnten: Kleidung oder Schuhe (passt nicht mehr oder ist kaputt), Küchenhelfer (selten benutzt), Geschirr, Besteck, Pfannen, Töpfe, DVDs und CDs, Videokassetten, Bücher, Zeitschriften, Dinge im Badschrank (Proben oder abgelaufene Produkte), Dekorationen, doppelte Werkzeuge. Wer möchte, kann die ganze Aktion mit Bildern dokumentieren und so wie Karin Maiwald auch täglich Fotos von den Sachen machen, die Haus oder Wohnung verlassen.

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