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Nordkreis Mehrfach gewalttätig gegen Ehefrau
Landkreis Nordkreis Mehrfach gewalttätig gegen Ehefrau
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15:00 11.03.2018
Ein Ehemann steht vor Gericht, weil er seine Ehefrau geschlagen und vergewaltigt haben soll.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Ein unstetes Aggressionspotenzial, Suchtprobleme und eine psychische Störung des Vaters sollen seit Jahren das Leben einer fünfköpfigen Familie aus dem Nordkreis bestimmen. Vor Gericht belasteten Ehefrau, Tochter und Sohn den angeklagten Familienvater schwer. Diesem wird vorgeworfen, vor zwei Jahren gewalttätig geworden zu sein, er ist wegen Bedrohung und Körperverletzung angeklagt.

Das Opfer: seine Frau, mit der er seit 30 Jahren verheiratet ist. Laut Anklage habe der betrunkene Ehemann sie in der gemeinsamen Wohnung zweimal an den Haaren gerissen, sie auf diese Weise von einem Bett gezogen und einmal auf die am Boden liegende eingetreten. Erst als seine beiden erwachsenen Kinder ihn wegzogen, ließ er von der Geschädigten ab, so der Vorwurf.

Drei Tage später soll er erneut in der Wohnung randaliert haben, bis seine Familie die Polizei zu Hilfe rief. Bei deren Eintreffen habe er seine Ehefrau wie die Polizisten mit den Tode bedroht.

Eindeutige Angaben zu den Vorwürfen machte der Angeklagte nicht, wies eine Schuld seinerseits weit von sich. Bei einer ersten Stellungnahme warf er den Polizisten umgehend ein „unmenschliches Verhalten“ ihm gegenüber vor, „so lasse ich mich nicht behandeln“, ereiferte er sich. Konkreter wurde er dazu nicht, machte auch keine Angaben zu den angeblichen Übergriffen gegen seine Frau.

Jahrelanger Alkohol- und Drogenkonsum

Sein Verhalten vor Gericht erschien auffällig – mehrmals versuchte er sich zu rechtfertigen, beschwerte sich, dass überhaupt Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden. Seine Aussage pendelte stets hin und her zwischen Vorwürfen gegen die Prozessteilnehmer, fragwürdigen Begründungen oder nichtssagenden Informationen. Reue oder Einsicht ob seiner Taten zeigte er nicht, schien „überhaupt kein Unrechtsbewusstsein zu haben“, merkte Strafrichter Thomas Vollmer an.

Hintergrund aller Taten soll ein jahrelanges Alkohol- und Drogenproblem sein. Der Mann konsumiere regelmäßig Alkohol und Cannabis und hat bereits mehrere Entzugstherapien hinter sich, die er teilweise abgebrochen hatte. Vor wie nach den aktuellen Taten lebte er monatelang von seiner Familie getrennt im Entzug. Immer nach seiner Rückkehr besserte sich sein Verhalten für kurze Zeit, „dann fing alles wieder von vorne an“, gab seine Ehefrau zu Protokoll.

Sie berichtete von einem gestörten Familienleben, von wechselhaften Stimmungslagen ihres Mannes, regelmäßigen Ausrastern, Beleidigungen gegen sie und die Kinder. „Er hatte mal gute Tage, dann wurde er wieder aggressiv, er ist nicht normal“, teilten auch die Tochter und der Sohn frustriert vor Gericht mit.

Das ständige Auf und Ab war abhängig von seinem Drogenkonsum – war er bekifft, hatte er gute Laune, Tage später kehrte die Aggression zurück. „Wenn er keine Drogen hat und Alkohol trinkt wird er richtig böse“, so die Mutter, die während ihrer Vernehmung mehrfach in Tränen ausbrach. Sie denke mittlerweile über eine Trennung nach. Davor habe sie bislang zurückgeschreckt, glaubt, ihr Mann sei krank und brauche eher Hilfe, als eine harte Strafe. „Aber langsam reicht es mir.“

Vergewaltigungsversuch weist Angeklagter zurück

Denn die Gewalt habe auch nach den angeklagten Taten nicht aufgehört – erst drei Tage vor der Verhandlung habe er ihr erneut an den Haaren gerissen, sie zum Sex gedrängt und als sie sich wehrte, frustriert ihren Kopf in ein Kissen gedrückt, bis ihre Kinder hinzukamen, berichtete die Geschädigte stockend.

In dieser Angelegenheit kündigte Staatsanwalt Sebastian Brieden bereits Ermittlungen an, erwähnte indes weitere Strafverfahren, die gegen den Angeklagten laufen. Er warf dem Mann am Rande der Beweisaufnahme vor: „Sie haben versucht, ihre Frau zu vergewaltigen“.

Daraufhin rastete­ der Beschuldigte aus, lieferte sich ein kurzes Schreiduell mit Richter und Staatsanwalt. „Das ist doch scheiße – jetzt halt mal die Bälle flach“, ereiferte er sich und wies den Vorwurf brüskiert zurück. Nach einer deutlichen Warnung des Richters, kehrte wieder ­Ruhe ein. Streitpunkt vor Gericht war die Zurechnungsfähigkeit des Mannes, der ­neben einer Mehrfachabhängigkeit an ­einer Persönlichkeitsstörung leiden soll.

Verteidigerin Raziye Ceylan bezweifelte, dass ihr Mandant zum Tatzeitpunkt bei Sinnen war und vermutete eine gänzliche Schuldunfähigkeit. Ihren Vorschlag, das Verfahren auszusetzen, wenn der Angeklagte­ eine weitere Therapie mache, wies das Gericht zurück. Verteidigerin und Angeklagter bestanden schließlich auf der Bestellung eines psychiatrischen Gutachters für den Prozess.

Der Richter setzte das Verfahren vorerst aus. Damit wird der Fall vermutlich um mehrere Monate verschoben, dann mit Gutachter von vorne aufgerollt werden müssen. Nach der Verhandlung kehrte der Angeklagte mit seiner Familie nach Hause ­zurück. Darüber herrschte­ auf Seiten des Gerichts nicht wenig Besorgnis: „Passen Sie auf zu Hause“, schärfte Brieden dem Mann ein. Der ärgerte sich über die Ermahnung und polterte los: „Ich habe hier die Hosen an“, bevor er mit einem Lächeln zurück zu seiner wartenden Familie ging.

von Ina Tannert