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Lahntal Grippewelle rollt erst an
Landkreis Nordkreis Lahntal Grippewelle rollt erst an
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10:52 19.02.2018
Dr. Jan-Christof Oehler ist Allgemeinmediziner in Sterzhausen. Foto: Lukas Rameil
Sterzhausen

Wenn in den Betrieben der Krankenstand wächst, die Papiertaschentücher-Industrie Verkaufsrekorde bricht und in den Arztpraxen die gelben Formulare knapp werden, dann grassiert mal wieder die Grippe. Gefühlt ist zurzeit jeder Zweite krank. Doch ist das wirklich so? Ein Arzt klärt auf.

OP: Das Wartezimmer voller Schnupfnasen. Mancher sagt: So schlimm war es noch nie. Ist es wirklich so krass?
Dr. Jan-Christof Oehler: Das kann ich heute im Lahntal noch nicht bestätigen. Es gab schon schlimmere Phasen in den letzten Jahren. Was nicht heißt, dass es nicht noch kommt. Die Zahlen des Robert-Koch-Institutes hinken immer drei Wochen hinterher. Aber da zeigt sich schon, dass der Anstieg kommt. Mittelhessen ist aber der harmloseste Bereich in ganz Deutschland. Vor drei Wochen jedenfalls. In unserer Praxis waren heute nicht mehr Erkältungspatienten als in der letzten Woche. Noch explodiert es nicht.

Sind Männer wirklich
wehleidiger als Frauen?

OP: Woran kann man erkennen, ob es nur eine Erkältung oder doch eine ausgewachsene Grippe ist?
Oehler: Einen wirklich sicheren Grippe-Nachweis bringt nur ein Abstrich. Symptome für eine Grippe sind der plötzliche Beginn mit Abgeschlagenheit und hohem Fieber. In den letzten Jahren haben wir auch häufig mit Magen-Darm-Symptomen zu tun; nicht selten geht es mit Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall los, und dann kommen die typischen Grippe-Symptome. Und man ist wirklich schwer krank. Wir unterscheiden ja im Volksmund die echte Grippe von der Männergrippe. Da sind die Symptome schon unterschiedlich.

OP: Sind Männer tatsächlich wehleidiger als Frauen?
Oehler: Das wird von der Werbung gerne suggeriert, deckt sich aber nicht mit meiner Erfahrung. Wir nehmen die Männer trotzdem ernst.

OP: Wie gefährlich ist eine Grippe? Kann man daran sterben?
Oehler: Sicher kann man an Grippe sterben. Man rechnet in Deutschland etwa mit fünf- bis zehntausend Toten pro Jahr. Es trifft in der Regel alte, kranke Menschen. Es sterben mehr Leute an Grippe als im Straßenverkehr. Es besteht eine Diskrepanz hinsichtlich des Aufwandes, den wir betreiben, um Grippe- und Verkehrstote zu verhindern. Unser schärfstes Schwert gegen die Grippe ist in diesem Jahr stumpf: Der in den meisten Fällen nachgewiesene Influenza-Subtyp ist nicht in der Standard-Grippeimpfung vorhanden. Insofern kann es schon sein, dass uns die Grippewelle noch schlimmer treffen wird, als in den Vorjahren.

OP: Verändern sich die Erreger? Werden sie gefährlicher?
Oehler: Natürlich ist es vorstellbar, dass es durch Mutation oder Vermischung mit anderen Erregern zu einem virulenten Stamm kommt. Wie gefährlich die Grippe in diesem Jahr ist, können wir aber jetzt noch nicht absehen. Die Grippe macht eine Welle rund um den Globus. Wir schauen immer auf die Südhalbkugel, um zu prognostizieren, welche Erreger-Stämme im Frühjahr auf uns zukommen. Das kommt dann in den Impfstoff. Da kann man auch mal daneben liegen. Das ist dieses Jahr der Fall, weil sich ein anderer Grippe-Stamm durchgesetzt hat, als erwartet. Ich denke, auch dieses Jahr wird es nicht schlimmer als sonst.

Eine echte Grippe kann zwei Wochen dauern

OP: Sind die Erreger in diesem Jahr hartnäckiger? So mancher ist gleich mehrere Wochen krank.
Oehler: Sie dürfen durchaus damit rechnen, dass sie zwei Wochen krank sind. Auch das unterscheidet die Grippe von einem harmloseren Erkältungsinfekt, den sie in der Regel nach vier bis sieben Tagen wieder abgeschüttelt haben.

OP: Wann kann man denn noch zur Arbeit gehen? Und wann sollte man zu Hause bleiben?
Oehler: Das hängt von der Arbeitssituation ab. Habe ich Kunden- oder Kollegenkontakt? Arbeite ich körperlich? Mit Fieber gehört man aber in jedem Fall ins Bett. Man sollte auch nicht „gedopt“ zur Arbeit gehen. Es gibt ja genügend Medikamente, um mich so zu „dopen“, dass ich arbeitsfähig bin. Das ist aber nicht sinnvoll, weil ich mich damit Folgeerkrankungen aussetzen kann. Das kann bis zu Herzmuskelentzündungen reichen, die tödlich enden können. Die Arbeitgeber üben allerdings oft Druck aus, auch krank zur Arbeit zu kommen. Dann steckt man aber vielleicht noch alle Kollegen an. Bei Kunden kommt es sicher auch nicht so gut, wenn man mit Triefnase am Tresen steht. Wenn jemand mit einer Herzmuskelentzündung ein halbes Jahr lang ausfällt, dann hätte stattdessen vielleicht die ganze Belegschaft eine Woche zu Hause bleiben können.

OP: Welche Medikamente sollte man bei einer Grippe nehmen?
Oehler: Wenn die Nebenhöhlen zu sind, muss ich die Nase freihalten, sollte also Nasenspray nehmen. Und ich sollte aus­reichend trinken. Mehr kann ich nicht machen. Das Fieber sollte man nur senken, wenn es sehr hoch ist. Ab 41 Grad wird ­
 Fieber bedrohlich. Aber wer ­außer ­Kindern hat schon mal 41 Fieber gehabt? Bei Erwachsenen habe ich das erst einmal erlebt.

OP: Schlaf sei die beste Medizin, sagt man. Wie viel Schlaf darf es sein?
Oehler: Das ist so, ja. Schlaf darf es im Falle eines Infektes so viel sein, wie der Körper sich holt. Es ist kein Problem, auch mal zwölf Stunden zu schlafen. Je länger ich liege, um so schwieriger kommt der Kreislauf wieder in Gang. Das muss man über Getränke kompensieren. Wenn ich mehr trinke, kommt auch der Kreislauf wieder in Schwung.

OP: Wie sieht es mit Essen aus?
Oehler: Man sollte schon eine Kleinigkeit essen, am besten etwas leicht Verdauliches. Früchte, Hühnerbrühe, so etwas in der Richtung. Hochdosiertes Vitamin C bringt übrigens gar nichts.

OP: Kriegen wir denn jetzt noch eine Grippewelle oder nicht?
Oehler: In benachbarten Bundesländern ist sie schon da. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis sie bei uns ist. Außerdem haben wir durch die ­Karnevalstage extremen zwischenmenschlichen Kontakt und damit ein deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko. Die Grippewelle dauert dann meistens zwischen vier und sechs Wochen. Das heißt, wenn es jetzt los geht, bis Ende März.

von Dominic Heitz