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Jeder Grabstein trägt eine Geschichte

Jüdischer Friedhof Wetter Jeder Grabstein trägt eine Geschichte

In Wetter und Dörfern der Umgebung haben ­jüdische Familien jahr­hundertelang ihre Toten im Wald auf dem Wollenberg begraben. Jetzt gibt es ein Buch über diesen geschichtsträchtigen Ort.

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Seit einem halben Jahrhundert wurde auf dem jüdischen ­Friedhof im Wald auf dem Wollenberg niemand mehr beigesetzt. 

Quelle: Privatfoto

Wetter. Er wurde erstmals 1752 auf einer Karte erwähnt, jetzt wird ihm ein ganzes Buch gewidmet: der jüdische Friedhof auf dem Wollenberg bei Wetter. Der Wettenberger Andreas Schmidt hat gemeinsam mit Wetters Stadtarchivar Hans ­Uffe Boerma, dem mittlerweile verstorbenen Hebräisch-Lehrer Friedrich Damrath und mit Unterstützung der Geschichtswerkstatt Marburg das 130 Seiten starke Buch „Der gute Ort im Wollenberg“ verfasst.

Das Buch kostet 10 Euro und kann im ­Wetteraner Rathaus, im Stadtarchiv oder bei der Geschichtswerkstatt gekauft werden.

„Geschichte und Grabsteinbestand des jüdischen Friedhofs bei Wetter“ lautet die Unterzeile des Buchtitels und skizziert damit den Inhalt: Schmidt und die anderen haben in mühevoller Kleinarbeit eine Übersicht über alles Wissenswerte zu der Begräbnisstätte zusammengetragen.

Die Arbeit liefert einen „weiteren Mosaikstein zur Darstellung der Kulturgeschichte des jüdischen Lebens im Landkreis“, heißt es in einer Presseerklärung der Geschichtswerkstatt Marburg. Das Buch ist der zweite Band in einer Reihe, die 2009 mit einem Buch über die Friedhöfe von Fronhausen, Lohra und Roth ihren Anfang nahm.

Geschichte der Familien erforscht

Und auch für das nun erschienene Werk opferten die Beteiligten viel Freizeit. Da wären die Inschriften der 56 Grabsteine, die von Friedrich Damrath übersetzt wurden. Der Hebräisch-Lehrer hatte auch schon an dem ersten Band der Reihe mitgearbeitet. Andreas Schmidt ergänzte die Angaben mit den Ergebnissen eigener Nachforschungen und ordnete so die Beigesetzten in ihren familiären Kontext ein.

Darüber hinaus hat Schmidt die Grabsteine abgelichtet. Die Steine wurden gesäubert und bei ganz bestimmten Lichtverhältnissen für das Buch fotografiert. Schmidt legte großen Wert darauf, dass die Inschriften gut zu lesen sind und fotografierte ausschließlich bei seitlich einfallendem Licht, damit keine Schatten auf dem Stein zu sehen sind.

Hans Uffe Boerma ist seit 25 Jahren ehrenamtlicher Stadtarchivar in Wetter und steuerte einen geschichtlichen Abriss bei. Damit vervollständigt er das Bild des Friedhofs, wenn er dessen Geschichte durch die Jahrhundert skizziert und dabei auf umfangreiches Quellenmaterial aus den Archiven zurückgreift.

Hans Uffe Boerma (von links), Elisabeth Auernheimer und Barbara ­Wagner von der Geschichtswerkstatt Marburg sowie Andreas Schmidt präsentieren die Früchte ihrer umfangreichen Arbeit. Foto: Dominic Heitz

So erinnert er beispielsweise an jene dunklen Jahre der Diktatur der Nationalsozialisten, als der Friedhof geräumt werden sollte und sich einige Bewohner schon über die Grabsteine hermachten und sie abtransportierten. Nach dem Krieg mussten die Steine zurückgebracht werden – genau wie der Zaun, der ebenfalls zum Teil entfernt worden war. Boerma tritt als Archivar in den Ruhestand. Für ihn war es „das letzte große Projekt, das noch offen war“, sagt er.

Eine Skizze zeigt dem Leser zudem genau, wo welcher Stein steht. Dies soll nicht zuletzt jenen zur Orientierung dienen, die den Friedhof und die Ruhestätte von Verwandten besuchen wollen. Denn auch dafür ist das Buch bestimmt: Damit die Nachkommen jüdischer Familien aus Wetter, Caldern, Goßfelden und Sterzhausen sich ihrer Vorfahren erinnern können.

Das Buch endet mit dem letzten Grabstein, der auf dem Friedhof gesetzt wurde, und der letzten Beerdigung. Fred Buchheim war einst vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geflohen und kehrte später nach Wetter zurück. Er starb am 29. Juni 1968 und wurde auf dem Wollenberg begraben. Es war die einzige Beerdigung auf dem Waldfriedhof nach der Verfolgung jüdischer Bürger während der NS-Zeit.

von Dominic Heitz

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