Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Nordkreis Investition in 25 Tonnen Mikroplastik
Landkreis Nordkreis Investition in 25 Tonnen Mikroplastik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 12.10.2018
In Marburg gibt es acht Kunstrasenplätze, so wie hier im Georg-Gaßmann-Stadion. In der Gemeinde Cölbe wurde der Bau eines Platzes für eine halbe Million beschlossen. Quelle: Thorsten Richter
Cölbe

Während in Deutschland Trinkhalme aus Plastik verboten werden und Marburg über ein Verbot von Plastiktüten sowie Coffee-to-go-Bechern nachdenkt, investiert die Gemeinde Cölbe eine halbe Million Euro in etwa 8000 Quadratmetern Plastik und Mikroplastik. Vor ein paar Wochen haben die Stadtvertreter dem Bau eines Kunstrasenplatzes zugestimmt, damit auch im Winter trainiert werden kann.

Der Naturrasenplatz wäre in der kalten Jahreszeit nicht bespielbar und viele Kinder würden in andere Vereine wechseln, weil sie dort auf Kunstrasen eben das ganze Jahr über trainieren könnten, lautet ihre Begründung.

8000 Quadratmeter Kunstrasen, 25 Tonnen Granulat. Das bedeutet nach zwölf Jahren etwa 200 Tonnen Kunststoffabfälle. Denn nur so lange hält der Plastikrasen durchschnittlich laut Hersteller. Dann sind erneut mindestens eine halbe Million Euro fällig, um den Platz wieder herzurichten. Sollte das Granulat zwischendurch „abhanden“ kommen, dann muss es für viel Geld angeschafft werden.

Kicken unabhängig vom Wetter

Es bleibt an der Spielerkleidung hängen, landet in etlichen privaten Waschmaschinen und gelangt so in den Wasserkreislauf. An Schuhen klebend wird es in die Natur getragen, wird bei Niederschlag in den Boden gespült. Denn die Partikel sind nur bis zu vier Millimeter groß, gelten als Mikroplastik, das sogar von Fischen gefressen wird.

Marburgs Stadtvertreter haben sich erst kürzlich damit beschäftigt, wie denn Kläranlagen umgerüstet werden müssten, um die Mikroplastik herauszufiltern, und sich dafür ausgesprochen, den Gebrauch von Plastik zu reduzieren. Im gesamten Stadtgebiet gibt es insgesamt acht Kunstrasenplätze. Das bedeutet 52.537,50 Quadratmeter versiegelte Fläche durch toten Kunststoff. Cölbe und viele andere kleinere Vereine wollen unbedingt einen Kunstrasen.

Training im Winter und dauerhafte Bespielbarkeit scheinen als Pro-Argumente völlig auszureichen. Dass Kunstrasen bei Frost und Schnee nur eingeschränkt bespielbar ist, das wird schön geredet. Frischer Schnee muss mit speziellem Gerät (nicht in den 500.000 Euro Anschaffungspreis enthalten) entfernt werden. Und das ist nur möglich, wenn der Schnee nicht in den Flor eingetreten wurde, schreiben die Hersteller.

Ex-Profi: Kunstrasen ändert den Fußball

Hinzu kommt: wo soll der Schnee bleiben? Bei einer Schneehöhe von zehn Zentimetern bei 8000 Quadratmetern bedeutet das 800 Kubikmeter Schnee. Die müssen erst einmal bewegt und gelagert werden. Weiterhin wird, je nach Konsistenz des Schnees, mehr oder weniger Granulat vom Platz abgetragen. Besteht die Möglichkeit, den abgetragenen Schnee auf festem Untergrund zu lagern, kann das Granulat nach Reinigung eventuell wieder verwendet werden. Wenn nicht, dann ist es verloren, warnen die Hersteller.

„Das Spiel ist auf Kunstrasen komplett anders. Es geht mehr auf die Bänder, die Halbwertzeit eines Fußballers wird auf Kunstrasen drastisch reduziert. 90 Prozent der Fußballer sagen sicher: echter Rasen – und die sollten entscheiden. Die Natur kann man nicht so einfach imitieren“, sagte einst Frank Rost, Fußballspieler bei Werder Bremen, FC Schalke 04 und dem Hamburger SV. Und er gibt damit das weiter, was viele Profis denken. Denn Fußball und Naturrasen – das ist auch eine emotionale Verbindung, die seit vielen Jahrzehnten besteht und einen Teil der Faszination dieses Sports ausmacht.

Granulat heizt sich leicht auf

In nur wenigen großen Stadien wurde bisher Kunstrasen verbaut. Und wenn doch, dann sind die Spieler unzufrieden damit, wie der Ball springt, mit der Härte des Bodens und der erhöhten Verletzungsgefahr. Dennoch mussten die Frauen bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2015 in Kanada auf Kunstrasen spielen. „Du überlegst dir sehr genau, ob du in ein Tackling gehst oder grätschst“, wurde Abby Wambach, US-amerikanische Nationalspielerin, damals zitiert.

Das Granulat hatte sich trotz der moderaten Außentemperaturen von 23 Grad Celsius auf bis zu 50 Grad Celsius aufgeheizt, kostete die Aktiven viel Substanz. Das Wässern des Kunstrasens brachte gar nichts, nach fünf Minuten war er wieder trocken. „Ein Albtraum“, so die Amerikanerin. Teamkollegin Sydney Lerous fühlte sich damals beleidigt und diskriminiert: 
„Warum werden Männerturniere auch 2018 in Russland und ­sogar 2022 im brütend heißen Katar weiterhin auf Naturrasen gespielt?“ Abby Wambach antwortete: „Weil sie das boykottieren würden.“

Orthopäde befürchtet Langzeitschäden

Das Naturprodukt Rasen ist ein wichtiger Sauerstofflieferant dieser Erde – ein Fußballfeld allein produziert Sauerstoff für 120 Menschen. Darüber hinaus bindet Naturrasen Staub und absorbiert Schadstoffe. Der Rasen kühlt durch Verdunstungsleistung die Umgebung, so dass sich der Sportler auf dem Naturrasen am wohlsten fühlt. Kunststoffrasen dagegen kann die Umgebung nicht kühlen, sondern gibt die Temperaturen an den Platz zurück. Das haben auch die Frauen in Kanada gespürt.

Dr. Hans-Günter Schafdecker von der Orthopädischen Praxisklinik in Baunatal sagt, „dass das höhere Tempo im Spiel und höhere Temperaturen auf dem Platz Herz und Kreislauf belasten und für schnellere Erschöpfung sorgen. Hautabschürfungen sind deutlich häufiger, und bei Kindern im Wachstum haben wir vermehrt Knorpelschäden in Sprung- und Kniegelenken festgestellt. Vermutlich durch die Nachfederung des Belangs, einen Rückstoßeffekt.“

Das alles wurde in Cölbe letztlich wegdiskutiert, die Investition in den Kunstrasenplatz beschlossen. Für Heinrich Friedrich von der SPD eine Fehlinvestition. „Es gäbe viele andere Projekte in der Gemeinde. Die Kirche lassen sie zerfallen, geben lieber eine Million für einen Kunstrasenplatz aus.“

von Katja Peters

PRO

Der Traum von der grünen Wiese

Was ist die Alternative zum Kunstrasenplatz? Sicher kein Hartplatz. Da dürften sich alle einig sein, denn auf dem steinigen Untergrund ist die Verletzungsgefahr am höchsten. Also ein schöner Rasen. Ein sattes Grün. Nur ist es eben nicht so, dass man die schöne Wiese einfach wachsen lassen kann.

Enorme Wassermengen müssen dem Platz zugeführt werden, damit er in einem Sommer wie dem zurückliegenden überhaupt bespielbar ist. Bleibt das teure und aufwendige Wässern aus, wird der Boden hart wie Stein. Spieler treten in Löcher oder verletzen sich anderweitig auf dem unebenen Gelände.

Im Frühjahr wird der Naturrasen gedüngt und oftmals für den Spielbetrieb gesperrt. Er muss gewalzt und belüftet werden. Für diese Arbeiten braucht es einen Platzwart, den sich viele Vereine nicht leisten können, beziehungsweise finden sie niemanden für den Job. Im Winter ist der Rasenplatz dann gar nicht mehr zu bespielen.

Unter dem Strich bleibt: ein Rasenplatz ist in der Pflege enorm teuer, dafür oft gesperrt. Gerade Jugendmannschaften leiden darunter, weil sie die ersten sind, die nicht trainieren dürfen, wenn der Platz „geschont“ werden muss. Gibt es keinen Ausweichbolzplatz, entfallen die Einheiten.

Ein Kunstrasen hingegen bietet den Sportlern die immer gleichen Voraussetzungen – auch bei widrigem Wetter. Er ist pflegeleichter und für alle Abteilungen, von Jugend bis Senioren, gleichermaßen nutzbar.

von Dennis Siepmann

CONTRA

500.000 Euro in Plastik investiert

Der Kunstrasenplatz in Cölbe ist beschlossene Sache. Da gibt es kein Zurück mehr. 500.000 Euro investiert die Stadt in Plastik, das heute ­eigentlich jeder vermeiden will. Verschmutzte Weltmeere, verschmutzte Böden – überall gibt es zuviel Plastik oder dessen Rückstände. Aber das wird beim Wort „Fußball“ offenbar alles verdrängt.

Klar müssen Vereine gefördert werden, klar sollte der Nachwuchs trainieren können. Aber zu welchem Preis? Eine halbe Million Euro werden ausgegeben, damit eine Gruppe eventuell ganzjährig ihren Spaß hat. Aber wie erklärt die Gemeindevertretung, dass nun der dringend sanierungsbedürftige Kindergarten in Bürgeln wieder hinten runter fällt? Vor ein paar Jahren fehlte der Gemeinde das Geld, um dort den völlig desolaten Fußboden zu erneuern.

Jetzt, wo die Kassen durch die gute Konjunktur voll sind, wird als erstes in einen Kunstrasenplatz investiert, anstatt in die Kindergärten. Denn der in Schönstadt bräuchte auch dringend eine Generalüberholung. Und was ist mit dem Dorfgemeinschaftshaus? Mit 500.000 Euro hätte man dort sicher das Dach sanieren können und davon hätten nicht nur die Fußballbegeisterten etwas gehabt.

Wenn sich Fußballverein und Deutscher Fußballbund, der übrigens von Kunstrasenherstellern gesponsert wird, an den Kosten großzügig beteiligt hätten, dann hätte Cölbe sicher nicht so viel Geld ausgeben müssen, das in anderen Projekten dringender gebraucht wird.

von Katja Peters