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Nordkreis Zeuge: „Er hatte eine Pistole in der Hand“
Landkreis Nordkreis Zeuge: „Er hatte eine Pistole in der Hand“
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00:17 08.11.2018
Der Angeklagte wird in Handschellen in den Sitzungssaal geführt. Kurz nach der mutmaßlichen ­Auto-Attacke in Cölbe wurde er in Untersuchungshaft genommen. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Wieder und wieder fragten alle Prozessbeteiligten am Freitag bei den beiden Zeugen nach: War es tatsächlich das schwarze Auto, das in die Menschenmenge raste und dann noch angeblich drei Menschen rammte und verletzte? „Ja, der hat drei Leute von uns umgefahren – mehrere Jugendliche lagen am Boden“, wiederholte­ ein Augenzeuge mehrfach. Er ist Angehöriger der angeblich mit der Familie des Angeklagten verfeindeten Sippe. Im Hintergrund der Tat steht eine schwelende Familienfehde. Auch eine­ weitere Verwandte des ersten Zeugen bestätigte den Vorwurf und gab an, dass der erste­ ­Wagen „in die Menschen“ ­gefahren sei.

Die Aussagen überraschten, denn bislang ging das Gericht davon aus, dass am Tatabend erst der schwarze Wagen – gefahren vom Sohn des Beschuldigten – heranrauschte, jedoch noch vor dem Mob auf der Straße stoppte. Erst danach folgte der zweite Wagen mit dem ­Vater am Steuer, ein weißer VW, von dem ebenfalls nicht eindeutig klar ist, ob er Personen überhaupt streifte, auch wenn er sichtlich näher heranfuhr.

"Mit Gläsern und Flaschen geworfen"

Zumindest sieht man nichts dergleichen auf den Überwachungsbildern. Der Zeuge sprach vom Gegenteil: Sein eigener Sohn sei an dem Abend verletzt worden, „er wurde von dem schwarzen Auto angefahren, nicht dem weißen“, hob er hervor. Auch was danach geschah, ist unklar: Laut des Zeugen ging die Gewalt von der Gegenpartei aus, „die andere Seite hat uns angegriffen, mit Gläsern und Flaschen geworfen“. Ähnliches wirft wiederum die Familie des beschuldigten Autofahrers den Kontrahenten vor.

In dem Prozess angeklagt ist das Familienoberhaupt der anderen Partei, der laut Staatsanwaltschaft am Abend des 15. Aprils mit seinem Kleinwagen mit Tötungsabsicht in eine Menschenmenge – bestehend aus Angehörigen der anderen Familie – gefahren sein soll, was der Mann bestreitet (die OP berichtete). Ihm wird unter anderem vierfacher versuchter Totschlag vorgeworfen.

War eine Schusswaffe im Spiel?

Bereits im Vorfeld der Eskalation soll es zwischen den zerstrittenen Sippen mehrfach zu Übergriffen gekommen sein, etwa zwischen dem Angeklagten und dem Wortführer der zweiten Familie. Dessen Frau will von dem Familienzwist indes nichts mitbekommen ­haben, gab sie vor Gericht an. Weder von gewalttätigen Auseinandersetzungen, die in mehreren­ ­Polizeieinsätzen endeteten noch von wiederholten Drohungen und Anzeigen beider Seiten, die es nachweislich gab.

Des Weiteren berichtete sie von einer aufgeheizten Stimmungslage am Tatabend, an dem sich beide Familien gegenüberstanden. Sie versteckte sich im Inneren eines Gebäudes und hörte nur „lauten Krach – es war plötzlich viel Panik und Angst im Raum.“ Mit eigenen Augen etwas gesehen habe sie nicht, war sich aber sicher, dass „mein Mann von einem Auto angefahren wurde“. Sie blieb bis zum Eintreffen der Polizei im Haus – zu dem Vorwurf, dass einer ­ihrer Verwandten von dort eine scharfe Schusswaffe besorgte, später wieder versteckte, wollte sie keine Angaben machen.

Darum drehte sich jedoch die zweite brisante Frage des Gerichts. Der erste Zeuge gab an, dass wiederum der Angeklagte eine Waffe dabei hatte, „ich habe gesehen, dass er eine Pistole in der Hand hielt – das hat mir Angst gemacht.“ Daher habe er es aufgegeben, in dem ­Familienzwist schlichten zu wollen. Scharfe Schusswaffen wurden dagegen bei seiner eigenen­ ­Familie gefunden, nicht im Haus des Angeklagten.

von Ina Tannert