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„Im August sind wir wach geworden“

Goßfelden „Im August sind wir wach geworden“

Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund haben die Bürgerinnen und Bürger Lahntals in den vergangenen Monaten wachgerüttelt. Am MIttwoch fand eine Bürgerversammlung zum Thema in Goßfelden statt.

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„Wir nehmen das Problem sehr ernst“, erklärte Frank Göbel (rechts), Leiter der Kriminalpolizei Marburg, den Besuchern der Bürgerversammlung in der Lahnfelshalle.

Quelle: Christina Muth

Goßfelden. Dass das Interesse ungebrochen ist, zeigte sich schnell: Zusätzliche Stühle mussten aufgestellt werden, damit alle Besucher einen Sitzplatz hatten. Während des Abends informierten Jugendpflegerin Angela Weber, Frank Göbel, Leiter der Kriminalpolizei Marburg, Peter Korstian vom Aussteigerprogramm IKARus (Informations und Kompetenzzentrums-Ausstiegshilfen Rechtsextremismus) und Nadja Id Lefqih als Vertreterin des Bürgerforums gewaltfreies Lahntal über den Umgang mit rechtsorientierten Jugendlichen.

Jugendpflegerin Angela Weber berichtete, dass der damals selbstverwaltete Jugendclub Sterzhausen im November vergangenen Jahres geschlossen wurde. Grund: Die Jugendlichen hätten rechtsextremistische Symbole auf eine Wand gemalt, ein Anwohner, der das Gespräch gesucht habe, sei bedroht worden. Zudem habe ein erwachsener Rechtsextremist die Jugendlichen im Club aufgesucht und zu Konzerten mitgenommen. „Es war Zeit für professionelle Hilfe“, sagte Weber.

Bevor der Jugendclub jetzt wieder geöffnet wurde, haben Jugendpflegerin und Betreuer an Workshops teilgenommen, um sich auf den Umgang mit rechten Jugendlichen vorzubereiten. Der Jugendclub ist jetzt dreimal wöchentlich mit zwei Betreuern geöffnet.

„Wir setzen auf Integration“, erklärte Angela Weber. Sie hoffe, dass sich die Cliquen wieder mischen. „Wir wollen den Jugendlichen die Angst nehmen“. Das Konzept scheint aufzugehen: Seit zwei Wochen kommen wieder Jugendliche in den Club.

Frank Göbel, Leiter der Kriminalpolizei Marburg, erklärte zu Beginn seiner Ausführungen: „Wir nehmen das Problem sehr ernst.“ Nachdem zwei Männer imAugust auf der Brücke in Goßfelden zusammengeschlagen wurden (die OP berichtete), sei man „wach geworden“.

Nach dem jüngsten Vorfall am 1. November – auf dem Heimweg von einem Oldieabend war ein Mann angegriffen worden – konnte einer der Haupttäter ermittelt werden. Er ist in Haft. „Das ist ein schöner Erfolg für die Polizei. Die Gruppe wird dadurch verunsichert.“ Im September wurde eine Arbeitsgruppe „AGBrücke“ für rechtsmotivierte Straftaten gegründet. Im Visier der Ermittler stehe „ein fester Kern“ von vier bis fünf Jugendlichen und ein Umfeld von insgesamt etwa 20 Personen. Die Polizei ist in Goßfelden jetzt häufiger präsent.

Göbel stellte aber auch fest, dass im Vergleich mit anderen Gemeinden „Lahntal nicht der Kriminalitätsschwerpunkt“ ist. Die Anzahl der Sachbeschädigungen in Lahntal habe in diesem Jahr allerdings zugenommen. Die Polizei werde aber auch nicht bei allen Ereignissen gerufen, und Vieles läge im nicht strafbaren Bereich, so Göbel. Sein Apell an alle Lahntaler: „Scheuen Sie sich nicht, die Polizei zu informieren.“

Die Ermittlung rechtsextremer Jugendlicher ist eine Aufgabe, sie beim Ausstieg aus der rechten Szene zu unterstützen, eine nicht minder wichtige. Was junge Menschen dazu bewegt, auszusteigen und wo sie Hilfe finden, erläuterte Peter Korstian, der beim hessischen Aussteigerprogramm IKARus tätig ist. Zum Absprung aus der rechten Szene wurde im Jahr 2003 auf Initiative der hessischen Landesregierung das Projekt „Ausstiegshilfen Rechtsextremismus in Hessen“ ins Leben gerufen. „Richten Sie nicht den Blick nach oben, der Rechtsextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, begann Korstian. Rechte Orientierung komme nicht über Nacht, sondern sei ein langer Prozess.

Der rechtsextreme Lifestyle halte attraktive Angebote für Jugendliche bereit. Als einen möglichen Einstieg in die Szene nannte Korstian die Musik. Schon Elfjährige würden mit der Musik konfrontiert, manche fänden Gefallen daran und gingen zunächst auf Konzerte, später etwa zu Demonstrationen und gerieten so immer tiefer in die rechten Netzwerke hinein. Dementsprechend jung seien die „Klienten“ des Aussteigerprogramms: „Die meisten sind zwischen 20 und 25 Jahren alt.“

Der Ausstiegsprozess sei etwas „sehr Schwieriges“, stellte Peter Korstian klar, „es scheitern auch einige.“ Die „Klienten“ müssten eine ehrliche Motivation an den Tag legen und Bedingungen erfüllen – etwa Tätowierungen, die rechte Symbole zeigen, entfernen lassen. „Wichtig ist, dass wir junge Menschen nicht abschreiben“, erklärte er eindringlich. Vielmehr sollte den Aussteigern erklärt werden, dass zwar die rechte Orientierung abgelehnt werde, nicht aber der Mensch selbst.

Nadja Id Lefqih nutzte die Gelegenheit, den rund 100 Anwesenden noch einmal die Idee und Arbeit des Bürgerforums Lahntal vorzustellen. Eines der Opfer der Übergriffe traue sich nicht mehr aus dem Haus, habe Panikattacken, Eltern haben Angst, ihre Kinder auf die Straße zu lassen – „viele Bürger haben einfach Angst, das kann es doch nicht sein!“, sagte Id Lefqih und erntete Zustimmung von den Zuhörern.

Die momentan rund 50 Mitglieder des Bürgerforums engagieren sich in Arbeitsgruppen, die sich mit der Zusammenarbeit mit der Jugendpflege und dem Erkennen rechter Symbole befassen. Sie sind auch bei Gerichtsverhandlungen vertreten, um den Opfern zur Seite zu stehen und diese zu unterstützen. Zudem befasse man sich mit der Frage, wie vor Ort in gefährlichen Situationen geholfen werden kann. „Wir wollen aufeinander aufpassen“, fasste Id Lefqih zusammen.

Es brodelt in Goßfelden, und das Thema rechtsextreme Gewalt lässt Emotionen aufkommen. Das war auch während der Bürgerversammlung deutlich zu spüren, denn viele Bürger nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Es sei bekannt, dass es in Lahntal rechte Gruppierungen gebe, daher sei es an der Zeit, härter durchzugreifen, lautete eine Forderung.

Während es bei einer vorherigen Versammlung des Bürgerforums zu einer „Spontandemonstration“ von einigen Vertretern der rechtsextremen Autonomen Nationalisten kam, wurde die Bürgerversammlung nicht gestört. Allerdings verließen vier junge Besucher, die nach Angaben von Anwesenden der fraglichen rechten Gruppe zuzuordnen sind, den Raum, als fotografiert wurde.

von Christina Muth

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