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„Ich war mit Leib und Seele Landwirt“

Kleine Betriebe ohne Chance „Ich war mit Leib und Seele Landwirt“

Schick Essen gehen, Golf spielen, ein neues Auto, im Herbst in den Süden fliegen, von all den Sachen kann Johannes Günther als Rentner nur träumen, obwohl er sein ganzes Leben nichts anders kannte als Arbeit.

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Johannes Günther vor seinem Kamin, der einst der Kneipe Atmosphäre verlieh.

Quelle: Götz Schaub

Sterzhausen. „Ich habe 60 Jahre gearbeitet und muss heute noch Eier verkaufen, um über die Runden zu kommen“, sagt Johannes Günther, mittlerweile 84 Jahre alt.

Nun, er sitzt im eigenen Haus mit Hof und Garten. Da kann es ihm doch gar nicht so schlecht gehen, oder? Seine Rente liegt weit unter dem Hartz IV-Satz. Hartz IV bekommt er natürlich als Haus- und Hofbesitzer nicht. „Da müsste hier erst alles unter dem Hammer gekommen sein“, sagt der gebürtige Sterzhäuser.

Er hat also den materiellen Wert, der ihm aber rein gar nichts bringt außer ein Dach über dem Kopf.

„Ich kann hier nichts reparieren oder sanieren lassen. Dafür ist einfach kein Geld da.“ Aus dem Haus in der Schulstraße könnte man noch etwas machen. Verglichen mit anderen Höfen, sieht es dort auch manierlich aus. „Das jetzt hier so viel Schrott herumsteht, ist dem Umstand geschuldet, dass mein Sohn arbeitslos wurde und nun mit Schrott handelt.“ Allein die „gute Stube“ war einst einmal eine Kneipe. Man kann es sich leicht vorstellen, wie gemütlich es damals gewesen sein muss, wenn der selbst gebaute riesige Kamin im Raum für behagliche Wärme und Atmosphäre sorgte und die Gäste an den Tischen ihr Bier tranken und sich über Gott und die Welt unterhielten. Ja, die Kneipe lief einst recht gut, hätte praktisch nach der Landwirtschaft das zweite Standbein der Familie werden können, aber es kam anders. 1981 wurde sie eröffnet, 2000 wieder zugemacht. Die für die Wirtschaftlichkeit nötige Kundschaft blieb aus. Natürlich hat Johannes Günther dazu eine Meinung, aber er will Vergangenes ruhen lassen. „Vorbei ist vorbei“, sagt er schlicht.

Der Hof selbst hatte auch seine gute Zeit. In den Zeiten nach dem Krieg schickte die Marburger Landwirtschaftsschule ihre Schüler zu Hof-Besichtigungen nach Sterzhausen. Dort gab es allerhand zu sehen und zu lernen. Es war ein mustergültiger Vorzeigehof.

Günther übernahm dann den Hof von seinen Eltern. „Ich war mit Leib und Seele Landwirt“, sagt er. Doch ihm war es vergönnt, den Hof so führen zu können, wie es seine Eltern taten. „Die Entwicklung in der Landwirtschaft ging klar und deutlich gegen die kleinen Höfe. Die Preise verfielen, die Produktion wurde unwirtschaftlich.“ Günther weiter: „In der DDR wurde man als kleiner Landwirt gleich zwangsenteignet. Aber auch hier hatten die kleinen Höfe keine Zukunft mehr. Hier war es nur ein schleichender Prozess zugunsten der Großunternehmen.“ Egal ob Felderträge oder Tiere,die Preise gingen nach unten und nahmen den Landwirten auf dem Dorf die Existenz. Wer kein Land verkaufen konnte, sei schnell fertig gewesen.

Wenn er das alles vorher gewusst hätte, er wäre wohl schweren Herzens doch etwas anderes geworden als Landwirt. Einmal hatte er noch die Chance, zu den früheren Behringwerken zu gehen. Aber er entschied sich für die Landwirtschaft. „Hätte ich das mal gemacht, ich denke, ich hätte heute eine angemessene Rente“

Neues Hühnerhaus hätte Auskommen gesichert

Er hatte einmal 2500 Hühner. Wollte sogar noch vergrößern, um den Eierverkauf zu steigern, aber daraus wurde nichts. Das war 1973. Da bekam ich keine Genehmigung für das Hühnerhaus. Das hätte mir das Einkommen gesichert.“ Sein Vater war ursprünglich bei der Post beschäftigt, er übernahm den Hof, nachdem dessen Bruder im Ersten Weltkrieg gefallen war. „Er hat seinen Geschwistern 24000 Mark gezahlt und dann hier angefangen. Damals stand hier noch kein Stall und nichts, alles wurde mit eigner Hände Arbeit errichtet. Seinem Vater hat er viel zu verdanken, sagt Günther. „Wir waren ja noch fast Kinder im Zweiten Weltkrieg und ich war schon von der deutschen Sache begeistert“, gibt er zu. „Das änderte sich später, als ich sah, was unter Hitler für Greueltaten begangen wurden. Ich habe als 15-Jähriger schon viele Tote gesehen bei Aufräumarbeiten nach einem Luftangriff in Kassel. Später dann noch mehr.“

Sein Vater wollte nicht, dass er sich stolzen Herzens einziehen ließ. Zunächst war er in Homberg/Ohm stationiert. Sein Vater fuhr jedes Wochenende mit dem Fahrrad von Sterzhausen nach Homberg, um ihm Kuchen zu bringen, einen zum sofortigen Verzehr mit den Kameraden und einen als Proviant für die Woche. „Das vergesse ich meinem Vater nie“, sagt er.

Johannes Günther hat eine Zeit erlebt, die ihm die unbeschwerte Jugend nahm und später auch hungern ließ. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen wie das im Hungerjahr 1947 war. Da hat man Schlange für ein paar Äpfel gestanden. Und heute werden Tonnen an guten Lebensmitteln weggeworfen.“

Wenn er in seinem Haus sitzt und so nachdenkt, ärgert er sich über einiges, vor allem darüber wie die kleinen landwirtschaftliche Betriebe nach und nach ihre Höfe dicht machen mussten, weil sie nicht mehr mithalten konnten.

Er strahlt aber auch eine gewisse Zufriedenheit aus, ist er doch mit seiner Frau Elisabeth, die gebürtig aus Niederasphe stammt, zusammen alt geworden. „Das ist auch etwas Schönes.“ Trotz des einan oder anderen gesundheitlichen Rückschlags ist er froh, mit 84 noch rüstig zu sein. So bleiben ihm noch die Hühner und für die Eier ein treuer Kundenkreis.

von Götz Schaub

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