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Nordkreis Johannes kokst nicht mehr
Landkreis Nordkreis Johannes kokst nicht mehr
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00:19 10.09.2018
Johannes hat auf Hof Fleckenbühl schnell Verantwortung übernommen. Quelle: Dominic Heitz
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Schönstadt

Ein bisschen zappelig ist er schon. Aber das ist wohl einfach seine Art. Am Kokain kann es jedenfalls nicht mehr liegen. Denn nachdem Johannes (40) vor vier Jahren auf Hof Fleckenbühl eingezogen ist, hat er das Zeug nicht mehr angefasst.

Der Hof, der ist für Johannes heute. Früher, das ist vor Fleckenbühl. Neuankömmlinge müssen sich in Schönstadt erst mal bei der Aufnahme melden, eine Art erweitertes Pförtnerhaus. Darin steht eine alte Kirchenbank. Für die Bewohner der Selbsthilfegruppe ist die Bank zu einem geflügelten Wort geworden, für ein Bild über das Ankommen und das Abreisen in der Einrichtung.

Bevor Johannes also „auf die Bank ging“, war er am Boden. Damals ging es für ihn jeden Tag nur darum, Geld für Kokain aufzutreiben, Kokain zu kaufen und sich durch die Nase zu ziehen. Vor Schönstadt lebte er zehn Jahre lang in Berlin. „Da war es einfacher, Koks zu besorgen als ein gutes Hefebier“, sagt er.

Behütet aufgewachsen

Seine Geschichte beginnt aber früher, in der nordhessischen Provinz. Als Sohn zweier Lehrer wächst er dort „harmonisch und behütet“ auf, sagt er. Mit vierzehn raucht er zum ersten Mal bei einem Nachbarn Marihuana. Der baut das Gras im eigenen Garten an. Die beiden machen gemeinsam Musik. Auf dem Tisch steht immer eine Schüssel voller Marihuana. Johannes darf sich bedienen. „Ich hab erst nach einem Jahr gewusst, dass man für Gras eigentlich etwas bezahlen muss.“

Nach seinem guten Abitur zieht Johannes 2001 nach Göttingen, um Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Zuvor hatte er in seiner Heimatstadt einen Laden eröffnet und verkaufte darin Kleidung, Schuhe und Skateboards. In Göttingen angekommen, eröffnet er einen zweiten Laden. Studiert habe er nicht wirklich, sagt er. Er arbeitet in seinem Laden. Und er feiert gern mit seinen Freunden. Er nimmt Amphetamine, Ecstasy und irgendwann auch Kokain. Nach vier Semestern bricht er das Studium ab. „Wegen der Drogen“, sagt er.

In seiner Göttinger Zeit lernt er viele Kulturschaffende kennen, Menschen aus der Musikszene, Clubbesitzer, Veranstalter und Musiker. Irgendjemand hat immer Koks dabei, und Johannes greift gerne zu. „Wir haben backstage rumgehangen und uns die Nase vollgezogen“, sagt er.

Für noch mehr Trubel und Tanz nach Berlin

Nach zwei Jahren wird ihm Göttingen zu klein. Mit dem Laden hat er sich übernommen. Johannes will noch mehr Trubel und Tanz. Berlin ist das Ziel. Dort angekommen setzt er gemeinsam mit einem guten Freund eine Geschäftsidee um: Die beiden kaufen alte Möbel aus ganz Deutschland und verkaufen sie in Berlin an solventes Publikum. Die Sache läuft gut. „Wir hatten Kunden aus dem Ausland“, sagt er. Jedes zweite Verkaufsgespräch habe er auf Englisch geführt.

Wenn Johannes nicht arbeitet, konsumiert er Kokain. Immer mehr, jeden Tag. Bis zu 3.000 Euro im Monat gibt er für die Droge aus. Das Geld dafür zieht er aus dem Geschäft. Er betrügt seinen Partner und Freund. Der weiß das zwar und versucht, das Geld von ihm fernzuhalten, doch Johannes findet immer wieder einen Weg.

Für andere Dinge hat er kein Geld mehr. Er zahlt die Miete nicht, zieht zwölf Mal um. Wenn er bis mittags ein paar Möbel verkauft hat, nimmt er sich 50 Euro aus der Kasse und ruft das „Kokstaxi“ an. Fährt er selbst zu einem Dealer, hat er zwar Geld für Drogen, aber den Fahrschein für die Straßenbahn kann er sich nicht leisten. Oft wird er erwischt. „Ich war kurz davor, in den Knast zu gehen, weil ich ständig schwarz gefahren bin.“

Am Höhepunkt seiner Abhängigkeit ist er ein Wrack. Nachts schwitzt er. Morgens steht er auf und ist sofort unter Stress. In seinem Kopf türmen sich Probleme auf. Was ist alles zu tun, bevor ich mich wieder berauschen kann? Kommt heute vielleicht der Gerichtsvollzieher? Welchem Freund muss ich heute noch eine Lüge auftischen, weil ich ihm Geld schulde?

Später am Tag dann greift er zum Pulver. Er ist zusehends isoliert, seine Freunde haben eigene Probleme. Manche auch mit Drogen. Johannes geht nun auch nicht mehr feiern. Er schnupft Kokain und sitzt allein zu Hause. Weil die Droge aber aufputschend wirkt und er in seinen vier Wänden gefangen ist, betäubt er sich mit Alkohol. Eine halbe Flasche Wodka, und er kommt ein bisschen zur Ruhe.

Auf der Bank in der Aufnahme fing es auch für Johannes an. Quelle: Dominic Heitz

Es ist mittlerweile 2014, und Johannes weiß, dass es so nicht weitergeht. Aber die Droge ist stark, und er braucht einen Impuls von außen, um etwas zu ändern. Seine Ex-Freundin zieht nach Oldenburg, er darf in ihrer Wohnung bleiben. Weil er aber auch dort keine Miete zahlt, ruft die Frau irgendwann Johannes‘ Mutter an. Seine Eltern wussten von der Drogensucht ihres Sohnes nichts. Berlin ist weit weg, und Johannes spielt Vater und Mutter etwas vor, wenn er mal bei ihnen ist.

Nach dem Anruf der Frau wird Johannes‘ Mutter aktiv. Sie findet Hof Fleckenbühl und schlägt ihrem Sohn vor, es dort mit einem Entzug zu versuchen. „In eine Suchtklinik hätte ich nicht gehen können“, sagt er. Denn krankenversichert sei er schon seit Jahren nicht mehr gewesen.

Johannes fragt seine Mutter nicht, was es mit der Selbsthilfegruppe auf sich hat. Er will nur noch raus, aus Berlin, aus seiner Situation und aus seiner Sucht. Er reißt alle Brücken zu seiner Vergangenheit ab, bleibt zwei Tage bei den Eltern und lässt sich schließlich von seiner Mutter nach Schönstadt fahren.

Drei Regeln: Keine Drogen, kein Tabak, keine Gewalt

Die ersten drei Monate lang muss er auf dem Hof eine Latzhose tragen. Es ist die Zeit, in der er die Regeln der Einrichtung kennenlernen muss. Davon gibt es erst mal drei: keine Drogen, kein Tabak und keine Gewalt. Dahinter aber gibt es unzählige Regeln für die Bewohner – Essenszeiten, Verhaltensregeln, Arbeit. Für Johannes ist es genau das, was er braucht: eine Struktur für jeden Tag und eine Aufgabe, die ihn fordert.

Neue müssen auf dem Hof in den ersten drei Monaten mehrere Praktika machen, in der Käserei, auf dem Feld oder anderswo. Anschließend können sie sich für einen Arbeitsbereich bewerben. Johannes arbeitet in der Käsevermarktung. Nach einem halben Jahr geht es ihm besser. Er spürt, dass es bergauf geht, die Arbeit tut ihm gut. Er übernimmt Verantwortung und leitet die Vermarktung mit einem kleinen Team. Nebenbei macht er Fotos und schreibt Texte für die Fleckenbühler Zeitung.

In Gesprächsrunden spricht er mit anderen Hofbewohnern, die schon länger in Schönstadt leben, über sich, seine Sucht und den Alltag. Diese Gesprächsrunden seien wichtig für die Gruppe, weil dort auch Konflikte zwischen einzelnen Bewohnern unter Aufsicht ausgetragen werden können. Wenn es tagsüber mal zwischen zweien kracht, wird das abends besprochen. Das helfe auch, Streitigkeiten gewaltlos aufzulösen. „Bei uns leben ja auch Menschen, die vorher im Knast waren“, sagt Johannes. Gerade wenn ehemalige Häftlinge neu sind, wisse man ja nie, wie weit sie im Fall eines Konfliktes gehen. In den Gesprächsrunden setzt die Gruppe die Grenze.

Vielleicht bleibt er noch

Johannes absolviert eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement, bekommt einen IHK-zertifizierten Abschluss. Zurzeit spielt er mit dem Gedanken, Sozialwirtschaft zu studieren. Für die Fleckenbühler macht er mittlerweile die Öffentlichkeitsarbeit. Wie lange er noch bleibt, weiß er aber noch nicht. Er traue sich zu, allein zu leben, sagt er.

Mittlerweile darf Johannes den Hof allein verlassen, um Urlaub zu machen. Einmal war er in Berlin. Er besuchte einen Freund, der immer noch Drogen nimmt. Johannes blieb abstinent. Im Badezimmer des Freundes lag ein vergilbtes Magazin. Das hatte Johannes dort schon vor fünf Jahren gelesen.

von Dominic Heitz

Hier lesen Sie mehr über die aktuelle Situation auf Hof Fleckenbühl und die Debatte um das drohende Aus, etwa im Kreistag. (Artikel sind teilweise erst nach Anmeldung für OP-Leser zugänglich.)

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