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Händler macht 95.000 Euro Miese

Gutkauf vor dem Aus Händler macht 95.000 Euro Miese

Das Projekt Gutkauf-Markt in Münchhausen ist für den Händler Daniel Warney aus Unterfranken nach nur gut einem Jahr gründlich gescheitert. „So etwas wie hier habe ich noch nie erlebt“, sagt der Geschäftsmann.

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Ein Schwätzchen gehört zum Einkauf dazu: Daniel Warney im Gespräch mit seinem Stammkunden Richard Mengel aus Münchhausen.

Quelle: Carina Becker-Werner

Münchhausen. Die Tage des rund 700 Quadratmeter großen und mit rund 2500 Artikeln bestückten Lädchens an der Marburger Straße 16 in Münchhausen sind gezählt. Spätestens Ende Februar will Daniel Warney schließen, „so lange will ich der Post noch Zeit geben“, erklärt der Händler, der die Poststelle in seinem Lebensmittelgeschäft mitbetreibt. Wo in Münchhausen es dann künftig eine Servicestelle für die Annahme von Briefen und Paketen geben wird, stehe aktuell noch nicht
fest.

Die Post bringt Kunden in Warneys Laden. Am Mittwochvormittag sind es sechs Männer und Frauen, die binnen einer Stunde vorbeikommen, um Pakete abzuholen, Retourensendungen vorbeizubringen oder um Briefe aufzugeben. In der gleichen Zeit gibt es drei Kunden, die tatsächlich auch Lebensmittel einkaufen: für Beträge von 2,95 Euro bis 26,56 Euro. „So ist das immer hier“, sagt Warney, „die meisten kommen wirklich nur wegen der Post vorbei“.

Der Händler, der in Unterfranken zu Hause ist und im Bad Kissinger Raum noch einen Metallbaubetrieb unterhält und an einem Lebensmittel-Import-Export-Handel in Fulda beteiligt ist, hatte sich die Sache mit dem Laden in Oberhessen ganz anders vorstellt. Von einem großen Unternehmen des Lebensmittelhandels sei er 2015 darauf angesprochen worden, ob er einen Markt in Münchhausen aufbauen wolle. Damals gab es in dem Dorf mit seinen mehr als 1200 Einwohnern keinen einzigen Nahversorger. „Das hielt ich für eine Chance, das sind eigentlich genug potenzielle Kunden, um einen Laden ans Laufen zu bringen“, findet Warney, der mit bereits drei Lebensmittelläden seine Erfahrungen gemacht hat. Münchhausen sei dabei sein größter Misserfolg, erklärt der Händler – es sei einfach nicht genug Kundschaft gekommen.

„Am Anfang ging es noch, am alten Standort in der Marburger Straße 69, da waren es so um die 70 Kunden am Tag“, erzählt der Händler, der an vier Tagen in der Woche von Bad Kissingen bis nach Münchhausen fährt, um dort seinen Laden aufzuschließen. Das seien jeweils vier Stunden Fahrt und 340 Kilometer Strecke an jedem einzelnen Arbeitstag. „Morgens stehe ich um drei Uhr auf, abends komme ich um neun Uhr heim, mehr als drei Stunden Schlaf sind nicht drin.“

„Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht“

An zwei weiteren Tagen in der Woche wird der Laden für jeweils drei Stunden von einer Angestellten betrieben. Inzwischen für nur noch rund 40 Kunden am Tag, hält Warney fest und spricht von Einnahmen „um die 300 Euro, aber nur an guten Tagen“. Mindestens 700 Euro pro Tag müssten rumkommen, nur um seine Kosten zu decken, „allein Miete und Strom machen schon einen großen Posten aus“.

Inzwischen hat der Händler in Münchhausen 95.000 Euro versenkt. „Zum Glück keine Schulden“, sagt Warney, „ich musste dafür meine Lebensversicherung nehmen“. Neben der ausbleibenden Kundschaft lief noch so einiges anderes schief für den Händler aus Franken, der in Oberhessen sein Glück versuchte. Probleme mit dem ersten Laden am Standort Dorfmitte und Diskussionen über die Miete, ein kostspieliger Umzug an den Ortseingang, Personalmangel. „Von 60 Leuten, die die Arbeitsagentur mir vorgeschlagen hat, kamen fünf vorbei – und alle haben abgewunken, als sie hörten, dass sie auch die Poststelle mitbetreuen sollen.“ Hinzu kam, dass er immer wieder anonym bei der Lebensmittelaufsicht angezeigt worden sei. „Die waren ständig hier, um zu kontrollieren. Dabei stimmte es nicht, dass unsere Sachen abgelaufen waren.“

Von Münchhausen ist Warney furchtbar enttäuscht. „Es hat mich ja niemand dazu gezwungen, ich habe selbst die Entscheidung für diesen Laden gefällt, allerdings hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht.“ Damit spielt der Händler auf die Gemeinde an, die die Wiedereröffnung eines Lebensmittelladens Anfang vergangenen Jahres als großen Zugewinn ansah. Bürgermeister Peter Funk erkannte damals die Chance, dass der kleine Markt eine belebende Wirkung auf die Ortsmitte haben könnte. Eine Hoffnung, die enttäuscht wurde. „Aber er selbst hat auch kein einziges Mal hier eingekauft“, beklagt Warney.

„Zu viele Dinge haben gefehlt“

„Stimmt“, sagt Bürgermeister Peter Funk, „aber meine Frau hat dort eingekauft, zumindest in der Anfangszeit“. Doch es habe am Sortiment gehapert, „zu viele Dinge haben gefehlt, für die man dann doch noch einmal extra in einen anderen Markt fahren musste“. Ein weiteres Manko sei die Atmosphäre des Ladens gewesen, „man hätte ihn freundlicher und gemütlicher gestalten können, diesbezüglich hat der Ortsbeirat Herrn Warney auch Vorschläge gemacht, aber das kam nicht an“.

In den ersten Monaten nach der Eröffnung, am alten Standort in der Ortsmitte, waren noch ein Bäckerladen und eine Fleischtheke in Warneys Markt integriert. Später, am neuen Standort nahe des Ortseingangs, gab es diesen Service nicht mehr, aber weiterhin frische Brötchen, Brot, Kuchen von einem Bäcker aus der Region, außerdem Kaffee zum Mitnehmen. In der Auslage der kleinen Theke wirken drei verbliebene Stückchen Obstkuchen nun ziemlich verloren. „Ich habe viel versucht, aber es wird einfach nicht angenommen“, sagte Warney.

Am Mittwochvormittag dieser Woche kommen auch zwei der wenigen Stammkunden in den Lebensmittelladen. „Für die älteren Bürger ist es ganz schlecht, wenn es im Dorf kein Geschäft mehr gibt“, bedauert der 63-jährige Richard Mengel die bevorstehende Schließung. Er selbst kommt fast jeden Tag bei Warney vorbei, „ein paar Kleinigkeiten einkaufen“. Die meisten Leute nähmen fürs größere Angebot die weiteren Wege in Kauf, „sie fahren in die Märkte nach Wetter, Ernsthausen oder Battenfeld“, sagt Mengel.

„Sehr schade“, findet Hans Georg Schott (62), Gemeindevorstandsmitglied, der einen Brief aufgibt und bei dieser Gelegenheit von Warneys Schließungsplänen erfährt. „Aber es ist ja nachvollziehbar, ein Laden ist da, um Geld zu verdienen und nicht, um ihn aus sozialen Gründen zu betreiben“.

Auch Margit Holzapfel muss zur Post – und erledigt bei dieser Gelegenheit direkt einen kleinen Einkauf. Die Wollmarerin gehört ebenfalls zu den regelmäßig wiederkehrenden Kunden, „es ist ja auch alles da, was man braucht, außerdem ist es sauber und übersichtlich hier“, lobt die 57-Jährige den Laden. „Dann wird es in Münchhausen so sein wie in Wollmar, da gibt es den Metzger und darüber hinaus keinen Lebensmittelladen“, sagt sie und beklagt, dass die Kunden nun wieder weitere Wege auf sich nehmen müssten, „auch, wenn’s nur ein kleiner Einkauf ist“.

„Man muss auch mal an die Älteren denken“

Klopapier, Salz, Linsensuppe, Dosenfisch, zwei Trauerkarten und eine Reihe weiterer Produkte des täglichen Bedarfs: Den größten Einkauf erledigt an diesem Vormittag eine 75-jährige Frau aus Münchhausen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Warneys Ankündigung, den Laden aufgeben zu wollen, stimmt sie traurig. „Dann muss man jetzt wieder die Kinder bitten, Lebensmittel mitzubringen, wenn sie nach Wetter oder Marburg fahren“, sagt die Seniorin, die davon ausgeht, dass „die Berufstätigen alles außerhalb einkaufen. Aber man muss ja auch mal an die Älteren denken, die nicht mehr so mobil sind. Ich frage mich, wo ich jetzt künftig meine Sachen herbekomme.“

Was die Versorgung der älteren Bürger mit Lebensmitteln angeht, hofft Hans Georg Schott auf die Bemühungen der Kommune, die einen Verein zur Bürgerhilfe ins Leben rufen wolle. „Dann gibt’s von dieser Seite vielleicht Unterstützung für den Einkauf, aber das geht nur mit ehrenamtlichem Einsatz.“

„Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken“

Wie die Münchhauser sich künftig versorgen, das wird für Daniel Warney ab Ende Fe­bruar kein Thema mehr sein. „Ich hab’s versucht – jetzt gebe ich auf“, sagt der Händler. Er schaut nach vorn, ist froh, wenn er künftig nicht mehr den weiten Weg nach Oberhessen auf sich nehmen muss. Von seinen Kunden wird er einige wenige vermissen. „Immerhin mit drei Leuten bin ich hier per du“, sagt er und kommt zu dem Ergebnis, dass man es als Fremder in Münchhausen nicht gerade leicht habe.

Stefan Jesberg, Hauptamtsleiter der Gemeinde, glaubt fest daran, dass ein Lebensmittelladen in Münchhausen funktionieren könnte. „Vielleicht kann man von dem Verdienst nicht unbedingt drei Mal im Jahr in den Urlaub fahren, aber ich denke, man könne ein Auskommen erwirtschaften“, sagt er und meint, alles sei eine Frage des Sortiments – und der freundlichen Atmosphäre.

Diesbezüglich habe sich Warneys Laden gegen die Konkurrenz in den Nachbardörfern einfach nicht durchsetzen können. „Man muss ja keine zehn verschiedenen Sorten Mehl da haben, aber einige regionale Produkte – und die Auswahl an Obst und Gemüse sollte besser sein als die bei den Süßigkeiten“, sagt Jesberg.

Bürgermeister Funk will das Thema Nahversorger in Münchhausen weiterverfolgen, „wir müssen es einfach versuchen“. Gegenwärtig bekämen die älteren Münchhäuser aus den Familien und der Nachbarschaft heraus noch genug Unterstützung beim Einkaufen. „Aber was wird später mal aus unserer Generation, die wir dann auch versorgt werden müssen – wenn die Kinder dann nicht mehr vor Ort wohnen, wird es schon schwierig“, sagt Funk und hält fest: „Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken. Mit diesem Laden hat es nicht funktioniert, das hatte viele Gründe – wir müssen versuchen, wieder einen Markt in die Ortsmitte zu bekommen.“

von Carina Becker-Werner

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