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Nordkreis Goßfeldener wollen Risiken minimieren
Landkreis Nordkreis Goßfeldener wollen Risiken minimieren
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00:19 18.02.2019
Norbert Weinert (links) vom Ingenieurbüro für Wasserbau und Wasserwirtschaft Sönnichsen & Partner und Bürgermeister Manfred Apell vor einer Visualisierung der möglichen Folgen eines so genannten Jahrhundert-Hochwassers in Goßfelden. Quelle: Manfred Schubert
Goßfelden

„Es ist ungleich schwieriger als in den anderen­ Ortsteilen, einen Hochwasserschutz in Goßfelden zu erreichen“, leitete Bürgermeister Manfred Apell die Bürgerversammlung in der Lahnfelshalle ein, an der etwa 60 Menschen teilnahmen.
Trotzdem bleibe nur das Ziel, die Risiken zu minimieren. Im Juni 2016 hatte die Gemeinde­vertretung beschlossen, ein Hochwasserschutzkonzept durch ein qualifiziertes Planungsbüro erstellen zu lassen. Von den verschiedenen Varianten erschien nur eine wirkungsvoll, die fast alle Häuser schützen würde. Allerdings erfordere diese, die Lahn zu vertiefen. Dies würde sehr wahrscheinlich eine erhebliche Beeinträchtigung des europäischen FFH-(Flora-Fauna-Habitat)Gebiets Lahn bedeuten.

450 Quadratkilometer großes Einzugsgebiet

„Wir dachten, dass es fast unmöglich ist, dafür eine Genehmigung zu bekommen, aber später zeigte sich, dass es eventuell doch möglich ist“, sagte Apell. Norbert Weinert vom Ingenieurbüro für Wasserbau und Wasserwirtschaft Sönnichsen und Partner aus Minden erläuterte, dass der Pegel Sarnau ein knapp 450 Quadratkilometer großes Einzugsgebiet habe. Bei einem so genannten Jahrhundert-Hochwasser sei in Goßfelden mit einem Zufluss von 234 Kubikmeter Wasser pro Sekunde zu rechnen. Dies hätte weiträumige Überschwemmungen vor allem nördlich der Lahn bis zum Bahndamm und darüber hinaus zur Folge, machte er anhand einer Visualisierung deutlich. Dagegen kämen nur drei Mittel infrage: eine Erweiterung des Flussquerschnitts, eine Rückhaltung zur Minderung von Abflussspitzen oder ein Linien- ­beziehungsweise Objektschutz, also­ das Weghalten des Wassers.

Rückhaltebecken kommt nicht infrage

Rückhaltung scheide angesichts des großen Einzugsgebietes aus, dazu müsste man eines der größten Becken in Hessen anlegen. Schließlich habe man fünf Varianten berechnet, die er vorstellte. Diese reichten von einer Sohlabgrabung der Lahn auf 1000 Metern Länge mit Vertiefung um maximal 1,3 Meter und einer 60 Meter langen, ein Meter hohen Schutzmauer an der Kaffeestraße über eine reine Renaturierung und Profilaufweitung zur Erhöhung der Abflusskapazität unterhalb der Brücken sowie den Bau eines „klassischen“, 1,3 Kilometer langen Deiches bis zur Kombination aus Deich und Profilaufweitung sowie der Kombination aus einer Profilaufweitung auf 60 Meter Breite auf 600 Metern Länge sowie einer Sohlvertiefung auf etwa 200 Metern Länge. Bei dieser letzten Variante blieben nur noch acht Häuser ungeschützt, deren Bewohner individuelle­ Maßnahmen ergreifen müssten. Teil aller fünf Varianten ist der Bau einer 175 Meter langen Hochwasserschutzmauer ums Otto-Ubbelohde-Museum.

Untersuchungen benötigen mehrere Jahre

Susanne Wolf-Roth vom Regierungspräsidium Gießen gab eine ausführliche Darstellung zu dem Projekt aus naturschutzrechtlicher Sicht. Eigentlich sei es aufgrund der zu erwartenden Beeinträchtigungen der ­Lebensräume des FFH-Gebiets nicht zulässig. Allerdings sei ein Ausnahmeverfahren möglich, wenn zwingende Gründe des überwiegenden öffentlichen ­Interesses vorlägen und es keine zumutbaren Alternativen gebe, zudem müssten Ausgleichsmaßnahmen erfolgen. Der Ausgang eines solchen Verfahrens sei offen, da die entsprechenden Daten erst noch ermittelt werden müssten. Wenn sich daraus nur geringe Beeinträchtigungen unterhalb der Erheblichkeitsschwelle ergäben, bräuchte man sogar gar kein Ausnahmeverfahren, das Teil des Gesamtverfahrens wäre. „Falls wir in einem Jahr mit den Untersuchungen beginnen, dann wird es vielleicht drei Jahre dauern“, schätzte sie. Weinert schätzte ebenfalls, dass das Planverfahren drei Jahre dauere, mit der Umsetzung werde alles etwa fünf bis sechs Jahre dauern.

"Es wird so oder so keine billige Maßnahme"

Aber bislang ist ja noch kein Beschluss gefallen. Die Kosten für die favorisierte Variante gab Weinert mit etwa 1,9 Millionen Euro an. Bürgermeister Apell gab aber zu bedenken, dass man diese ohne weitere größere Aufwendungen nicht werde umsetzen dürfen. Die erforderlichen Ausgleichsmaßnahmen dürften zwei- bis dreimal so teuer werden, schätzte er. „Wie geht es weiter? Es ist noch ein langer Weg. Heute habe ich stillschweigende Zustimmung, keinen Widerstand gegen das Vorhaben empfunden. Ich werde in Lahntal aktuell weiter über den Stand berichten, die Gemeindevertretung wird einen Beschluss fassen müssen. Es wird so oder so keine billige Maßnahme.“ Aber es sei immer­ besser, etwas zu machen, um das Problem zu verkleinern. ­

Erinnerungen an Überschwemmung 1984

Brigitte Diele hatte in der auf die Präsentationen folgenden Aussprache an die Überschwemmung von 1984 nördlich der B 62, die nicht von der Lahn, sondern dem Rodenbach herrührte, erinnert, und wollte wissen, ob dieser auch betrachtet worden sei. Apell antwortete, man habe sich schon früher mit dem Rodenbach befasst. Ob ausreichend, werde sich zeigen müssen. Früher sei er ein Kanal gewesen, mittlerweile­ zweigeteilt. Karl Busch vom ­Nabu Lahntal ergänzte, dass die vielen von der Naturschutzgruppe angelegten Teiche dazu beigetragen hätten, dass es seither kein Hochwasser mehr vom Rodenbach gegeben habe. Nabu-Vorsitzender Joachim Backhaus ergänzte, dass die Fließgeschwindigkeit verringert wurde, er nehme an, man werde kein Hochwasserproblem mehr mit dem Rodenbach bekommen.

von Manfred Schubert