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Gesicherte Versorgung als Teil-Rendite

Gemeinde Lahntal Gesicherte Versorgung als Teil-Rendite

Für 850.000 Euro baut die Gemeinde Lahntal die Alte Schule zu einem Gesundheitszentrum aus. Für den Bürgermeister eine Investition in die Zukunft. Der CDU hingegen bleiben zu viele Fragen offen.

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Die Alte Schule in Goßfelden mit dem hinter dem Haus befindlichen neuen Anbau. Dort entsteht ein Gesundheitszentrum, unter anderem mit einer Arztpraxis.

Quelle: Michael Agricola

Goßfelden. Kurz nach der Wiederwahl von Bürgermeister Manfred Apell (SPD) am 5. September erhob Michael Spies, stellvertretender CDU-Vorsitzender in Lahntal und Ortsbeiratsmitglied in Sterzhausen, in einem Leserbrief schwere Vorwürfe gegen Apell. Der sei ein „brillanter Blender, der uns alles ,schönredet‘ und ein schlechter Rechner“.

Grund für diese Aussage waren Spies‘ eigene Überlegungen, dass man bei zirka 850.000 Euro Baukosten für 190 Quadratmeter Fläche umgerechnet etwa 4.500 Euro pro Quadratmeter für das Gebäude ansetzen müsse, während jeder Bauherr in Lahntal mit zirka 1.500 Euro pro Quadratmeter gut auskomme.

Damit sich ein 850.000 Euro teures Projekt rechnet, so Michael Spies weiter, müsse man bei 25 Jahren Laufzeit einen monatlichen Mietzins von fast 15 Euro pro Quadratmetern ohne Zinsen und Unterhaltungskosten erzielen, was er für unrealistisch hielt.

Apell ließ dies – wie unter anderem auch der Beigeordnete Michael Meinel (Grüne) – nicht unerwidert und machte eine Gegenrechnung auf. Spies sei nur von der Hälfte der Nutzfläche ausgegangen, also einem gewerblich vermieteten Stockwerk. Gefunden seien aber bereits Mieter für beide Stockwerke, demnach sei seine Rechnung einfach falsch. Zudem sei es ein Unterschied, so Apell gegenüber der OP, wenn man ein Haus neu baue oder einen Altbau entkernen, grundlegend sanieren und zum Beispiel einen Aufzug einbauen müsse.

Als Gemeindevertreter sei man den Bürgern der Gemeinde aber verpflichtet. „Mit dem Geld unserer Gemeinde sollten wir daher genauso sorgsam umgehen wie mit unserem eigenen. Angesichts eines hohen Haushaltsdefizits ist genau zu prüfen, ob eine Notwendigkeit für ein Projekt besteht und ob die Rentabilität gewährleistet ist, insbesondere, wenn sich die Gemeinde – wie in diesem Fall – wirtschaftlich betätigt.“

Letztendlich – so die CDU-Fraktion, bezahlten „wir alle und unsere Kinder die Zeche“ - zum Beispiel über die „gegen die Stimmen der CDU beschlossenen Erhöhungen der Grundsteuern und Kindergartengebühren“. „Da nach unseren Erkenntnissen im Lahntal kein erkennbarer Mangel oder Abwanderungsabsichten aufgrund fehlender Räumlichkeiten von Ärzten, Zahnärzten oder Physiotherapeuten zu befürchten ist, steht die Notwendigkeit eines Gesundheitszentrums auch in Frage. Die Ansiedlung von Fachärzten wäre wünschenswert“, sei aber nicht zu erkennen, so die CDU.

„Ich stimme der CDU zu, dass es derzeit in Goßfelden keine Ärztenot gibt,“ sagt Bürgermeister Apell. „Doch man muss auch nicht warten, bis das Problem da ist.“ Vor fünf Jahren habe es auch im Raum Biedenkopf keinen Ärztemangel gegeben, inzwischen sehe es anders aus. Dass dies mit dem Gesundheitszentrum in Goßfelden vermieden wird, davon ist der Bürgermeister überzeugt. „Das allein ist für unsere Gemeinde bereits ein gesellschaftlicher Gewinn, der mehr als jede geldliche ,Rendite‘ zählt“, denn es helfe, die Gemeinde „zukunftsfähig zu erhalten“.

„Ich bin stolz darauf, dass mir die Idee für das Gesundheitszentrum gekommen ist“, sagt Apell. Denn seine Vorgabe – „und dafür gab es eine Mehrheitsmeinung“, sei gewesen, dass das Haus in Gemeindebesitz bleiben sollte. Ein Verkauf, wie ihn die CDU bis heute für die bessere Lösung hält, schied also für ihn aus. Das Haus für viel Geld zu sanieren und dort weitere Räume für Vereine zu schaffen, ohne entsprechende Einnahmen erzielen zu können, ebenfalls.

Dass die CDU den Bau noch aufhalten könnte, glaubt auch Michael Nies nicht. Er sieht jedoch im Vorfeld verpasste Chancen: „Es ist zu wenig überprüft worden, ob ein Investor Interesse gehabt hätte, das Haus zu übernehmen.“ Vielleicht hätte die Gemeinde ein solches Ärztezentrum „auch mit einem Investor gemeinsam hinkriegen können“.

Auch Studentenwohnungen hätte sich Nies als für einen Investor interessant vorstellen können. Nun müsse abgewartet werden, wie die Zahlen ausfallen werden. „Wenn man sagt, dass sich das Projekt nicht komplett selbst tragen muss, dann muss man den Bürgern auch sagen, dass wir alle dafür bezahlen müssen“ – und das angesichts eines steigenden Defizits im Gemeindehaushalt.

von Michael Agricola

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