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Fleckenbühler drehen sich im Kreis

Selbsthilfe Fleckenbühler drehen sich im Kreis

Die Schönstädter Selbsthilfegruppe hat beim ­Landeswohlfahrtsverband Förderung beantragt. Der Verband bezog jetzt erstmals öffentlich Stellung: Der Antrag sei so „nicht genehmigungsfähig“.

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Auf Hof Fleckenbühl arbeiten seit Jahrzehnten Süchtige an ihrer Genesung.

Quelle: Thorsten richter

Schönstadt. Die Uhr tickt weiter für die Fleckenbühler. Nachdem der Landkreis der Einrichtung mitgeteilt hatte, dass es ab Ende September kein Geld mehr vom Kreisjobcenter für die Bewohner des Hofs geben wird, ruhten die Hoffnungen auf dem Landeswohlfahrtsverband. Es sieht so aus, dass sich diese Hoffnungen nicht erfüllen werden.

„Verband verhandelt nicht auf Augenhöhe“

Die Verantwortlichen bei den Fleckenbühlern streben eine Grundsatzvereinbarung mit dem hessischen Landeswohlfahrtsverband (LWV) an. Würde die zustande kommen, könnten die Hofbewohner Eingliederungshilfe beim LWV beantragen. Daran sind allerdings gesetzliche Vorgaben geknüpft, die der Verband in Schönstadt nicht erfüllt sieht.

Vor allem das Fehlen von Fachpersonal auf Hof Fleckenbühl stehe der Förderung im Wege, sagt LWV-Pressesprecherin Elke Bockhorst. In Schönstadt gebe es keine ausgebildeten Therapeuten und Sozialpädagogen, die für eine geförderte Therapie erforderlich seien. Außerdem gebe es dort für den LWV keine „Zugangskontrolle“, um die Ansprüche des Einzelnen überprüfen zu können. Soll heißen, dass zunächst einmal ein Arzt behördenfest untersuchen muss, ob der Einzelne eine Therapie benötigt oder nicht. Im rechtlichen Sinne gelten Drogenabhängige als Behinderte. Und eben diese Behinderung muss medizinisch dokumentiert sein.

Auch die Tatsache, dass Hofbewohner unter Umständen nicht in Hessen gemeldet sind, stellt laut Bockhorst ein Problem dar, denn für Menschen aus anderen Bundesländern ist der LWV nicht zuständig. „Es gibt klare gesetzliche Vorgaben“, sagt Bockhorst. Einen Verhandlungsspielraum gebe es indes nicht.

Jetzt liegt es, so die Quintessenz der LWV-Position, an den Fleckenbühlern. Die sollen sich mit einem neuen Konzept den gesetzlichen Vorgaben anpassen, um vom Landeswohlfahrtsverband Unterstützung zu bekommen.

„Das kommt für mich nicht überraschend“, sagt Roland Meyer vom Vorstand des Fleckenbühler Trägervereins. „Der LWV ist offenbar nicht in der Lage, eine am Klienten orientierte Unterstützung zu leisten.“ Der Verband verhandele nicht auf Augenhöhe und habe sich einem „informellen Gespräch“ verweigert. „Stellt einen Antrag“ habe man den Fleckenbühlern gesagt.

Der ist unter den gegebenen Voraussetzungen kaum das Papier wert. Für Roland Meyer ist klar, dass sich Hof Fleckenbühl nicht in eine konventionelle Suchteinrichtung verwandeln wird. „Wir sind eine Selbsthilfegruppe und arbeiten schon seit Jahrzehnten erfolgreich“, sagt er. Es gebe keine sachliche Kritik an der Arbeit des Hofes.

Dem Argument des Landeswohlfahrtsverbandes, in Schönstadt gebe es kein Fachpersonal, hält Meyer entgegen, dass das Selbsthilfe-Konzept schon lange erfolgreich praktiziert wurde, bevor es Fachkräfte in Suchtkliniken gegeben hat.

„Das Thema ist ja nicht neu“, sagt Meyer. Nur habe es der Gesetzgeber versäumt, die Selbsthilfe mit in die Sozialgesetzgebung einzuflechten.

In zwei Wochen wollen die Fleckenbühler und der LWV sich nochmal an einen Tisch setzen. Stand jetzt ist eine Einigung unwahrscheinlich. Dann bliebe den Hofbewohnern noch der Gang zum örtlichen Sozialamt.Denn die individuellen Ansprüche der Hofbewohner bleiben grundsätzlich bestehen. Die Frage, die derzeit eine Antwort sucht, ist: Wer muss zahlen?
Roland Meyer erinnert sich in diesem Zusammenhang an die Zeit vor 2005: Auch damals gingen viele Fleckenbühler zum hiesigen Sozialamt. Dann habe der Landkreis vorgeschlagen, die Förderung über das Kreisjobcenter abzuwickeln. Fortan bekamen die Hofbewohner Arbeitslosengeld statt Sozialhilfe.

„Für uns war das attraktiv, weil wir dadurch mehr Geld bekommen haben“, sagt Meyer. Und für den Landkreis entfielen die Kosten für die Fleckenbühler Sozialhilfe. Arbeitslosengeld zahlt – im Gegensatz zur Sozialhilfe – die Bundesagentur für Arbeit.

Sollte es wieder so kommen, hätte sich Hof Fleckenbühl einmal im Kreis gedreht. Genau wie der Landkreis, der dann wieder für die Suchtkranken aufzukommen hätte. Zumindest für jene, die hier schon länger leben.

von Dominic Heitz

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