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Familie krank, Rinder krank

Aus dem Gericht Familie krank, Rinder krank

Ein 72-Jähriger aus dem Nordkreis sowie dessen 25-jähriger Enkel müssen sich derzeit vor dem Strafrichter verantworten. Sie sollen ihre Tiere nicht ausreichend versorgt zu haben.

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Positives Gegenbeispiel zu den Fall aus dem Nordkreis: Gut gefüttert in einem sauber gehaltenen Stall mit trockenem Untergrund – so sollte es sein, damit Rinder gesund bleiben.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Ihnen wird vorgeworfen, von Januar bis Mitte März 2013 die von ihnen zur Milcherzeugung gehaltenen Rinder über längere Zeit nicht ausreichend mit Futter versorgt zu haben. Dies führte zur starken Abmagerung der Tiere. Im Zusammenhang mit weiteren Mängeln bei der Haltung kam es zu Erkrankungen, insbesondere mehrere Kälber litten an chronischer Bronchitis.

Die notwendige medizinische Versorgung sei den Tieren versagt worden, hielt die Staatsanwältin den Angeklagten vor. Bei einem Kalb habe der Tierarzt das Einschläfern empfohlen. Als der Amtstierarzt zwei Tage später das Kalb festliegend auffand, tötete er es.

Die Beschuldigten waren ohne Anwalt erschienen. Der Senior, der den Gerichtssaal auf Krücken gestützt betrat, erläuterte, dass zu jener Zeit die gesamte vierköpfige Familie erkrankt gewesen sei. Die Krankheitsserie sei bei ihm im Spätherbst 2012 losgegangen, ab Mitte Dezember habe er ein offenes Bein gehabt und sei wochenlang nicht in den Stall gekommen. Dann habe seine Frau Wundrose bekommen, ein Sohn habe Bandscheibenprobleme, der andere ein Bein in Gips gehabt. Daher habe er Freunde gebeten, das Füttern zu übernehmen. Es sei genug Futter da gewesen. Aber vor allem die Kälber hätten wohl nicht das Richtige, Grünfutter und Eiweiß, bekommen.

„Ich habe noch nie Probleme mit dem Amt gehabt. Dass es nicht richtig zuging, ist nicht zu leugnen“, räumte der Landwirt ein. So schlimm, wie der Amtstierarzt die Situation im Stall dargestellt habe, habe er es sich nicht vorgestellt. Er sei so lange Landwirt und weine um jedes Kälbchen, dass er verliere. Es tue ihm leid, dass es so gekommen sei. Zum Glück gehe es allen anderen 31 Rindern besser.

Der Enkel des Landwirts wollte wissen, was auf ihn zukomme. Er sei zwar als Pächter eingetragen, habe aber eigentlich mit der Sache nichts zu tun und habe auch schon länger einen entsprechenden Antrag beim Landwirtschaftsamt abgegeben und mittlerweile sei der Pachtvertrag aufgelöst. Der Großvater bestätigte, dass er der Besitzer sei, auch die Buchführung erledige und sein Enkel normalerweise nur aushilfsweise geholfen habe.

Damals aber, sagte Richter Dominik Best, bestand der Pachtvertrag und somit sei der Enkel Halter und Besitzer gewesen. Dieser erklärte, er habe letztlich zwei Wochen Urlaub genommen „und das ganze Chaos beseitigt“. Vorher sei er gar nicht im Stall gewesen, ab Januar ebenfalls vier Wochen krank gewesen und habe nichts mitgekriegt, bis das Veterinäramt aufgetaucht sei.

Der 72-Jährige berichtete, er habe den Bekannten, die das übernahmen, gesagt, was sie füttern sollen. Im Prinzip könne das Jeder. Vielleicht hätten sie das aus Bequemlichkeit nicht gemacht. Den Namen der Helfer wolle er nicht nennen.

Als erster Zeuge trat ein Tierarzt aus Wetter auf, der seit April 2012 tätig ist. Vor dem März 2013 sei er nur zweimal auf dem Hof der Beschuldigten gewesen zwecks Besamungen. Die Stallungen seien relativ alt und marode, aber den Kühen sei es nicht auffallend schlecht gegangen. Nun ging es ihnen wesentlich schlechter, mehrere Kälber litten unter chronischer Bronchitis, am 13. März habe er das Einschläfern eines davon empfohlen. Darauf habe der Landwirt uneinsichtig reagiert, er meinte, es komme wieder auf die Füße. „Man kann diese Meinung vertreten, er berief sich auf Erfahrungswerte, ich war der Meinung, das Tier sei nicht mehr zu retten.“

72-Jähriger schützt Helfer und will Strafe selbst tragen

Zweiter Zeuge war Amtstierarzt Dr. Bernd Helm vom Fachdienst Veterinärwesen des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Die Behörde hatte auf einen Hinweis, dass die Rinder vernachlässigt würden, am 8. März einen Mitarbeiter hingeschickt, der dies bestätigt fand, sagte Dr. Helm. Fünf Tage später sei er mit diesem zusammen hinausgefahren und schilderte die Lage im Stall so: Bei Minustemperaturen wurden die Tiere ohne isolierende Unterlagen gehalten, mussten in ihren zum Teil flüssigen Abgängen liegen, was zu teilweisem Ausfall des Fells führte, hatten keinen Zugang zu artgerechtem Futter und zum Teil auch kein Wasser, und kranke Tiere, besonders Kälber, wurden nicht tierärztlich versorgt. Die Behandlung erfolgte dann auf Anordnung seiner Behörde durch den zuvor aufgetretenen Tierarzt. Auch für Laien sei erkennbar gewesen, dass die Tiere sehr abgemagert waren.

Bei diesem und weiteren Besuchen traf der Amtstierarzt auf zwei Männer, die das Füttern übernahmen. Die Namen, die der ältere Landwirt nicht nennen wollte, weil es sich um Bekannte und Verwandte handelte, erfuhr das Gericht nun von ihm.

Im März 2013 habe es ausreichend Futter in Sichtweite der Tiere gegeben, aber es sei nicht verfüttert worden, bestätigte der Amtstierarzt die Angabe des 72-Jährigen.

Auf Nachfrage der Staatsanwältin schilderte der Landwirt, welche Anweisungen zum Füttern er gegeben habe. Wenn es solch konkrete Anweisungen gegeben habe und die Beauftragten auf Nachfrage gesagt hätten, dass sie diese befolgt hätten, dann könne man ihm strafrechtlich gar nichts vorwerfen, erklärte die Staatsanwältin. „Ich möchte den Leuten keine Schwierigkeiten machen, die mir geholfen haben, ich möchte dafür verurteilt werden, dass ich nicht genug aufgepasst habe“, forderte der 72-Jährige. „Das wäre Rechtsbeugung“, klärte ihn die Staatsanwältin auf. Man könne ihn nicht verurteilen, wenn er alles getan habe, wie er es schilderte. Es gehe nicht anders, man müsse die Helfer als Zeugen hören.

Richter Best beendete die Sitzung nach fast zwei Stunden. In zwei Wochen wird die Verhandlung mit vier weiteren Zeugen fortgesetzt.

von Manfred Schubert

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