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Nordkreis Rätselhafter Unfall beschäftigt Gericht
Landkreis Nordkreis Rätselhafter Unfall beschäftigt Gericht
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00:17 03.10.2018
Am Ausgang einer Rechtskurve kurz vor dem Sterzhäuser Friedhof ereignete sich im Dezember vergangenen Jahres ein schwerer ­Unfall, bei dem ein Transporter von der Straße abkam. Quelle: Martina Koelschtzky
Marburg

Fest steht, dass keiner der beiden Insassen eines als Lkw zugelassenen Transporters einen Führerschein hatte,­ als es im Dezember vergangenen Jahres beim Sterzhäuser Friedhof zu einem Unfall kam. Vor dem Marburger Amtsgericht wird wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis unter Alkohol- und Drogeneinfluss und wegen Körperverletzung verhandelt.

Der Transporter eines Hausmeisterservice aus Wetter war vormittags um Viertel vor zwölf auf der Fahrt von Wetter nach Sterzhausen ausgangs einer Rechtskurve ins Schleudern geraten, von der Fahrbahn abgekommen und schließlich entgegen der Fahrtrichtung liegengeblieben. Ein Insasse wurde aus dem Fahrzeug geschleudert, der andere blieb auf der Fahrerseite mit dem Fuß an der Lenksäule hängen, sein Oberkörper lag auf der Straße. So fanden ihn zwei Handwerker, die kurz nach dem Unfall in Gegenrichtung zur Unfallstelle kamen.

Alkohol und Kokain im Blut

Der auf der Fahrerseite gefundene 22-Jährige aus Wetter ist nun wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und fahrlässiger Körperverletzung vor dem Marburger Amtsgericht angeklagt. Er hatte zum Unfallzeitpunkt 0,5 Promille Alkohol sowie Kokain im Blut und hat keinen Führerschein. Der andere Insasse, ein 26-Jähriger aus Wetter, erlitt nur leichte Verletzungen. Auch er hat keine Fahrerlaubnis.

Der Inhaber des Hausmeisterservice räumte als Zeuge vor Gericht ein, er habe sich nicht, wie vorgeschrieben, alle drei Monate eine Kopie des Führerscheins seiner Angestellten vorlegen lassen. „Das ist eindeutig mein Versäumnis“, sagte er. Er habe gewusst, dass der 26-Jährige keinen Führerschein habe, bei dem 22-Jährigen sei er jedoch davon ausgegangen. Beide seien in der Nacht vor dem Unfall in unterschiedlichen Fahrzeugen zum Winterdienst eingesetzt gewesen, am Morgen habe er den beiden den Auftrag erteilt, sich die Arbeiten bei den Kunden abzeichnen zu lassen, damit er die Dienste in Rechnung stellen könne. Er habe nicht darauf geachtet, welcher der beiden auf der Fahrerseite eingestiegen sei.

Zwei Handwerker befreiten Mann aus dem Wagen

Der hatte bei dem Unfall schwere Kopfverletzungen davongetragen und musste notoperiert werden. Eine weitere Operation und Wochen auf der Intensivstation folgten. Er habe­ keine Erinnerung an den Unfalltag und einige weitere Tage und sei deshalb nicht in der ­Lage, Angaben zum Unfall zu machen, sagte der Angeklagte.

Den beiden Handwerkern, die als Erste am Unfallort eintrafen, habe sich ein Bild der Verwüstung geboten. Der eine, ein 20-jähriger Dachdecker, berichtete vor Gericht, der Bus habe quer auf der Straße gestanden und überall hätten Erdklumpen, Bierdosen, Flaschen und Papiere herumgelegen.

Ein junger Mann sei um das Unfallfahrzeug herumgelaufen und habe die Dosen und Papiere eingesammelt. Erst als er um das Fahrzeug herumgegangen sei, habe er den Mann auf der Fahrerseite entdeckt, der auf der Straße lag und nur mit einem Fuß noch im Fahrzeug hing.

Ausweichmanöver Grund für Unfall?

„Mithilfe meines Kollegen habe ich den Mann befreit, auf den Boden gelegt und zugedeckt. Es regnete ja in Strömen“, berichtete der 20-jährige Zeuge. Der andere Insasse habe sich nicht um den Verletzten gekümmert, er sei ihm verwirrt und hektisch vorgekommen.

Der zweite Zeuge beschrieb, dass er den schwer Verletzten zunächst für tot gehalten habe. „Er hing mit dem Fuß unter der Lenksäule, der Rest von ihm hing aus dem Auto heraus. In dem Fahrzeug sah es wüst aus.“ Der zweite Insasse des Fahrzeugs, der auch heute noch bei dem Hausmeisterservice arbeitet, sagte aus, er habe auf der Beifahrerseite gesessen. Ein entgegenkommendes Fahrzeug habe die Kurve geschnitten, sie seien ausgewichen und ins Schleudern gekommen. Er sei aus dem Wagen geschleudert worden und auf einem Feld liegen geblieben.

Als die Polizei am Unfallort eintraf, befanden sich beiden Insassen des Unfallfahrzeugs bereits im Krankenwagen. Ein Polizist sagte vor Gericht, auch wegen der Erde auf dem Dach des Transporters gehe er davon aus, das Fahrzeug müsse sich überschlagen haben. Zeugen für den Unfallhergang gibt es nicht.

Verteidiger beantragt Gutachten

Der Verteidiger wies darauf hin, dass nicht klar sei, wer von den beiden Mitarbeitern des Hausmeisterservice das Fahrzeug gefahren habe. Mehrere­ Zeugen berichteten von Gerüchten, der vermeintliche Beifahrer sei der Fahrer gewesen und habe nach dem Unfall den Angeklagten auf die Fahrerseite gezogen. So sagte eine Zeugin, der Inhaber des Hausmeisterservice habe dies bei ­einem Gespräch ihr gegenüber behauptet. Das bestritt dieser allerdings.

Die beiden Handwerker konnten sich das nicht vorstellen: „Wer würde dann so etwas tun?“, fragte der 22-Jährige, und sein Kollege meinte, sie seien sehr bald nach dem Unfall an der Stelle eingetroffen und er glaube nicht, dass für so eine Aktion Zeit gewesen wäre.

Der Verteidiger beantragte ein Gutachten eines Kraftfahrzeugsachverständigen zu den Unfallfolgen, weil nur dieser eine Aussage treffen könne, was bei einem Unfall dieser Art mit zwei nicht angeschnallten Personen in einem Fahrzeug geschehe, und ob die schweren Verletzungen des Angeklagten vor allem auf der rechten Kopfseite darauf hin deuteten, dass er auf der Beifahrerseite gesessen habe. Dem stimmten Staatsanwalt und Rechtsmediziner zu, die Verhandlung wurde daraufhin vertragt.

von Martina Koelschtzky