Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Nordkreis Ex-Rockstar Ralf Erkel entdeckt neue Talente
Landkreis Nordkreis Ex-Rockstar Ralf Erkel entdeckt neue Talente
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:55 05.03.2018
„Dru Chunusen mut dum Kuntrubuß“: Zum Einsingen üben die Kinder der Offenen Bühne im Bullenstall mit Musikcoach Ralf Erkel das bekannte Kinderlied. Quelle: Tobias Hirsch
Wetter

„Wir machen Avicii!“, freut sich Gelareh. Die Zehnjährige steht neben dem Keyboard von Musikcoach Ralf Erkel. „Bist du eingesungen?“, fragt er sie. Gelareh nickt und es geht los. „1,2,3,4“, zählt der Coach an, während er das Intro spielt.

Die Zehnjährige ist eine von zehn Teilnehmern der Offenen Bühne im Bullenstall. So heißt der Jugendclub in Wetter. Erkel, der früher Rockstar war, hat das Angebot gemeinsam mit der ­Jugendförderung der Stadt und mit einer Ehrenamtlichen ins Leben gerufen.

„Hey brother“, singt Gelareh. Ihr Englisch ist einwandfrei, ihre Stimme klingt etwas dünn. „Höher, höher“, sagt Erkel immer wieder. Im Hintergrund tanzt der zwölfjährige Obai. Erkel wechselt die Tonart, es wird tiefer und die Zehnjährige kann besser singen. „Hey brother“ von Avicii ist eines ihrer Lieblingslieder. Das war die Idee von Ralf Erkel: Wer Lust hat, soll bei dem Musikangebot sein Lieblingslied singen oder auf dem Keyboard spielen lernen.

„Ich dachte, es kommt mal ein Kind, mit dem ich dann vielleicht zwei Wochen arbeite“, erzählt Erkel. Stattdessen wurden es von Woche zu Woche mehr Kinder. Bisher sind es ausschließlich Flüchtlingskinder, die Elke Brühl auf das Angebot aufmerksam machte. Brühl engagiert sich ehrenamtlich für Flüchtlingsfamilien in Wetter. Weil sie bemerkte, wie musikalisch die Kinder sind, habe sie Erkel das Musikprojekt vorgeschlagen.

Seit sechs Wochen gibt es die Offene Bühne jetzt. Mittlerweile hätten sich auch schon Grüppchen gebildet, sagt Erkel. Eine von ihnen besteht aus Gelareh und zwei anderen Mädchen, die sich zum Tanzen zusammengetan haben. Bevor sie aber ihren Tanz aufführen wollen, verschwinden sie noch einmal im Badezimmer. Nach einigen Minuten kommen sie mit pink bemalten Lippen wieder. Sie wollen zu „Havana“ von Camila ­Cabello tanzen. Auf einer freien Fläche im Raum stellen sie sich mit verschränkten Armen bereit. Erkel drückt auf den Play-Button seines Tablets.

Gelareh wirft die Arme nach vorne, überkreuzt sie. Ihre Finger hält sie dabei wie ein Rapper. Dann kniet sie auf dem Boden, während sie den Kopf nach links und rechts schiebt. Erkel wippt daneben mit. Als es in dem Lied „Ooh-ooh-ooh“ heißt, legt er die Hände an den Mund. Die Mädchen tun es ihm gleich. Als der letzte Ton verklingt, erstarren die Bewegungen zu einem „Freeze“.

„Du hast immer noch Lippenstift an den Zähnen“, sagt eines der Mädchen, Diala, zu Gelareh. Auch die Zehnjährige möchte­ gerne ein Lied singen lernen, von Justin Bieber. Gelareh findet Bieber peinlich. Erkel sagt: „Der ist inzwischen cool und hat überall Tatoos.“ – „Das ist ja das Problem“, entgegnet das Mädchen.

„Friends“ von Justin Bieber sucht sich Diala aus. Während das Lied auf dem Tablet läuft, singt die Zehnjährige mit. „Das kannst du ja schon fast“, ruft Erkel. „Und den Dance dazu hast du auch schon.“ Nächste Woche will er ein Playback und den Text dazu mitbringen. Wenn die Gruppe genug Performances einstudiert hat, will Erkel eine Aufführung organisieren, vielleicht im Sommer. Ein halbes Jahr läuft die Förderung von Kreis und Land für das Musikprojekt, das der Integration von Flüchtlingskindern dienen soll. Sie kommen aus dem Iran, aus Afghanistan, Syrien und Ghana. Der jüngste Teilnehmer ist vier Jahre alt. Deshalb übt Erkel immer zuerst mit den Kleinen Keyboardspielen und während später die Größeren dran sind, können sie im Untergeschoss mit Sebastian Nolte von der Jugendförderung spielen.

Erkel hat unter seinen Schülern Talente entdeckt

Für Gelareh ist das Singen mehr als nur ein Hobby. „Ich will mal Sängerin werden, oder Ärztin“, sagt die Zehnjährige. Erkel hat schon Talente für den Musikbusiness entdeckt, auch bei der Fernsehshow „The Voice Kids“ haben schon Schüler von ihm vorgesungen. Früher war er selbst Rockmusiker, war mit Guildo Horn beim Grand Prix. Auch für die deutsche Girlgroup Tic Tac Toe arbeitete er. Heute produziert Erkel Kinderlieder und Schlager, unterrichtet in AGs an der Gesamtschule Niederwalgern und der Europaschule in Gladenbach. Besondere Talente fördert er in seinem eigenen Studio. „Die Entscheidung ist schwer“, sagt Gelareh. „Aber ich glaube, ich entscheide mich für Sängerin“.

von Freya Altmüller

Anzeige