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Nordkreis Der französische Kriegsgefangene Emil Mouzet
Landkreis Nordkreis Der französische Kriegsgefangene Emil Mouzet
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00:17 01.08.2018
Der Amönauer Walter Wiegand steht vor seinem Hof, auf dem der französische Kriegsgefangene Emile Mouzet ihn, seine Mutter und seine Geschwister unterstützte. Quelle: Tobias Kunz
Amönau

Als Walter Wiegand vor etwa zwei Wochen die OP aufschlug, traute er seinen Augen nicht. Sofort fiel dem 84-Jährigen das Bild des französischen Kriegsgefangenen Emile Mouzet auf. Dessen Familie hatte über die Gedenkstätte Trutzhain und die OP nach Zeitzeugen gesucht, die den Franzosen gekannt haben. „Ich wusste nicht genau, wie man seinen Namen schreibt. Aber das karge, schmale­ Gesicht und die hohe Stirn habe ich direkt erkannt“, sagt er.

Um das Jahr 1944 herum habe Emile Mouzet auf dem Hof von Wiegands Eltern gearbeitet. „Er wollte sich bei uns melden. Wir haben immer auf eine Nachricht von ihm gehofft“, sagt Wiegand, „leider kam keine.“ Ob Mouzet nach seiner Abreise etwas zugestoßen ist, oder er es schlichtweg vergessen hat, weiß Wiegand nicht. Für ihn steht nur fest: „Wir haben uns gut verstanden. Er gehörte zu uns.“

Mit zunehmender Dauer des Zweiten Weltkriegs wurde die Belastung für die Familie Wiegand immer größer. 1944 war Walter Wiegand 10 Jahre alt. Sein Vater, der bei der Post arbeitete, war in Kassel. Er sollte nach dem Luftanschlag im Oktober 1943 beim Wiederaufbau der Telefonanlagen helfen und kam nur gelegentlich an den Wochenenden nach Hause. Wiegands zwei ältere Brüder waren im Krieg. Als dann sein Großvater starb, war er plötzlich der einzige „Mann“ im Haus, trug mit zehn Jahren große Verantwortung für den Hof, auf dem außer ihm noch seine Mutter, zwei ältere Schwestern und zwei jüngere Brüder lebten. „Der Acker musste bestellt, die Kühe und Hühner gefüttert werden“, sagt Wiegand.

"Wir haben ihn in guter Erinnerung behalten."

Um der gebeutelten Familie bei ihrer Arbeit zu helfen, sei der im Kriegsgefangenenlager in Ziegenhain internierte Emile Mouzet dem Amönauer Hof zugeteilt worden. „Er kam morgens und ging abends wieder. Die Kriegsgefangenen schliefen zusammen in einem Gebäude im Ort“, sagt Wiegand. Wenn der 84-Jährige an die Zeit zurückdenkt, fallen ihm viele Anekdoten ein. Zum Beispiel, dass der Franzose keinen Salat aß. Das wisse er, weil Mouzet mit der Familie am Tisch gegessen habe, obwohl dies eigentlich verboten war. „Die Gefangenen sollten im Stall oder an ähnlichen Orten alleine essen“, sagt Wiegand. Die Familie habe den Franzosen gut behandelt, der wiederum dankte es ihr auf seine Art. „Meinem Bruder hat er kleine Pfeifchen geschnitzt“, sagt Wiegand. „Wir haben ihn in guter Erinnerung behalten.“

Wiegand verbrachte damals viel Zeit mit Mouzet auf den Feldern, wo sie das Vieh mit Futter versorgten. Einmal – daran erinnert sich Wiegand genau – flog ein Tiefflieger in kurzer Entfernung an ihnen vorbei. „Das Flugzeug flog so tief, ich konnte dem Piloten ins Gesicht ­sehen“, sagt er. Als Mouzet den Flieger kommen hörte, habe er sich ein Versteck gesucht und sei in ein Rohr gekrabbelt, das in einem Wassergraben lag. Der zehnjährige Wiegand blieb jedoch stehen. „Ich habe mir keine Gedanken gemacht. Wir Kinder waren den Lärm und die Schüsse gewohnt. Außerdem musste sich doch jemand um die Kühe kümmern“, versucht er sein Verhalten 74 Jahre nach der bedrohlichen Situation zu erklären. Die Stelle, an der sich Mouzet versteckt haben soll, ist heute noch erhalten. Das Rohr an dem Acker zwischen Amönau und Wetter ist ­lediglich etwas zugewachsen.

Der französische Kriegsgefangene Emile Mouzet. Privatfoto Quelle: Der französische Kriegsgefangene Emile Mouzet.

Andere Orte, die Wiegand an den Franzosen erinnern, sind mittlerweile umgestaltet oder existieren nicht mehr. Die Wand im Stall etwa, an der Mouzet auf einem Regal seinen Rasierer und andere Gegenstände gelagert­ oder die Stelle, an der die Familie einen Anzug für ihn versteckt haben soll. „Der Anzug war richtig schneidig. Den durfte er eigentlich nicht haben“, sagt Wiegand. Seine Mutter habe Mouzet seine Kleidung auf dem Dachboden lagern lassen und den Anzug zugedeckt, damit ihn niemand fand.

Im November 1944 kehrte der zweitälteste Sohn der Familie zurück. Er sei im Krieg auf eine deutsche Miene getreten und habe dabei seine beiden Füße verloren, sagt Wiegand. Im Februar 1945 kam auch Wiegands ältester Bruder nach Hause – allerdings nur vorübergehend. „Er wurde von der West- an die Ostfront verlegt und durfte zwei ­Tage bei uns übernachten“, sagt Wiegand.

„Ich erinnere mich noch genau, wie er auf einen Laster gestiegen und fortgefahren ist.“

In dieser Zeit habe sein Bruder auch Mouzet kennengelernt. Gemeinsam mit zwei anderen Wehrmachtssoldaten hätten sie mit Pistolen um die Wette auf Blecheimer geschossen. „Emile war begeistert, wie gut mein Bruder schießen konnte“, sagt Wiegand.

Bevor sein ältester Bruder die Familie wieder verließ, habe seine Mutter ihn angefleht, dazubleiben. „Er sagte, er könne nicht bleiben, sonst würden sie unsere ganze Familie­ auslöschen“, sagt Wiegand. Später habe die Familie seinen Bruder wieder nach Hause geholt. Im März habe er einen Bauchschuss erlitten, an dem er nach kurzer Zeit verstorben sei.

Nach dem Ende des Krieges durfte Mouzet die Familie Wiegand wieder verlassen. Der Kriegsgefangene habe aber gar nicht gehen wollen. „Er wollte hier bleiben und uns Kinder vor den russischen und polnischen Soldaten beschützen“, sagt Wiegand. Er habe noch den Moment vor Augen, als Mouzet aufgebrochen sei. „Ich erinnere mich noch genau, wie er auf einen Laster gestiegen und fortgefahren ist“, sagt Wiegand. Ein trauriger Augenblick für den damals Zehnjährigen. Heute hofft Wiegand, dass er 74 Jahre später etwas darüber erfährt, was aus Emile Mouzet geworden ist.

von Tobias Kunz