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18:58 25.04.2017
Nessar Niazi in seinem Wohnzimmer. Quelle: Peter Gassner
Goßfelden

Viele Afghanen, sagt Nessar Niazi (rundes Foto: Peter Gassner), hatten nicht das Glück, das er selber hatte. Gemeinsam mit ihm nach Deutschland gekommen, seien sie kriminell, drogensüchtig, zum Teil sogar tot. Andere wiederum haben es geschafft: Sie bauten sich ein Leben in Deutschland auf, studierten zum Teil Medizin oder Psychologie. Eine Sache des Glücks? Oder des Willens? Wahrscheinlich schon. Entscheidend ist in vielen Fällen aber etwas anderes, glaubt Niazi: Unterstützung durch hilfsbereite Menschen, so wie er sie selbst erfahren hat.

Der 55-Jährige hatte Erfolg in seinem neuen Leben. In einem Wehrdaer Baumarkt arbeitet er inzwischen als Abteilungsleiter. Verheiratet ist er mit einer Deutschen, hat vier Kinder und drei Enkel. „Alle Kinder haben eine gute Ausbildung, die beiden Söhne haben sogar studiert“, berichtet Niazi nicht ohne Stolz. Er hat es geschafft, ist in Deutschland angekommen. Allen Widrigkeiten zum Trotz.

Begonnen hat seine Odyssee einst mit dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan im Jahr 1979. Niazi war damals Wirtschaftsstudent im 2. Semester. So wie viele Studenten und auch Schüler habe er damals gegen die Besatzung demonstriert. „Dafür sind wir brutal zusammengeschlagen worden“, erinnert er sich. Dennoch habe er weiterhin „immer meine Meinung gesagt“, galt schon bald als unbequem. Als eines Tages schließlich in seiner Universität in Kabul eine Bombe explodierte, gerieten er und einige Kommilitonen ins Visier der Russen. „Ein Freund hat mich gewarnt und mir erzählt, dass alle anderen schon verhaftet waren“, erinnert er sich. Noch am selben Abend kamen die Besatzer zu seiner Familie nach Hause und suchten nach ihm.

Sein Vater organisierte für Nessar und einen seiner Brüder die Flucht. Mit dabei: Frau und Kind des Bruders, der für das Militär auf russischer Seite eingezogen werden sollte. Zu Fuß ging es in Richtung Pakistan, das Ziel der Reise lautete damals eigentlich Indien. Doch es kam anders als geplant.

Nach Indien und wieder zurück

Fast wäre die Flucht schon bei der Überquerung des Grenzgebirges zu Ende gewesen, erinnert sich Niazi. Denn „irgendwo zwischen 2000 und 3000 Metern Höhe“ musste die Fluchtgruppe Halt machen. Zu gefährlich wäre der weitere Weg in der Dunkelheit gewesen. Doch ohne Zelt oder warme Kleidung wäre die Höhe ihnen fast zum Verhängnis geworden. Bei bitterer Kälte „haben wir uns am Lagerfeuer hin und her gewendet wie eine Bratwurst“. Wäre nicht zufällig eine fremde Karawane vorbeigekommen, Niazi wäre wohl erfroren, glaubt er.

Doch auch auf der anderen Seite des Berges warteten noch einige unangenehme Überraschungen. Denn dort landeten sie zunächst im Niemandsland. Auf einem Lkw voller Mist trampten sie in Richtung des pakistanischen Peschawar. Dort angekommen, wollte die stinkenden Menschen kein Hotel aufnehmen. Erst ein leidenschaftlicher Appell an einen afghanischen Hotelbesitzer verschaffte ihnen letztlich doch eine Übernachtungsmöglichkeit.

Als Ausländer, noch dazu ohne Papiere, fiel es jedoch auch weiterhin schwer, Fuß zu fassen. Die Pakistanis seien ihnen gegenüber sehr misstrauisch gewesen, hielten sie für russi­sche Spione. Daran, eine Wohnung oder eine Arbeit zu finden, war unter diesen Umständen nicht zu denken. Also kratzten die vier das letzte Geld zusammen, organisierten sich Ausweise und flogen nach Indien. „Damals war allgemein bekannt, dass das geht, wenn man die indischen Zollbeamten besticht“, erklärt Niazi. Ausgerechnet bei seinem Flieger aber habe sich das plötzlich geändert.

Mit einer Gruppe von 40 Afghanen saßen sie am Flughafen fest, sollten von dort aus nach Afghanistan abgeschoben werden. Erst als die Vereinten Nationen sich einschalteten, ging es zurück nach Pakistan und von dort im März 1982 - dank einer Überweisung des Vaters - in ein Flugzeug Richtung Deutschland. Dort könne man unterkommen, hatte der Vater erfahren. Problem dabei: Eigentlich ging der Flieger nach Madrid, sollte in Frankfurt nur zwischenlanden. Als der Kapitän durchsagte, dass der Zwischenstopp aufgrund der Wetterbedingungen gestrichen werden müsse, war die Ratlosigkeit groß. Letztlich landete er dann aber doch noch und Niazi konnte in Deutschland einen Asylantrag stellen.

„Ohne solche Leute würde ich heute nicht hier sitzen“

Auch in seiner neuen Heimat lief dann aber nicht alles von Anfang an gut. Als Flüchtling nach Amöneburg zugewiesen, durfte er die Stadt damals nicht verlassen. Das Altenheim, in dem er untergebracht war, wurde für ihn und einige Leidensgenossen zu einer Art Gefängnis. „Wir haben geschlafen bis in den Tag hinein, dann von morgens bis abends herumgesessen. Ich durfte nicht einmal Freunde in Marburg besuchen“, erinnert er sich. Wären in dieser Zeit nicht ehrenamtliche Helfer wie Reinhard Forst da gewesen, Niazi wäre wohl an der Einsamkeit zerbrochen. „Ohne solche Leute würde ich heute nicht hier sitzen“, ist er sich sicher. Forst nahm ihn hin und wieder mit zum Volleyball, organisierte zudem mit anderen Lehrern Sprachkurse und half beim Schriftverkehr mit Behörden. Nachdem Niazi seine heutige Frau kennengelernt hatte, half Forst zudem, eine Wohnung zu finden. Andere Afghanen, die er kennt, „hatten das Glück nicht und sind alle auf die schiefe Bahn geraten.“ Als junger Mensch, „der nichts machen darf“, sei das oft die Konsequenz.

„Integration ist umso leichter, je weiter sie fortgeschritten ist“, sagt er. Gerade aber die ersten Schritte könne man ohne fremde Hilfe kaum schaffen. „Es gibt auch viele Missverständnisse, zum Beispiel was Pünktlichkeit oder den Umgang mit Frauen angeht“, sagt er. Werde einem das nicht erklärt, sei es schwer, die fremde Kultur zu verstehen. Wichtig sei zudem auch, eine Arbeit zu finden. „Die meisten jungen Leute, die hierher kommen, wollen arbeiten“, so Niazi, der selbst Probleme hatte, einen Job zu finden, und erst 1986 - vier Jahre nach seiner Einreise - offiziell Asyl erhielt. Im selben Jahr bekam er über einen Mitspieler bei der Volleyball-Abteilung von Eintracht Stadtallendorf einen ersten Job am Fließband bei der damaligen Firma Richter. Später bewarb er sich erfolgreich auf eine Verkäuferstelle bei Obi in Wehrda. Dort arbeitet er bis heute - und hat es, wie eingangs erwähnt, zum Abteilungsleiter gebracht.

„Deutschland profitiert auch“, sagt er daher. Wenn er sich mit Menschen unterhalte, ändere sich oft auch deren Meinung, wenn sie zuvor mit Vorurteilen aufgeladen sei. Überhaupt habe sich die deutsche Gesellschaft im Umgang mit Flüchtlingen gewandelt, sei „viel offener“ geworden. Wer neu in das Land komme, dürfe nicht erwarten, „dass in Deutschland alles auf der Straße liegt“, müsse „willig sein“, sich zu integrieren. Damit das Erfolg hat, brauche es aber die Bereitschaft, dabei behilflich zu sein.

von Peter Gassner

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