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Nordkreis Eine Stimme für die Bodenbrüter
Landkreis Nordkreis Eine Stimme für die Bodenbrüter
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14:47 03.05.2017
Ein Feldweg bei Reddehausen im Sommer 2016. Die linke Seite ist gemulcht, rechts steht hohes Gras, das von Tieren zum Nisten und als Schutz genutzt wird. Quelle: Privatfoto
Reddehausen

Eins, zwei, drei, mulch, mulch, und die Ränder am Feldweg machen wieder einen gepflegten Eindruck. Das Auge des Spaziergängers signalisiert dem Hirn des Spaziergängers, hier wird etwas getan, hier wird auf Ordnung geachtet. Landschaftspflege eben. Oh nein, sagt hingegen Karl-Heinz Rex. Der Reddehäuser Vogelfreund und Mitglied des Deutschen Naturschutzbundes (Nabu) schlägt Alarm. „Lasst die Wegraine den Frühling und Sommer einfach so wie sie sind. Wer unbedingt mulchen möchte, sollte damit bis Mitte oder besser gar Ende September warten.“

Hintergrund

Als Acker- und Wegraine werden jene zumeist nur wenige Meter breite Streifen bezeichnet, die zwischen Feldweg und landwirtschaftlich genutzter Ackerfläche liegen. Dort wachsen hohe Gräser, Stauden, mitunter Wildblumen, auch mal ein Busch und all das, was der Volksmund als Unkraut bezeichnet. Diese Flächen vereinen allerdings nicht nur eine große pflanzliche Artenvielfalt. Vielerorts, wo sich Ackerfläche an Ackerfläche reiht, stellen sie auch die letzten Rückzugsgebiete für Insekten und größere Tiere wie Feldhasen, ­Mäuse und Igel dar. Zudem bieten sie gefiederten Bodenbrütern wie Feldlerche, Rebhuhn oder Braunkehlchen  einen geschützten Platz für ihre Nester.

Wieso das jetzt? „Weil diese Grasstreifen Nistplätze für Bodenbrütern bieten.“ Für eine bestimmte Gemarkung bei Reddehausen, die „Im alten Feld“ heißt, möchte er eine Lanze für dortige „Bewohner“ brechen. „Ich beobachte dort immer wieder  Feldlerchen-Brutpaare. Im ganzen fünf Stück. Deren Nachwuchs hat aber nur eine Chance, wenn zur Brutzeit nicht gemulcht wird.“ Da Feldlerchen zweimal im Jahr eine Brut aufziehen, nämlich im April und im Juli, wäre es Rex am liebsten, wenn eben bis Mitte, Ende September dort nicht gemulcht wird.

„Ich kann es niemanden vorschreiben, ich kann nur darum bitten und meine Argumente nennen“, sagt er. Wie die Landwirte das bewerten, sei dann ihre Sache. Und die Erfahrung aus dem vergangenen Sommer zeigt, dass die Landwirte offenbar unterschiedlich darüber denken. Aber nicht nur sie, sondern auch die Mitbürger, die die Feldwege zum spazieren gehen nutzen. Rex weiß, dass es einige gibt, die einen gemulchten Rand einfach als schöner und gepflegter empfinden. Andere erfreuen sich aber auch einfach an den Gräsern und Blumen am Wegesrand. Landwirte, und damit meint er nicht nur die in Reddehausen, haben natürlich auch ihre Argumente, so Rex. Sie mulchen schließlich den Wegesrand nicht, weil sie unter Unterbeschäftigung leiden würden, sagt er. Viel mehr geht es darum, zu verhindern, dass der Samen der vielen Gräser und des Unkrauts nicht zwischen die landwirtschaftlichen Nutzpflanzen geraten. Und dabei geht es gar nicht um die Frage der Ästhetik. Es gibt da schon einige „Problemunkräuter“ wie Trespen, die eigentlich so wunderschöne Kornblume, Rauken, Kerbel und Beifuß, die alle gerne reichlich Platz einnehmen, wenn man sie nur lässt.

Das ist kein Spatz, sondern eine Feldlerche. Sie gehört zu den Bodenbrütern und ist deshalb vielen Gefahren ausgesetzt. Etwa durch freilaufende Hunde, aber auch durch Mäher. Foto: Andreas Neuthe

Und was vielleicht noch viel gewichtiger ist: Die Wegränder beherbergen auch Infektionsquellen für Virosen sowie Zwischenwirte für pilzliche Krankheitserreger. Das will Rex auch alles nicht in Abrede stellen, er wirbt einfach nur für ein bisschen mehr Zeit, denn wenn gemulcht wird, „bleibt nichts mehr von einem Nest auf dem Boden übrig“. Keinesfalls will er irgend­jemanden etwas vorschreiben, doch einen Appell für die Tierwelt möchte er doch mal öffentlich formulieren. Im vergangenen Jahr verbuchte er übrigens schon Teilerfolge für sein Anliegen. 

von Götz Schaub

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