Volltextsuche über das Angebot:

30 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Eine Sternstunde für den ländlichen Raum

Auftaktveranstaltung Tag der Regionen Eine Sternstunde für den ländlichen Raum

Die Heimatliebe gewinnt in Zeiten der Globalisierung und des demografischen Wandels eine ganz neue Bedeutung. Sie ist die Wurzel des ehrenamtlichen Engagements zur Entwicklung der heimischen Region.

Voriger Artikel
Nordkreis bietet viele Projekte zur Energiewende
Nächster Artikel
„Immer gut zu Fuß auf unseren Wanderwegen“

Der Gbevivi Chor aus Ghana gab für Ministerin Lucia Puttrich (rechts) ein kleines sehr hörenswertes Spontankonzert.

Schönstadt. Die Zeiten, in denen wir Hessen um unsere aale Worscht und den Äppelwoi fürchten mussten, sind aus EU-Sicht nur noch Schnee von gestern. Der Europaabgeordnete Thomas Mann nutze sein Grußwort während der bundesweiten Auftaktveranstaltung zum „Tag der Regionen“ auf Hof Fleckenbühl dazu aufzuzeigen, dass das sonst so weit entfernte Brüssel erkannt hat, dass die Menschen auch in der globalisierte Welt Wurzeln benötigen, eine Heimat mit ihren Gebräuchen und Besonderheiten, auch kulinarischer Art. Und er freute sich, darstellen zu dürfen, dass die wichtige EU-Geldquelle für regionale Entwicklung, etwa das Leader-Programm weiterhin bestehen wird. Wie wichtig diese Nachricht ist, hatte zuvor die hessische Landwirtschaftsministerin Lucia Puttrich deutlich gemacht: „Die Hälfte aller Hessen, rund drei Millionen, leben im ländlichen Raum, also in den Regionen, die besonders vom demografischen Wandel bedroht sind.“ Über eine neu entdeckte Heimatliebe und dem neuen Selbstbewusstsein, ein Dörfler zu sein, erwachse die Motivation der Menschen, sich für ihr Wohn- und Lebensumfeld aktiv einzusetzen, es fit für eine lebenswerte Zukunft zu machen. Dabei sei es jedoch auch sehr wichtig, nicht nur das eigene Dorf, sondern die Kommune und die Nachbarkommunen mit auf den Weg zu nehmen. „Der ländliche Raum muss auch ein Wirtschaftsstandort sein und nicht einfach nur das Museum für die anderen aus der Stadt.“ Sehr beeindruckt zeigten sich die Redner wie auch alle Gäste von den Liedbeiträgen der „kernigen Kids“. Die Jungs und Mädchen des Schönstädter Kindergartens und der Grundschule sangen voller Inbrunst unter anderem ihre Dorfhymne „Schön, schöner, Schönstadt“ und zeigten damit auf, dass sie gerne in dem Ort leben, weil es „hier viel zu sehen gibt“ und es „hier für jeden etwas gibt“. „Diese kernigen Kids sind eine Antwort auf den demografischen Wandel“, sagte Dr. Reinhard Kloos, Staatssektretär des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Bei aller Globalität habe sich auch wieder eine Rückbesinnung auf Regionales in den Köpfen der Menschen etabliert. Wer, wenn nicht die regionalen Firmen, die regionalen Banken und die regionalen Energieversorger können die Menschen einer Region am besten verstehen? Deshalb sei es auch richtig, regionale Produkte zu stärken und zu vermarkten und für den Verbraucher auch erkennbar zu machen. Und ganz getreu dem „Bottom-up-Prozess“ müssen die Ideen vor Ort entstehen und auch von Menschen vor Ort umgesetzt werden.

„Es ist schnell passiert, ein Projekt entwickeln zu wollen und dabei zu vergessen, die Menschen mitzunehmen“ übte Cölbes Bürgermeister Volker Carle Selbstkritik. Er habe dies erfahren als er als glühender Verfechter der Stärkung der Dorfkerne in Bürgeln einen Markt im Mittelpunkt etablieren wollte, dann aber zur Kenntnis nehmen musste, dass die Bewohner des Ortes den Markt lieber als Discounter auf der grünen Wiese haben wollten. „Das war für mich eine Lehre“, gab er offen zu. Denn Ideen zur Dorfentwicklung wie auch zur Entwicklung einer Region funktioniere nur mit den Menschen.

Sich bei aller Globalisierung auf die Region zu besinnen, sei keinesfalls ein Schritt zurück. „Ohne eigene Wurzeln entwurzelt auch die moderne Welt“, sagte Heiner Sindel, Vorsitzender des Bundesverbandes Regionalbewegung. Dr. Reinhard Kubat, Landrat des Kreises Waldeck-Frankenberg, fasste die Beiträge der Politiker als „Mut machend“ zusammen. Die Voraussetzungen für eine gedeihliche Arbeit im ländlichen Raum seien offensichtlich gegeben beziehungsweise würden weiter entwickelt. So seien nun die Menschen vor Ort gefragt, sich weiter einzusetzen.

Was die Region Burgwald-Ederbergland angeht, muss einem nicht bange sein. Kai-Uwe Spanka, Bürgermeister der Stadt Wetter und Vorsitzender des Vereins Region Burgwald-Ederbergland, hob hervor, dass die Region über viele motivierte Menschen verfüge, wie etwa die ehemalige Schönstädter Ortvorsteherin Carola Carius, die auf die Idee kam, dass die Abwärme des ortsansässigen Sägewerks für Nahwärme genutzt werden könnte. Was aus dieser Idee wurde, ist bekannt: Am 13. Oktober wird Deutschlands größtes Nahwärmenetz in Schönstadt eingeweiht. Hermann Schleicher, Geschäftsführer von „Die Fleckenbühler“, hatte als Mitgastgeber die Begrüßung der Gäste übernommen und drei Schlagworte in den Ring geworfen: Sozial, ökologisch und wirtschaftlich. Drei Worte, die früher einmal als unvereinbar gegolten haben, mittlerweile aber auch als Einheit gesehen werden können. Die Einrichtung Hof Fleckenbühl sei dafür ein Paradebeispiel. Denn dort finden suchtkranke Menschen Hilfe, ihr Leben neu auszurichten. „Es mag gar nicht auffallen, aber es sind Süchtige die das Angebot für Süchtige aufrechterhalten.“ Es werden auf dem Hof viele ökologische Produkte hergestellt, die wirtschaftlich vermarktet werden als Produkte aus der Region für die Region. Wie das im Einzelnen aussieht, wurde bei Hofrundgängen gezeigt. Zudem nutzen zahlreiche Aussteller die Eröffnungsveranstaltung, um sich zu präsentieren. Natürlich gab es auch ein Unterhaltungsprogramm und leckeres Essen direkt vom Hof. Alles in allem zeigte sich Hof Fleckenbühl als würdiger Veranstaltungsort für den Tag der Regionen. Am Nachmittag gab es dann auch ein Programm im ersten Bioenergiedorf des Landkreises, also in Oberrosphe. Dabei konnten sich die Gäste davon überzeugen, dass Oberrosphe ein sehr vielseitiges Dorf ist mit Museumshof, Bücherhäuschen, Holzheizkraftwerk und Premiumwanderweg.

In den kommenden 14 Tagen werden deutschlandweit mehr als 1000 Veranstaltungen stattfinden. Unter anderem wird auch dann wieder Oberrosphe Zielort sein. Am 30. September findet dort ein Erntedank-Markt statt.

10000 Euro für Oberrosphe

Und dann gibt es noch etwas zu feiern in Oberrosphe. Das Bundesagrarministerium zeichnet den Ort als „Bioenergiedorf 2012“ aus. Die Preisverleihung findet am 14. November in Hannover statt. Insgesamt haben sich 41 Orte beworben, Weitere Preisträger sind Schlöben (Thüringen) und Großbardorf (Bayern)

Hans-Jochen Henkel, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft, freut sich: „Wir haben uns beworben weil wir als Bürgergenossenschaft an unsere Konzeption glauben. Jetzt dürfen wir uns bestätigt fühlen.“ Die 10000 Euro sollen zur Weiterentwicklung des Konzepts genutzt werden.

von Götz Schaub

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nordkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr