Volltextsuche über das Angebot:

30 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Eine Sekunde verändert das ganze Leben

LKW-Unfall in Göttingen bringt Familie an den Rand des Ruins Eine Sekunde verändert das ganze Leben

Unschuldig an den Rand des Ruins gebracht - solche Schicksale gibt es nicht nur im Fernsehen, sondern auch bei uns vor der Haustür. Der Fall der Familie Glaser zeigt, wie schnell das gehen kann.

Göttingen . Wenn Susanne und Frank Glaser derzeit ihr Haus an der Hauptstraße im Lahntaler Ortsteil Göttingen betreten, klingt das, als würden sie noch auf der Straße stehen. In der mit einer Plane zugehängten Fassade klafft noch immer ein Loch, die vorbeirauschenden Fahrzeuge und schweren Lkw dröhnen, als führen sie direkt neben einem vorbei. Wohnen können sie dort auf absehbare Zeit nicht mehr. „Eine Sekunde hat unser ganzes Leben verändert“, sagt Susanne Glaser und fügt leise hinzu: „Und wir fangen wieder bei Null an.“

Was war geschehen? Am Abend des 12. April lenkt ein spanischer Kraftfahrer seinen unbeladenen Sattelzug in einem unachtsamen Moment gegen das Fachwerkhaus. Das Warum ist bis heute nicht geklärt, oder zumindest wissen die Glasers es nicht. Vieles haben sie nur aus Erzählungen erfahren, denn als der Lkw im wahrsten Sinne des Wortes ihr Leben durchschüttelte, waren sie gerade im Camping-Urlaub. Und zum Glück nicht in ihrem Haus.

Denn durch die Wucht des Aufpralls wurde der Sandsteinsockel des Gebäudes um bis zu 50 Zentimeter verschoben. Im Innern klafft seitdem ein Loch im Fußboden, das den Blick auf den Keller freigibt. Im oberen Geschoss des in den Grundfesten erschütterten Hauses trat als Folge der erschütterten Statik später noch Wasser ein, mit dem Ofen kann auch nicht mehr geheizt werden, weil der Anschluss nicht mehr passt.

Was es kostet, das Haus zu sanieren, ob es möglicherweise abgerissen werden muss und ob die Glasers dies alles je ersetzt bekommen, ist auch ein halbes Jahr nach dem Unfall völlig offen.

Als die Familie einen Tag nach dem Unfall aus dem Urlaub zurückgeeilt ist, ist der Unfallort gesichert, das Haus wegen Einsturzgefahr gesperrt. Die Familie muss auf eigene Kosten das Gebäude sichern und abstützen lassen. Bauaufsicht, Statiker geben vor, was zur Sicherung des Hauses und der Passanten alles getan werden muss. Ab diesem Zeitpunkt muss alles von den Hausbesitzern erst mal vorfinanziert werden - obwohl sie doch keine Schuld an dem Unfall tragen. Die notwendige Abstützung des Hauses, Gebühren bei den Ämtern, Anwaltskosten und die Ersatzunterkunft - all das hat schon jetzt rund 20 000 Euro verschlungen.

Einen Teil hat die Versicherung des Unfallfahrers inzwischen beglichen, auch die laufenden Kosten für die Ersatzwohnung sind gesichert. Dass die Spedition des Unfallfahrers eine spanische ist, macht den Fall nicht einfacher. Vor allem kostet es Zeit. Und ob die Glasers am Ende alles von der gegnerischen Versicherung zurückbekommen werden, ist auch nicht gesagt.

Sie selbst haben Eigeninitiative gezeigt, zunächst drei Monate zu dritt im engen Wohnwagen verbracht. Um Geld zu sparen, denn auch eine Wohnung hätten sie zunächst selbst vorfinanzieren müssen. Die Kosten für den unfreiwillig verlängerten Campingaufenthalt ersetzt auch niemand. Die Nerven, die sie diese Zeit gekostet hat - auf engem Raum zusammen, immer das finanzielle Damoklesschwert über sich - , ohnehin nicht. Jetzt wohnen sie übergangsweise in einer Wohnung ein paar Straßen weiter, die Versicherung übernimmt die laufenden Kosten. Über ihre Zukunft entscheidet jetzt vor allem, was mit dem Haus passiert. Die genaue Bilanz des Alptraums steht noch aus. „Es kann sein“, sagt Frank Glaser, „dass der Schaden am Ende höher ist als der Wert des Hauses“. Dann droht der Familie der Ruin. Denn mit dem Zeitwert abzüglich möglicher Abrisskosten wäre ein anderes Eigenheim nicht zu realisieren. „Die seelische Belastung, der Druck, der da auf einem lastet, den kann man gar nicht wiedergeben“, sagt Susanne Glaser.

Zumal die Wohngebäudeversicherung, die einspringen könnte, zwar abwegige Fälle wie einen Schiffsunfall und Schäden durch einen Flugzeugabsturz mit einschließe, nicht jedoch einen solchen Lkw-Unfall. Und das an einer der meistbefahrensten Straßen im Kreis. Aufgefallen war das den Glasers beim Abschluss der Versicherung damals nicht. Somit sind sie daran nicht schuldlos, das wissen sie. „Aber der Versicherungsvertreter war bei uns zu Hause und hat die Lage gesehen, er hätte uns darauf hinweisen müssen“, ärgert sich Frank Glaser.

Die Glasers haben sich, soweit es ging, selbst geholfen, und sie hatten die Unterstützung der Familie und der engeren Nachbarschaft. Darüber hinaus habe aber kaum mal jemand nach ihnen gefragt. Von der Gemeinde sei zwar gleich jemand da gewesen, der sie auf ihre Pflichten als Hauseigentümer hingewiesen habe. Nachgefragt, ob sie vielleicht Hilfe brauchten, habe dann aber niemand mehr. Bis heute nicht. Das hat Susanne und Frank Glaser schon enttäuscht, sagen sie. Nachkarten wollen sie dennoch nicht. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, ein Leben wieder in normale Bahnen zu lenken, das von einer Sekunde auf die andere aus dem Gleichgewicht geraten ist.

von Michael Agricola

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nordkreis