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Nordkreis Bürger stimmen für einen Dorfladen
Landkreis Nordkreis Bürger stimmen für einen Dorfladen
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00:19 02.12.2018
So gut wie alle Hände gingen hoch auf die Frage, wer sich an einer Dorfladen-Genossenschaft beteiligen würde. Quelle: Manfred Schubert
Schönstadt

„Ein Dorfladen ist von großer Bedeutung. Er bietet nicht nur die Möglichkeit zur Nahversorgung und Daseinsvorsorge sowie Arbeitsplätze im Ort, sondern stoppt auch eine Abwärtsspirale der Infrastruktur und verhindert die Abwanderung älterer Menschen“, machte Klaus Heimann, Fachberater für Nahversorgung im Lebensmitteleinzelhandel, den etwa 190 Zuhörern im Bürgerhaus deutlich. Kinder könnten in dem Dorfladen einkaufen und den Umgang mit Geld lernen. Er gebe ein Stück Selbstständigkeit und Lebensqualität zurück und verhindere Wertverluste von Gebäuden.

Carola Carius vom Arbeitskreis (AK) Dorfladen hatte eingangs schon darauf hingewiesen, dass das Geschäft nicht nur der Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern dienen, sondern ein neuer Dorfmittelpunkt und Treffpunkt sein soll.
Heimann berichtete von einem Dorfladen, den er in Bad Berleburg-Berghausen eröffnete. „Da lag alles brach, nachdem Jahre zuvor der Laden geschlossen hatte. Sechs Wochen später war die Kneipe wieder auf, vier Monate darauf der Friseur, dann der Schuhladen und so weiter“, sagte er, aber machte zugleich deutlich: „Ein Dorfladen, der nur für das vergessene Päckchen Zucker oder Sahne genutzt wird, hat keine Chance. Er braucht die Unterstützung des ganzen Dorfes.

Entscheidende Investitionen fehlten

“Aber wenn Schönstadt es nicht zulasse, habe ein Discounter im Nachbarort keine Chance. „Eine starke Solidargemeinschaft hält dem stärksten Mitbewerber stand“, sagte Heimann. An Akzeptanz soll es beim alten Dorfladen, der seit dem 30. Juni geschlossen ist, nicht gemangelt haben, sondern es habe an entscheidenden Investitionen gefehlt. Heimann, der diesen mehrmals besucht habe, wunderte sich, dass er überhaupt so lange durchhielt: „Der Laden hatte riesige Handicaps, von den schlechten Parkmöglichkeiten über die Räumlichkeiten bis zu den darin herrschenden Temperaturen. Dieser heiße Sommer hat dem Laden endgültig die Wirtschaftlichkeit genommen.“

In seiner Präsentation stellte Heimann Faktoren für den Erfolg eines Dorfladens dar. Angefangen beim Sortiment, der stärkste Umsatz, etwa 15 Prozent, entfalle auf frische Backwaren, 12 bis 15 Prozent auf Fleisch und Wurst, 8 bis 10 Prozent auf Obst und Gemüse. Spitzenqualität sei der wichtigste Aspekt. Zwar dürfe der Dorfladen keine „Apotheke“ sein, aber der Preis sei nicht so wichtig.

Die Kaufkraft Schönstadts betrage mit 1500 Einwohnern 2,925 Millionen Euro, die jährlichen Ausgaben pro Kopf für Lebensmittel inklusive „Non Food“ 1950 Euro. Vergleichbare Dorfläden würden, wenn auch nicht sofort, 15 bis 20 Prozent davon abschöpfen, entsprechend 585 000 Euro. Wenn 400 Haushalte wöchentlich für 30,46 Euro einkaufen, käme man auf die 20 Prozent. Wichtig seien auch die Lage, der Laden müsse sichtbar sein, und für die Personalkosten, dass es nur einen Bedienplatz in der Kassenzone gebe.

Projekt trägt den Namen "Unser Laden"

Zur Trägerschaft des Ladens erklärte Christian von Bethmann vom Dorfladen-Arbeitskreis, dass man keinen privatwirtschaftlich orientierten Betreiber finden werde. Man brauche einen Laden, der, anders als der alte, eine gerade, gut geschnittene Fläche biete. Ein solches Gebäude gebe es nicht, der geplante Laden könnte aber die Miete für ein neues Gebäude nicht leisten. Daher sei die Idee entstanden, es auf genossenschaftlicher Basis zu errichten und ihn selbst zu betreiben, denn nur dann könne man Fördermittel erhalten.

Die Finanzierung ist dreiteilig geplant: Fördermittel, Eigenleistung und Kredit. „Die Idee ist, dass wir uns mit dem Laden identifizieren, daher heißt das Projekt auch ‚Unser Laden’“, sagte er. Als Grundstück sei die Sandwiese an der Hauptstraße, wo jetzt die Bushaltestelle liegt, vorgesehen, mit Parkplatz zum Bach hin. Gutkauf würde den Laden beliefern.

Auf die Frage eines Zuhörers nach den Kosten sagte Carola Carius, dass etwa 650 000 Euro investiert werden sollen. Mit 200 000 Euro Fördermitteln könne man rechnen, für den Rest müsse man einen signifikanten Teil selbst beitragen. „Wir haben als grobes Ziel 150 000 Euro ins Auge gefasst, das wären 300 Genossen mit Anteilen zu je 500 Euro“, erklärte sie.

Bürgermeister setzt sich finanziell für den Laden ein

Dann blieben noch 300 000 Euro zu finanzieren. Man habe bereits mit der VR-Bank gesprochen, diese unterstütze das Projekt. Mit Grundstück und Gebäude als Sicherheiten sei es kein großes Risiko für sie, sagte von Bethmann und verwies auf die Erfahrungen mit der Nahwärmegenossenschaft.

Bürgermeister Volker Carle erklärte, es sei kein Geheimnis, dass er für einen Dorfladen sei und dass er „auf seine Kappe“ sofort zehn Anteile für die Gemeinde zeichnen würde. Schließlich stellte Carius die Frage, wer für den Dorfladen sei und sich an einer Genossenschaft beteiligen würde. So gut wie alle Hände im Saal gingen hoch.

Erster Spatenstich im Herbst

Der Arbeitskreis, für den sie um weitere Beteiligung bat, soll für Ende Januar oder Anfang Februar die Gründungsversammlung für die Genossenschaft vorbereiten. Dann sollen die Fördermittel beantragt werden. Nach deren Genehmigung und weiteren Schritten könne eventuell im Herbst der erste Spatenstich für das Gebäude erfolgen, meinte sie. Abschließend bestand Gelegenheit, „Wunschzettel“ zum Dorfladen auszufüllen, welche Einrichtungen und Funktionen er zusätzlich übernehmen sollte.

von Manfred Schubert