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„Fortschritt ist, was heute besser ist“

Geburtstag Dr. Christean Wagner „Fortschritt ist, was heute besser ist“

Der Ex-Landrat und frühere Landesminister Dr. Christean Wagner ist auch mit 75 immer noch ein aktiver Streiter für das konservative Profil der Union.

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Dr. Christean Wagner: „Der Konservative verteidigt nicht das Bestehende, sondern das Bewährte.“ Von Politikmüdigkeit ist der seit heute 75-jährige Wagner weit entfernt.

Quelle: Nadine Weigel

Lahntal. Wenn der frühere Landrat von Marburg-Biedenkopf und hessische Ex-Justizminister heute die Geburtstagstorte anschneidet, dann tut das jemand, der es auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Eintritt in die CDU noch nicht aufgegeben hat, für seinen weltanschaulichen Wertekanon zu kämpfen.

Bewährtes verteidigen

Das tat er unlängst – im Februar – auf dem Bundesparteitag der CDU, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ob ­eine neue große Koalition überhaupt zustande kommen würde. „Der Konservative verteidigt nicht das Bestehende, sondern das Bewährte“, sagte Wagner in Berlin und umriss damit, was ihn als konservativ denkenden und handelnden Menschen ausmacht: Für ihn sei nicht dasjenige Fortschritt, was heute nur schlicht anders sei als gestern: „Fortschritt ist das, was heute besser ist als gestern.“

„Abschleifen des christdemokratischen Profils“

Nach wie vor ist Wagner Kopf des konservativen „Berliner Kreises“, und er hat aus dieser Position heraus in der Vergangenheit immer wieder die CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel heftig kritisiert. Das tut er heute noch, spricht vom „Abschleifen des christdemokratischen Profils“ in der großen Koalition und macht Merkels Kurs verantwortlich für das Bundestagswahlergebnis.
Der gebürtige Königsberger war zu Beginn seiner politischen Laufbahn als Stadtdirektor in Holzminden tätig, bevor er in Marburg-Biedenkopf zunächst Erster Kreisbeigeordneter war und dann bis 1985 den Chefsessel im Kreishaus einnahm.

Vom Staatssekretär zum Justizminister

Von 1987 bis 1991 war Wagner in Walter Wallmanns Kabinett Kultusminister – nach zwei Jahren als Staatssekretär im Bundesumweltministerium.
Zwei Legislaturperioden musste der Christdemokrat dann während der Amtszeit von SPD-Ministerpräsident Hans Eichel im Wiesbadener Landtag auf der Oppositionsbank ausharren, bevor ihn Parteifreund Roland Koch 1999 zum Justizminister machte.

Ziehvater des Finanzministers Dr. Thomas Schäfer

Der an den Universitäten von Marburg und Heidelberg ausgebildete Jurist verfolgte als Minister den Anspruch, den „härtesten Strafvollzug Deutschlands“ zu praktizieren. In diese Zeit fiel unter anderem die Diskussion um elektronische Fußfesseln. Auch die Anerkennung von Stalking als Straftatbestand ist eine Initiative aus der Phase, in der Wagner für das hessische Justizressort zuständig war. Seit 2005 führte Wagner die CDU-Landtagsfraktion. Im Plenum zog er scharf gegen alles vom Leder, was ihm links vorkam. Nach der Landtagswahl im Jahr 2013 gab er sein Mandat auf. Wagner galt als politischer Ziehvater des heutigen hessischen Finanzministers und CDU-Kreisvorsitzenden Dr. Thomas Schäfer.

Engagement aus dem Herzen gekommen

Der sagte anlässlich des 75. Geburtstages über Wagner: „Er hat die CDU Marburg-Biedenkopf in herausragender Weise­ geprägt und würdig auf allen politischen Ebenen vertreten.“ Wagners Einsatz für andere sei nie in erster Linie seinen Ämtern geschuldet gewesen, sondern immer aus dem Herzen gekommen, so Schäfer: „Wir sind dankbar, dass Christean Wagner sich auch heute noch für unseren Kreisverband engagiert und freuen uns auf viele weitere gemeinsame Jahre.“

"Politik im Sinne der Bürger"

Als „streitbaren Geist mit Ecken und Kanten“ hat Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier seinen christdemokratischen Politikerkollegen kennengelernt. Vor allem die „Profilierung der drei Säulen der Union“ seien Wagners Herzensangelegenheit, sagt Bouffier und meint damit die christlich-soziale, wirtschaftsliberale und wertkonservative Ausrichtung der Partei. Bouffier weiter: „Wagners Ziel ist immer, Politik im Sinne der Bürgerinnen und Bürger zu gestalten.“

"Seine Beiträge sind stets ernt zu nehmen"

Die Charakterisierung Wagners als „streitbarer Geist“ würde der Vorsitzende der hessischen Landtagsfraktion sofort unterschreiben, denn auch Michael­ Boddenberg sagt: „Ich kann mich an so manche lebhafte Diskussion mit ihm erinnern, wie für uns als Union der richtige Weg aussehen soll.“ Mit manchen Vorschlägen von Christean Wagner stimme er nicht überein, sagt Boddenberg, ergänzt jedoch: „Dennoch sind seine Beiträge stets ernst zu nehmen und gehören zur Diskussionskultur der großen Volkspartei CDU.“

Engagement in der Telefonseelsorge

Sein Mandat als Abgeordneter im Kreistag von Marburg-Biedenkopf hat Wagner noch behalten, und im Ortsverein seines Wohnorts Lahntal fungiert er seit Ende vergangenen Jahres als Mitgliederbeauftragter. Doch diese­ beiden Ämter machen nur den kleinsten Teil von Wagners Terminkalender aus: Nach wie vor engagiert sich der Christdemokrat in der Telefonseelsorge, und der Berliner Kreis „nimmt sehr viel Zeit in Anspruch“, wie Wagner am Sonntag im Gespräch mit der OP sagte.

Solange weitermachen wie möglich

Außerdem arbeitet Wagner noch in einer Berliner Beratungsfirma, zudem hat er die Präsidentschaft des „Zentrums gegen Vertreibungen von Erika Steinbach übernommen. Wagner weiter: „Es mögen jetzt vielleicht ein paar Ämter weniger sein – aber ich habe auch nicht mehr zwei Sekretärinnen wie früher und muss meine Reden selbst schreiben. „Solange ich es noch kann, mache ich weiter – aber ­ohne Druck.“ Da bleibe gerade mal Zeit für eine Stunde Tennis und eine­ Stunde Jogging in der Woche, räumt Wagner ein. Bleibt da Zeit zum Feiern? „Ja, ich bin ganz privat mit meiner Frau und meinem jüngsten Sohn in Norddeutschland unterwegs, feiere mit ihnen in meinen Geburtstag hinein und werde am Montag in Marburg mit meiner 97-jährigen Mutter Kaffee trinken – die ist ja eigentlich die Hauptperson an meinem Geburtstag“, meinte Wagner gestern.

von Carsten Beckmann

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