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Die wundersame Schrottveredelung

Aus dem Amtsgericht Die wundersame Schrottveredelung

Gemeinsam prellten Schrotthändler und der für die Warenannahme zuständige Wiegemeister einen Entsorgungsbetrieb um 24.000 Euro. Auch nach dem letzten Urteil in dieser Sache bleiben Fragen offen.

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Marburg. 35 Minuten brauchte Oberstaatsanwalt Gert-Holger Willanzheimer, um die dem 30-Jährigen zur Last gelegten 91 Taten aufzuzählen, die dieser zwischen dem 4. März und dem 27. Mai 2010 gemeinsam mit wechselnden Partnern begangen haben soll. Danach fand die Verhandlung allerdings ein zügiges Ende - der Angeklagte legte ein umfassendes Geständnis ab, sodass keine Zeugen mehr gehört werden mussten.

Im Gegenzug erhielt der bislang nicht vorbestrafte Mann, der heute nicht mehr im Landkreis lebt und arbeitet, ein vergleichsweise mildes Urteil. Die Staatsanwaltschaft stimmte nach Abstimmung mit dem Gericht und der Verteidigung der Einstellung von 35 Fällen zu, bei denen es um vergleichsweise geringe Summen ging oder wo dem Angeklagten nicht zwangsläufig eine aktive Beteiligung zugerechnet werden musste.

Der Mann wurde vom Schöffengericht unter Leitung von Richter Dominik Best wegen Untreue und gewerbsmäßigen Betruges in 56 Fällen zu einer Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden soll.

Außerdem erhielt er die Auflage, 2.000 Euro an den Deutschen Kinderschutzbund zu zahlen. Diese Summe entspricht in etwa dem, was der Angeklagte nach seinen Angaben von den Mittätern erhalten hatte. Der Staatsanwalt hatte zwei Monate mehr und eine um 400 Euro höhere Geldstrafe gefordert.

Er könne nicht sagen, ob er an allen 91 ihm zur Last gelegten Taten wirklich beteiligt gewesen sei, sagte der Angeklagte, bei einigen Fällen könne er es sich gar nicht vorstellen, „aber“, sagte er, „ich will nichts beschönigen, es war mein Fehler“. Er übernehme mit seinem Geständnis auch die Verantwortung dafür.

Händler steht auf der Waage

Der für die Annahme der Lkw-Ladungen der Schrotthändler zuständige Angeklagte hatte die Aufgabe, die angelieferten Metalle und Wertstoffe nach ihren Bestandteilen wie Kupfer- oder Eisenanteilen zu klassifizieren, abzuwiegen und den Einlieferungsbeleg zu unterzeichnen. Mit diesem Zettel erhielten die Schrottler an der Kasse des Unternehmens ihre Vergütung ausgezahlt.

Monatelang, möglicherweise aber auch schon viel länger, bezahlte das Unternehmen deutlich mehr für die angelieferten Metalle und Wertstoffe, als diese wert waren.

Aufgefallen war das der Firmenleitung offenbar zunächst nicht. Erst ein anonymer Hinweis in einem sozialen Netzwerk im Internet brachte den Stein ins Rollen. Die damaligen Firmeninhaber und die Ermittler sichteten die Filmaufnahmen, die es von jeder Anlieferung an der Wiegestelle gab. Und stellten vielfach eine dreiste „Veredelung“ der angelieferten Ware fest.

Da wurden aus alten Autobatterien Messing, aus Computerschrott hochwertige Kupferkabel und aus Bremsscheiben VA-Stahl. Selbst das ermittelte Gewicht der Lieferungen wurde bisweilen manipuliert. Mal stellte sich der zwei Zentner schwere Schrotthändler mit auf die Waage, dann wieder wurden der Anklage nach schon abgerechnete Kisten von anderen Lieferanten nochmal auf die Waage gestellt und neu deklariert. Somit wurde teilweise sogar ohne „Gegenleistung“ Geld ausgezahlt. Die Tara-Funktion der Waage wurde laut Staatsanwaltschaft ebenfalls in einigen Fällen manipuliert.

Für die Lieferanten war das ein gutes Geschäft, für das sie dem Angeklagten nach dessen Angaben dann zwischen 20 und 50 Euro zusteckten. Ihr eigener Gewinn lag - je nach Dreistigkeit zwischen dem Doppelten und dem 60-fachen Wert der eigentlichen Lieferung. Statt 77 Euro kassierte ein Lieferant dann schon mal mehr als 1100 Euro - der Gesamtschaden summierte sich in diesen drei Monaten laut Willanzheimer auf etwa 24.000 Euro.

Auch wenn der Angeklagte seine Beteiligung umfassend einräumte, wies er jedoch von sich, die Idee für den illegalen Nebenerwerb gehabt zu haben. Er habe während seiner dreieinhalbjährigen Zeit bei dem Unternehmen schon früh davon gehört, dass es solche Betrügereien mit Wiegemeistern gegeben habe. Er habe sich auch dem damaligen Chef anvertraut, der dem nachgehen wollte.

Als er selbst die Position an der Waage übernommen habe, habe er sich anfangs gegen solche Absprachen gewehrt, sei dann aber nach und nach mit hineingezogen worden, rechtfertigte sich der 30-Jährige. „Am Anfang lief das so auf Kumpelebene“, dass man doch mal „ein Auge zudrücken“ könne. Als sich das bei den Händlern rumgesprochen hatte, sei er nicht mehr aus der Sache herausgekommen. Einige hätten ihn unter Druck gesetzt, seien ihm bis nach Hause gefolgt. Am Anfang sei das noch ein willkommenes Taschengeld neben dem Gehalt gewesen, am Ende habe er von bestimmten Händlern gar kein Geld mehr angenommen: „Ich wollte nur noch meine Ruhe haben.“

Schließlich habe er sich dem Ganzen nur entziehen können, indem er nicht mehr bei seinem Arbeitsplatz auftauchte und schließlich die Kündigung erhielt.

Widersprüche bleiben

In den bereits abgeschlossenen Prozessen gegen die beteiligten acht Schrotthändler hatte das ganz anders geklungen. Zwar war die Beweislast so klar, dass sie den Betrug nicht leugnen konnten, doch die Aussagen reichten von „ist mir auf den Abrechnungen gar nicht aufgefallen“ bis zur Behauptung, der damalige Wiegemeister habe sie für die „todsichere Sache“ angeworben. Die Hauptschuld schoben sie stets dem jetzt Angeklagten zu. Bezahlt haben wollten sie ihn aber auch nicht für seine Tatbeteiligung. Nur einer der angeklagten Schrott-Lieferanten hatte zugegeben je nach Fall 30 bis 50 Prozent des „Gewinns“ an den Komplizen an der Waage abgegeben zu haben.

Ein weiterer zwischenzeitlich als Wiegemeister eingesetzter Mann war mit der Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldzahlung davongekommen. Ihm war nur ein Fall zur Last gelegt worden, er hatte sich damit verteidigt, das er von dem beteiligten Schrotthändler bedroht worden sei und deshalb gegen seinen Willen mitgemacht habe. Der jetzt angeklagte Ex-Kollege schilderte die Rolle dieses Mitarbeiters allerdings grundlegend anders. Erst nach der Entlassung dieses Wiegemeisters habe er ja dessen Job übernommen und sei nach und nach in ein „fertiges Betrugssystem“ eingestiegen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Michael Agricola

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