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Der kurze Traum von einer Stradivari

Spannender Fund im Dorfmuseum Der kurze Traum von einer Stradivari

Gut ein Jahr ist es her, dass im Dorfmuseum in Oberrosphe ein Feuer ­wütete und zwei Drittel aller Ausstellungsstücke ein Raub der Flammen wurden.

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Die Geige ist leider keine echte Stradivari, sondern trotz ihrer Inschrift im Klangkörper eine Kopie.Die Geige ist leider keine echte Stradivari, sondern trotz ihrer Inschrift im Klangkörper eine Kopie.

Quelle: Carsten Beckmann

Oberrosphe. Seit dem verheerenden Brand, der das komplette Erdgeschoss zerstört und Teile der ersten Etage in Mitleidenschaft gezogen hatte, haben die Mitglieder des Heimat- und Verschönerungsvereins um Hans Bertram in unzähligen Arbeitsstunden gerettet, was zu retten war.

Ein wenig hängt beim Gang durch die Räume noch immer der Geruch von Ruß in der Luft, doch dieser Geruch mischt sich mit Andeutungen von frischem Putz und Farbe. Kupferrohre für Heizungen und Wasser sowie Kabelschächte sind verlegt, das ambitionierte Ziel lautet: Ostern machen wir wieder auf. „Dann werden die Räume zwar noch nicht eingerichtet sein, aber wir wollen so schnell wie möglich wieder Besucher haben“, sagt Bertram.

Ein ramponierter Geigenkasten

Es wird noch Tage dauern, bis die Vereinsmitglieder sich einen kompletten Überblick darüber verschafft haben, welche Exponate noch gut genug erhalten sind und was vom Feuer zu stark angegriffen wurde. Benno Splieth war einer der vielen Freiwilligen, die sich in mühevoller Arbeit durch die Berge von Ausstellungsstücken arbeiteten, um sie vom Ruß zu reinigen. Dabei stieß der Arzt im Ruhestand vor etwa drei Wochen auf einen Geigenkasten, der schon vor dem Brand ziemlich ramponiert gewesen sein musste. „Es hat erst mal ziemlich lange gedauert,bis ich den überhaupt öffnen konnte“, erinnert sich Splieth und erzählt, wie um ihn herum gewitzelt wurde: „Wenn das mal keine Stradivari ist.“

Zumindest war das Instrument in einem außerordentlich schlechten Zustand: Der Steg lag irgendwo im Kasten, der Saitenhalter war nicht mehr in seiner gewohnten Position, Zarge und Boden wiesen Risse und Brüche auf – bei Autos würde man „wirtschaftlicher Totalschaden“ sagen – zumindest beim einem VW. Wäre es ein, sagen wir: Jaguar oder Ferrari, könnte sich auch eine aufwändige Restaurierung lohnen. So etwas wie der Ferrari im Geigenbau, das waren die Instrumente, die Antonio Stradivari im 17. und 18.Jahrhundert im italienischen Cremona baute.

Alter Trick von Geigenbauern

Bis heute lassen sich selbst schadhafte Stradivaris für sechsstellige Summen verkaufen, und die nach wie vor spielbaren Exemplare der insgesamt rund 650 Geigen, Bratschen und Violoncelli aus der Werkstatt Stradivaris befinden sich in den Händen von Virtuosen, Sammlern und Museen.

Der gute Ruf dieser Geigen brachte es mit sich, dass schon damals Geigenbauer auf den Trick verfielen, in ihre Instrumente Zettel zu kleben, die suggerieren sollten, dass es sich bei ihren Budget-Fiedeln um echte Stradivaris handelte. Als Benno Splieth neugierig durch die F-Löcher seines Museumsfundes schaute, blieb ihm erst einmal die Luft weg: „Antonius Stradivarius Cremonensis Faciebat Anno 1713“ lautete die Inschrift im Klangkörper des Geigenwracks, das er in den Händen hielt. Mit einem Schlag hätte der gebeutelte Heimat- und Verschönerungsverein Oberrosphe all seine mit dem Wiederaufbau des Museums verbundenen ­Finanzsorgen zu den Akten legen können – das wäre zu schön, um wahr zu sein!

Ein Instrument mit bewegter Vergangenheit

Schnell kamen auch Splieth Zweifel am wahren Wert des Instruments, und der in Holzhausen ansässige Geigenbauer Urs Mächler räumte letzte Zweifel aus: Sorry, keine echte Stradivari, meilenweit davon entfernt. Es handelt sich also um eines von vielen „Fake“-Instrumenten, die im 19. Jahrhundert in Manufakturen hergestellt und mit dem großen Namen geschmückt wurden. „Man könnte sie für ein paar hundert Euro wieder spielbar machen“, glaubt Splieth ( links im Foto, mit Hans Bertram / Foto: Carsten Beckmann).

Doch selbst dann würde es sich allenfalls um eine mittelmäßige Geige handeln, und nicht um ein prestigeträchtiges Instrument, das sich möglicherweise gewinnträchtig verkaufen ließe. Welche Vergangenheit die Oberrospher Fast-Stradivari hinter sich hat, weiß niemand so recht, doch eines ist sicher: Irgendjemand muss sie intensiv und lange in Gebrauch gehabt haben. Das zeigen die Gebrauchsspuren am Hals ganz deutlich. Auch der Bogen, der noch immer im Kastendeckel steckt, wurde viel gespielt, das Rosshaar unzählige Male durch das Kolophoniumstück gezogen, das in einer Pappschachtel in der Kiste liegt. Eine Geige also mit einer sicherlich bewegten Vergangenheit, die allerdings nicht zurückreicht bis in die Werkstatt von Antonio Stradivari aus Cremona.

von Carsten Beckmann

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