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Das Warten auf neue Erkenntnisse

Goßfelden Das Warten auf neue Erkenntnisse

Die nächsten Wochen dürften für den Fortbestand der Marburger Rohstoffverwertung (MRV) und die Ausrichtung des umstrittenen Schrottverwerters entscheidend sein.

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Das Gelände der Marburger Rohstoffverwertung mit dem Schreddergebäude im Hintergrund.

Quelle: Thomas Breme

Goßfelden. Sehr viel hängt von den Schlussfolgerungen ab, die das Regierungspräsidium (RP) Gießen als Aufsichtsbehörde aus den gesammelten Daten und Gutachten seit dem Großbrand im vergangenen Juli zieht. Im April fiel ein Termin für ein „Statusgespräch“ der Fachleute des Regierungspräsidiums (RP) Gießen mit den derzeit auf dem Gelände im Goßfeldener Industriegebiet Verantwortlichen der MRV kurzfristig aus, weil noch nicht alle Ergebnisse vorlagen. Das soll nun bis Mitte Juni nachgeholt werden.

Von der angestrebten Neufassung der Betriebsgenehmigung (und den Auflagen für den Betrieb) durch die Behörde macht die Scholz AG aus dem baden-württembergischen Essingen auch die endgültige Übernahme des Standorts abhängig. Seit vergangenem Juli wird das Unternehmen von einer Interims-Geschäftsführung gesteuert, die die MRV in einen „übernahmefähigen“ Zustand bringen soll.

„Alle in Frage kommenden Quellen von Emissionen wurden vom RP gemeinsam mit dem vom Betreiber beauftragten Gutachter auf dem Betriebsgelände aufgenommen“, so die Behördensprecherin Gabriele Fischer. Auf dieser Grundlage wurde eine „Immissionsprognose“ erstellt, die dem RP seit dieser Woche vorliegt. Nach Auswertung des Inhalts werde von der Behörde entschieden, „was vom Betreiber verlangt werden kann oder muss“.

Dies hätte man gern früher gehabt. Es habe sich jedoch gezeigt, „dass eine im Interesse der Anwohner wirklich zuverlässige Würdigung der vom laufenden Betrieb der Firma ausgehenden Belastungen nur durch sehr gründliche und wissenschaftlich abgesicherte Untersuchungen erreichbar ist“, erklärt RP-Sprecherin Fischer.

Bürgerinitiative erwägt Dienstaufsichtsbeschwerde

Aus Sicht der örtlichen Bürgerinitiative (BI) Windrose ist das eine reichlich späte Erkenntnis, habe man doch in Gießen immer wieder auf die Versäumnisse der damaligen Betreiber hingewiesen - ohne dass sich Entscheidendes verändert hätte, wie Günter Knarr und Helmut Rakow von der BI feststellen.

Dass sie mit ihrer Kritik recht gehabt hätten, zeigte sich nach dem Großbrand an den auf dem Gelände gelagerten Abfall-Mengen an Schredderleichtfraktion (SLF). Die neue Geschäftsführung ließ die vorwiegend nichtmetallischen Abfallstoffe aus dem Schredderbetrieb abtransportieren und gab diese Menge mit etwa 10.000 Tonnen an. Die Genehmigung des RP umfasste maximal 1.000 Tonnen. Warum dieses Missverhältnis bei Kontrollen des RP nicht auffiel oder verfolgt wurde, konnte die Behörde nach Ansicht der BI nicht zufriedenstellend erklären.

Gleiches gilt für die Zwischenfälle im Schredderbetrieb, die die Bürgerinitiative seit vielen Jahren mit Fotos und Filmmaterial dokumentiert. Daran habe sich bis heute nicht so viel geändert, so Rakow und Knarr. Und das, obwohl man immer wieder beim RP vorstellig geworden sei. Das Amt habe „spätestens seit dem Frühjahr 2.000 geduldet, dass der Schredder unter den Bedingungen einer kontinuierlichen Betriebsstörung betrieben wurde“, so Rakow. Deshalb werde der Anwalt der BI in Kürze eine Dienstaufsichtsbeschwerde wegen jahrelanger Untätigkeit gegen das Staatliche Umweltamt des Regierungspräsidiums einreichen.

Dass man bei der MRV in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen ist, stellt der Bevollmächtigte des Unternehmens in Umweltfragen, Rechtsanwalt Professor Reinhard Müller, fest. Ein Brandschutz- und Lagerkonzept sei wie verabredet eingereicht worden, umfangreiche Gutachten zu den Emissionen der Anlage wurden beauftragt und lägen nun zur Entscheidung vor. Die SLF-Halden würden wöchentlich abgefahren, sodass die 1.000-Tonnen-Lager-Genehmigung gar nicht ausgeschöpft werde.

Zusammen mit einem Fachmann für Schredderanlagen aus der Scholz-Gruppe habe man auch das Problem der Emmissionen aus dem Schreddergebäude analysiert. Es kämen dafür hauptsächlich drei Gründe in Frage. Zum einen seien sie im noch von der alten Geschäftsführung angekauften Metall und Schrott zu suchen. Das Material sei „qualitativ schlecht“ (mit hohem Anteil Fremdstoffe) gewesen, so Professor Müller. Bis in den Dezember hinein sei dieses Material im Schredder noch verarbeitet worden. Danach habe man entschieden, dieses minderwertige Ausgangmaterial abzutransportieren und an anderen Standorten zu verwerten. Das habe bereits zu einer Verbesserung und einer Verringerung der Verpuffungen geführt.

Darüber hinaus würden die internen Abläufe optimiert. In den nächsten Tagen werde am Schredderdach eine Kamera installiert, die direkt in die Kabine des Schredderführer überträgt. Dieser sei angewiesen, „beim kleinsten Vorkommnis“ die Leistung des Schredders sofort zurückzufahren. Die Staubemissionen werde man zudem reduzieren, indem an der Abwurfeinrichtung der Schredderleichtfraktion (SLF), also der überwiegend nichtmetallischen Reststoffe aus dem Schredder, eine Berieselung angebracht werde, die Stäube binden soll.

Die Schredderanlage sei überholt worden, die Hämmer und viele weitere Teile seien getauscht worden. Was den Schredderbetrieb angeht, sieht Müller daher die Möglichkeiten jetzt als weitgehend ausgereizt.

Insgesamt habe die derzeitige Geschäftsführung einen siebenstelligen Betrag aufgewendet, um für „Fehler“ der früheren Betreiber aufzukommen. Dazu gehört nach Müllers Angaben allein eine Million Euro für die Entsorgung der SLF-Halden.

Nach Angaben der BI habe Scholz-AG-Vertreter Holger Hänisch gegenüber Knarr berichtet, dass vergangene Woche firmeninterne Versuche, Emissionen im Dachbereich zu beseitigen, nicht erfolgreich gewesen seien. Nun habe man die Absicht, eine externe Firma mit weiteren Untersuchungen zu beauftragen.

BI Windrose: „ein Zustand ständiger Betriebsstörung“

Verpuffungen wie es sie zuletzt am 8. Februar gegeben hatte, könnten im Betrieb nie ganz ausgeschlossen werden. Dazu reiche manchmal schon ein nicht ganz entleerter Behälter oder eine Spraydose zwischen den Schreddermaterialien aus. Durch den Ankauf und die Verarbeitung von hochwertigem Schreddermaterial seien die häufigen Zwischenfälle der Vergangenheit stark zurückgegangen, so Müllers Eindruck.

Die Bürgerinitiative sieht das kritischer. Ihre Beobachtungen zeigten den Zustand „einer ständigen Betriebsstörung“. Das Entweichen von diffusen Dämpfen mit unklarem Schadstoffgehalt sei nach wie vor täglich zu beobachten. Besonders kritisch sieht die BI Windrose das Entweichen über das Schredderdach und im Gebäude vorhandener Schadstellen.

Der Dachbelag ist so konstruiert, dass die schweren Matten im Fall einer Explosion nach oben nachgeben und den Druck aus dem Gebäude entweichen lassen können. Allerdings ist auch im Normalbetrieb immer wieder zu beobachten, dass von dort Rauch aus dem Dach entweicht. Dieser ist im Gegensatz zu den über den großen Schornstein abgegebenen Emissionen dann nicht gefiltert, bestätigt auch Professor Müller.

Für Helmut Rakow von der Bürgerinitiative ist der Grund dafür klar: Durch Schäden in der Außenhaut des Gebäudes sei im Inneren der Unterdruck nicht ausreichend, damit die Stäube ausschließlich über die Absauganlage und die Filterung abtransportiert werden können.

Völlig offen ist nach wie vor die Ursache für die Belastung von landwirtschaftlichen Grundstücken in der näheren Umgebung des Schredderbetriebs. Ein Zusammenhang mit dem Großbrand vom 1. Juli vergangenen Jahres wurde vom RP schon nach den Untersuchungen im vergangenen Jahr ausgeschlossen. Aufschluss über mögliche andere Quellen dieser Belastung sollen die nun vorliegenden Untersuchungen geben.

Auch wenn der derzeitige Erkenntnisstand über die Schadstoffproblematik noch wenig zufriedenstellend ist: Professor Müller betont, dass es dem Unternehmen um ein gutes Miteinander mit den Nachbarn gehe. Er versprach gegenüber der OP, dass die MRV die Ergebnisse aus den Gutachten auch der BI Windrose zur Verfügung stellen werde.

HINTERGRUND: Was die Aufsichtsbehörde untersucht hat und überwacht

Untersuchungen nach dem Großbrand

Grundwasser: Das Grundwasser im Beobachtungsbrunnen am Rand des Betriebsgeländes wurde zuletzt am 19. Oktober 2011 beprobt. Es wurden „keine sanierungsbedürftigen Schadstoffbelastungen“ festgestellt. Ergebnisse einer Nachbeprobung in diesem Jahr werden bis etwa Ende Mai erwartet.

Grünlandaufwuchs: Eine Beprobung der Grünlandflächen ist für die nächste Heuernte geplant, voraussichtlich noch im Mai. Untersuchung durch das RP-Dezernat für Qualitätssicherung für Futtermittel und tierische Erzeugnisse. Die Ergebnisse sollen bis Anfang Juni vorliegen. Ob die Landwirte den Grasschnitt verwerten dürfen, ist bislang nicht geklärt.

Betriebsgelände: Auf dem Betriebsgelände sind laut RP keine Bodenuntersuchungen erforderlich, weil dieses komplett befestigt ist und keine Anhaltspunkte über dort vorhandene schädliche (sanierungsbedürftige) Bodenveränderungen vorliegen.

Emissionen: Planmäßig hat in diesem Jahr eine Emissionsmessung am Schornstein des Schredders stattgefunden. Die laut aktuellem Genehmigungsbescheid zu untersuchenden Parameter (Staub, Nickel und Blei, Chrom und Kupfer sowie die Summe aus Toluol, Xylol und Ethylbenzol) wurden laut RP eingehalten. Allerdings war die Messung angekündigt.

Warum nicht unangemeldet? Die Behörde kann nach eigenen Angaben „nicht mit eigener Ausstattung solche Messungen durchführen“. Sie müsste für unangemeldete Messungen „allenfalls eine private Gutachterfirma beauftragen, die in Begleitung eines Behördenvertreters tätig werden müsste“, erklärt RP-Sprecherin Gabriele Fischer. Dies sei „weder übliche Praxis, noch entspräche es realistischen Rahmenbedingungen von Messungen, da diese für gewöhnlich nur bei Voranmeldung vorliegen, weil zum Beispiel der Betrieb unter Volllast gefahren werden muss, um aussagekräftige Ergebnisse zu bekommen“.

Gemessen werde am Schornstein, das heißt „an der gefassten Emissionsquelle“. Bei den aus dem Dach entweichenden beobachteten Qualmerscheinungen handele es sich um „diffuse Emissionen“. Diese „können sich in ihrer Zusammensetzung von dem an der gefassten Quelle gemessenen Schadstoffaustrag nicht unterscheiden“, so die Auskunft des RP weiter.

Überwachung des Unternehmens: Im Rahmen der laufenden Erkundungen findet laut RP-Aussagen „eine regelmäßige, in kurzen Abständen stattfindende Beobachtung des Standorts und des mit dem laufenden Betrieb beauftragten Unternehmens statt“. Gelegentlich stattfindende Verpuffungen seien dem RP bekannt, da sie vom Betreiber „pflichtgemäß gemeldet werden“.

von Michael Agricola

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