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Das Fliegen fühlen – ohne zu sehen

Besuchertag auf dem Flugplatz Das Fliegen fühlen – ohne zu sehen

Dass die Begeisterung fürs Fliegen nicht sämtliche Sinne erfordert und auch ohne Ausblick ein voller Genuss sein kann – das erlebten vergangene Woche zwei Dutzend sehbehinderte Flugfans.

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Einen spaßigen, interessanten Flugtag erlebten die Mitglieder des DVBS und des KVFL in der Luft wie am Boden.

Quelle: Ina Tannert

Schönstadt. Laut brummen die Motoren, das ganze Cockpit, der ganze Körper vibriert. Mit einem Ruck setzt sich der schnittige Flieger in Bewegung, rollt rumpelnd über die lange Landebahn. Immer schneller geht es vorwärts, G-Kräfte drücken die Passagiere in die Sitze, dann hebt das Flugzeug spürbar ab. Ein Gefühl der Schwere macht sich im Magen breit, doch nur kurz, es folgt ein Höhenflug. „Wir drehen ab nach Marburg“, schallt es kratzend aus dem eng sitzenden Headset. Spürbar folgt eine leichte Kurve, leichter Schwindel, der Körper passt sich an.

Auf und ab, links und rechts – jede Bewegung des Steuerknüppels wird registriert. „Unter uns liegt das Marburger Schloss, die Sonne scheint“, erklärt der Pilot und malt den Passagieren ein Bild mit Worten. Denn wie weit der Blick trotz diesigem Wetter hoch am Himmel schweifen kann, wie sich Wälder, Felder und Ortschaften zu einem bunten Mosaik der Region aneinander reihen – das können die Passagiere nicht sehen.

Passagiere ertasteten Cockpit und Querruder

Eine große Resonanz erzielte der Besuchertag auf dem Flugplatz bei Schönstadt, der vom Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf, Bezirk Hessen (DVBS) organisiert wurde. Die Koordination vor Ort übernahm der Kurhessische Verein für Luftfahrt (KVFL), dessen Mitglieder mit hilfreicher Hand zwei Dutzend Gäste durch ihr Reich führten. Mit Blindenstock oder Blindenhund wanderten die Besucher über das Gelände, besuchten die Flugplatzhalle und den Tower, informierten sich über den Ablauf von Start- und Landefreigabe des Flugleiters, der ständig vor Ort das Geschehen im Luftraum koordiniert.

Großes Interesse erregten die verschiedenen Fluggeräte des Flugvereins. Ob Segel-, Motor- oder Ultraleichtflieger – vor jedem Start lernten die Passagiere die Maschinen genau kennen, tasteten Cockpit, Seiten- und Querruder oder Höhenleitwerk prüfend ab und machten sich ihr eigenes Bild von der Materie.

Sichtlich begeistert kehrten die Teilnehmer zurück von ihren Ausflügen. „Es war sehr angenehm und aufregend, vor allem, wenn sich der Flieger in die Kurven legt“, erzählte Mirvat Kortam. „Das war so großartig, mit meinem inneren Auge habe ich mein Haus gesehen“, berichtete Heike Rosenfeldt nach ihrem ersten Flug, zu dem es fast nicht gekommen wäre: sie hat schon häufig ein Flugzeug bestiegen, leidet jedoch an Flugangst, die sie erst einmal überwinden musste. „Ich bin froh, dass ich es gewagt habe, es war quasi ein therapeutischer Flug“, erzählt sie mit breitem Grinsen.

„Sie spüren jede kleine Bewegung viel schneller“

Die Angst nahmen ihr die erfahrenen Piloten, die an diesem Tag deutlich kommunikativere Gäste als sonst im Flieger betreuen konnten. Landschaften, Sehenswürdigkeiten, Positionen – alles was die Passagiere nicht sehen konnten, beschrieben sie mit Worten. „Wir reden viel mehr und versuchen eine Vorstellung von dem zu geben, was da vor uns liegt“, berichtete Ausbildungsleiter Reinhard Kemper. Auf der anderen Seite befragten die Piloten ihre Passagiere, ließen sich deren eigene Wahrnehmung vom Fliegen beschreiben. „Blinde Menschen sind dabei hochsensibel, sie spüren jede kleine Bewegung viel schneller“, erfuhr der Pilot.

Zum zweiten Mal veranstaltete der Verein einen Flugtag für sehbehinderte Passagiere. „Das ist auch eine Art uns zu öffnen. Fliegen fasziniert die Leute einfach und ist eine unglaubliche Herausforderung für alle Sinne“, sagte Christian Schombert, Schatzmeister des KVFL.

Dem konnte Organisatorin Annette Bach vom DVBS nur zustimmen. Der Verein organisiert regelmäßig Freizeitaktionen, die speziell an die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen angepasst sind. Neben dem Spaß steht der gemeinsame Austausch im Mittelpunkt. „Das macht einfach große Freude und es ist wichtig, dass wir in der Gesellschaft auftauchen. Blinde haben keine anderen Interessen oder Lebensziele als Sehende“, machte Bach deutlich.

von Ina Tannert

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