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Nordkreis Das Ende einer Treisbacher Institution
Landkreis Nordkreis Das Ende einer Treisbacher Institution
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00:15 06.01.2014
Der letzte Tag in Hans Dehnerts altem Laden Quelle: Tobias Hirsch
Treisbach

Es ist ein Gemischtwarenladen in der Reinform - von Lebensmitteln bis hin zu Haushaltswaren reicht das Sortiment, von Schreibwaren über Bücher, Musikkassetten und CDs bis hin zu Eisenwaren.

Die Geschichte des Ladens beginnt 1935. Und an ihrem vorletzten Tag, am Freitag, dem 3. Januar 2014, betritt ein Kunde das Geschäft und fragt Hans Dehnert nach Sägeblättern für eine Laubsäge. Der Händler kramt kurz aus einer Schublade einen Karton hervor und hält Sägeblätter in seinen Händen. Es gibt dort auch Ersatzhalterungen, mit denen man das Senseblatt am Stiel der Sense befestigt. Was der Landwirt einst so benötigte für seine tägliche Arbeit. Hosenträger in lang und kurz sind vorrätig. Kerzen für den Kindergeburtstagskuchen, geschätzt aus den 80er Jahren. Satinband für die Träger des Büstenhalters, wie es zuletzt wohl vor 50 Jahren hergestellt wurde. Reißverschlüsse, Wolle, eine alte lederne Dokumentenmappe.

Die Liste lässt sich noch lang fortsetzen. Menschen, die gern auf Flohmärkten nach alten Dingen kramen, sind hier goldrichtig. Die Herzen von vintage- und retro-verliebten Kunden schlagen höher. Die Tischdecken, die Hans Dehnert seit Jahrzehnten im Laden aufbewahrt, erinnern mit ihrem Pril-Blumen-artigen Muster in Grün und Braun an die 70er Jahre. Die Sockenhalter lassen das Bild eines Bürovorstehers aus den 60ern wieder auferstehen.

„Er hat uns alles besorgt, was er besorgen konnte“

Mittendrin Hans Dehnert, schwungvoll seine Stammkunden bedienend. Heute, am vorletzten Tag, kann man in einer Stunde am Vormittag elf Menschen zählen, die sich mit Lebensmitteln und anderen Dingen eindecken. Die Bettlaken, die eine Kundin kauft, sind gut und gern 30 bis 40 Jahre alt. „Der Laden läuft lange schon nicht mehr richtig gut“, erzählt Dehnert. Trotz Menschen wie Jakob Moog, 86 Jahre, oder Familienmutter Maureen Gröschner. Moog kauft, seit es Dehnerts Laden gibt, alles, was er an Dingen des täglichen Bedarf benötigt, dort ein. „Traurig, dass das jetzt nicht mehr geht“, sagt der 86-Jährige. „Ich werde künftig in den kleinen Laden nach Niederasphe fahren müssen, zum Glück kann ich noch Auto fahren. Aber auf keinen Fall gehe ich in so einen großen Supermarkt, da finde ich mich nicht zurecht“, führt er aus.

Für Maureen Gröschner wird es komplizierter. Die gebürtige Britin ist zugezogen, lebt seit 13 Jahren in Treisbach mit seinen rund 650 Einwohnern und mit Hans Dehnert als einzigem Nahversorger - und sie kommt bislang ohne Auto klar. „Wir haben Hans immer nach Kräften unterstützt, alles, was wir bei ihm kaufen konnten, haben wir auch hier gekauft“, erzählt sie und lobt die Bemühungen des erfahrenen Händlers, der sein ganzes Leben lang in dem Laden gearbeitet hat. „Er hat uns alles besorgt, was er besorgen konnte, zum Beispiel Bio-Sachen.“ Dass das Dorf jetzt ohne Lebensmittelgeschäft auskommen muss, darüber ärgert sich Maureen Gröschner. „Wenn mehr Menschen den Laden unterstützt hätten, dann hätte es weitergehen können“, sagt sie und bedauert, dass Gemischtwaren Dehnert als Treffpunkt, als Mittelpunkt, als Treisbacher Institution verloren geht. „Aber wie schade das ist, das merken die Menschen immer erst, wenn es zu spät ist“, sagt sie und macht sich mit ihrem Tiefkühlfisch fürs Mittagessen auf den Heimweg. Der letzte Einkauf zu Fuß, der letzte Einkauf im eigenen Dorf.

Der Vater saß noch im Alter von 95 Jahren an der Kasse

Hans Dehnerts Laden an der Engelbacher Straße ist riesig. 165 Quadratmeter Ladenfläche - teils noch bestückt mit Schränken aus dem früheren Kaufmannsladen, den einst ein Schreiner aus Laisa für das Geschäft angefertigt hat. Früher gehörte noch ein großes Getränkelager dazu und eine Bäckerei, die frischen Backwaren im Geschäft wurden in den letzten Jahren nur noch im kleinen Laden-Ofen aus Rohlingen fertiggebacken. Dehnerts Vater Adam eröffnete den Laden im Jahr 1935. Während der Kriegswirren in den Jahren 1939 bis 1945 war das Geschäft geschlossen. Adam diente als Soldat, war für die Armee in Frankreich als Bäcker in einer Versorgungseinheit im Einsatz. „Er hatte Glück und kehrte zu uns zurück“, erzählt Hans Dehnert, der später als Angestellter im Laden des Vaters arbeitete und das Geschäft erst 2003 übernahm. „Mein Vater saß hier noch an der Kasse, als er schon 95 Jahre alt war“, sagt er und denkt zurück an diese Zeit.

Der 75-Jährige hat länger durchgehalten als alle anderen im Dorf. Früher hatte Treisbach drei Läden und drei Gastwirtschaften, ab dem heutigen Samstag gibt es nichts mehr von all dem. „Wenn ich meine Rente aus meiner Angestellten-Zeit nicht gehabt hätte, dann wäre das nicht so lange möglich gewesen, den Laden offen zu halten“, sagt Dehnert und tippt routiniert die Beträge in die Kasse ein. Kirschen zum Dessert, Bratheringe fürs Mittagessen. Jakob Moog ist fertig mit seinem Einkauf. Sieglinde Lichtenfels betritt jetzt mit Enkeltochter Janina (3 Jahre) den Laden. „Ich bin oft und gern zum Einkaufen hierher gegangen“, sagt die 86-jährige und fügt traurig an: „Irgendwie habe ich gehofft, dass es weitergeht mit dem Laden.“

Hans Dehnert seufzt. Den Laden aufzugeben, „das ist wie eine kleine Beerdigung.“ Den letzten Monat hat er mit Unterstützung von seiner Tochter Claudia Klab selbst gestemmt. Seine vollzeitbeschäftigte Verkäuferin fand schon im November eine neue Arbeitsstelle und Dehnert ließ sie vorzeitig ziehen. Er selbst freut sich jetzt darauf, das Rentenalter „auch mal ein bisschen zu genießen“. Der 75-Jährige will öfter als bisher nach Wetter ins Fitnessstudio gehen, wandern, reisen und mit dem Fahrrad fahren.

An diesem Samstag, dem letzten Tag von Dehnerts Gemischtwarenladen, ist das Geschäft bis 16 Uhr geöffnet - und gefeiert wird außerdem. Die Wanderfreunde Treisbach wollen an Hans Dehnerts Laden für einen „würdigen Abschluss“ sorgen. Ab 13 Uhr gibt‘s vorm Geschäft unter anderem Bratwurst und Glühwein. Drinnen im Laden gibt es all das, was Dehnerts Gemischtwarensortiment zu dem macht, was es 62 Jahre lang war. So lange der Vorrat reicht.

von Carina Becker