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Nordkreis Das Camperleben: Freiheit, Hunde, Abenteuer
Landkreis Nordkreis Das Camperleben: Freiheit, Hunde, Abenteuer
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00:17 25.07.2018
Leben im Rundbau: Maike Großmann ist mit ihrem Hund Ivy in einer selbstgebauten Jurte auf dem Campingplatz in Kernbach zu Hause. Quelle: Carina Becker-Werner
Lahntal

Auf dem Campingplatz in Kernbach ticken die Uhren etwas anders als auf vielen anderen Campingplätzen. Zwar gibt‘s auch touristische Gäste – Camper, die vorbeikommen, einige Tage bleiben und weiterziehen. Doch ist es vor allem ein Platz, auf dem Menschen ein Zuhause finden.

Zu ihnen gehören Alexandra (43) und Laura (12) Matern. „Ich will hier nie wieder weg“, sagt die Mutter – und die Tochter nickt begeistert. Eigentlich sollte es eine Übergangslösung sein, als die beiden im Februar ihren Campingwagen an der Lahn bezogen. „Wir waren auf Wohnungssuche – aber mit unseren ganzen Tieren war es aussichtslos. Und die Tiere abzugeben, das kommt für uns nicht in Frage“, erklärt die 43-Jährige, in deren Wohnwagen ein Papagei, fünf Hunde und vier Katzen zu Hause sind. „Für uns ist es das Paradies, wir haben uns noch nie so wohlgefühlt“, sagt Alexandra Matern und strahlt. Die Gemeinschaft auf dem Platz, das naturnahe Leben – das sei für Kinder ein Abenteuer und für Hunde und Katzen geradezu perfekt.  „Ich fühle keinerlei Verzicht“, sagt die Reinigungskraft, „im Gegenteil, ich fühle mich so richtig zu Hause“.

Freie Sicht auf  den Sternenhimmel

Einen ausgehenden Winter mit Temperaturen von Minus 20 Grad haben Mutter und Tochter mit ihren Tieren im Wohnwagen bereits gut überstanden. „Hier war es mollig warm, wir mussten die Gasheizung nicht einmal voll aufdrehen.“

Inzwischen ist das Domizil der Materns auf zwei Wohnwagen mit Vorzelten und ein kleines, überdachtes Gärtchen angewachsen. „Man glaubt es kaum, aber das sind zusammengerechnet 77 Quadratmeter. Mehr Luxus brauchen wir nicht“, sagt Alexandra Matern lachend, und der sprechende Papagei Herby quittiert dies mit einem laut gekrächzten „Wow!“.

In einer anderen Ecke des Platzes wohnt Maike Großmann. Die 36-Jährige hat dort im vergangenen Jahr gemeinsam mit ihrem Freund, dem Schreiner Markus Pastor, eine Jurte gebaut. „Alles, was man hier sieht, kann man innerhalb eines Tages wieder abbauen und in einem Kombi verstauen.“ Der beeindruckende kleine Rundbau erinnert ein wenig an ein Zirkuszelt (Fotos: Carina Becker-Werner).

Das Grundgerüst ist aus Holz gebaut, die Dämmung besteht aus Baumwolle und Jute. Segeltuch und Lkw-Plane machen das runde Häuschen wasserdicht. „Es ist ein ganz besonderes Gefühl, in einem runden Raum zu wohnen“, sagt die Dozentin, die in Marburg Deutsch als Fremdsprache unterrichtet.

Die Jurte bietet Maike Großmann und ihrem Hund Ivy 25 Quadratmeter Wohnraum. Freund Markus wohnt direkt ­nebenan in seinem leuchtblau angestrichenen Bauwagen. Von ihrem großen Bett aus kann Maike Großmann durch ein rundes Dachfenster den Sternenhimmel sehen. Geheizt wird mit einem alten, gusseisernen Ofen – der dient auch als Herd. „Im Winter ist es schon gewöhnungsbedürftig, wenn man heimkommt von der Arbeit, in der Jurte liegt die Temperatur gerade einmal bei fünf Grad und man muss erst mal ordentlich Feuer machen.“ Wieder in einer Wohnung leben will die 36-Jährige trotzdem nicht. „Ein Häuschen im Wald, das könnte ich mir vorstellen, aber kein Leben in der Stadt.“ Was sie vermisst? „Eine Badewanne, das wäre gerade im Winter richtig fein.“

Der Campingplatz in Kernbach bietet 84 Dauerplätze sowie 120 Zelt- und Durchgangsplätze. Besitzerin Stefanie Erzmoneit lebt in Berlin. Den Campingplatz hat die Sängerin von ihrer Mutter geerbt. Seither pendelt sie zwischen Bundeshauptstadt und Kernbach. „In den nächsten Jahren soll auf der Anlage einiges passieren“, sagt die 47-Jährige über den Platz, der in die Jahre gekommen ist. Geplant sei unter anderem die Sanierung der Sanitäranlagen. „Und ich möchte gern weitere alternative Wohnprojekte fördern, beispielsweise den Bau von Tiny Houses – so könnte der Campingplatz auch Studenten Quartier bieten, die in Marburg keine Wohnung finden.“

Einen tatkräftigen Unterstützer vor Ort hat Stefanie Erzmoneit in Platzwart Klaus-Dieter Walter. Der 61-Jährige lebt selbst auf dem Platz. „Und ich gehe hier auch nicht mehr weg“, sagt der Frührentner. „Mir gefällt es hier – und wo sonst könnte ich mit 680 Euro Rente existieren?“

Für die Siegerländerin Heike Schumann ist der Campingplatz in Kernbach so etwas wie eine Insel. „Mein Zufluchtsort“, sagt die 55-Jährige und zeigt voller Stolz auf ihren Wohnwagen mit der neu errichteten Pergola davor. Sitzbänke und Tisch bieten Platz für die Familie der Medizinprodukt-Beraterin. Auch Ehemann Winfried, die drei erwachsenen Kinder und Hund Kim fühlen sich wohl auf dem Platz. „Aber oft flüchte ich mich allein hierhin, wenn ich mal Ruhe und Zeit für mich brauche“, erklärt die Mutter eines behinderten Sohnes, die eine schwierige Zeit hinter sich hat. So habe sie den Campingplatz in Kernbach auch entdeckt, „als ich vergangenes Jahr mal ein paar Tage ausgestiegen bin aus dem Alltag und hier im Zelt übernachtet habe“.

Seit diesem Frühjahr ist die 55-Jährige fest verbunden mit diesem Kernbacher Fleckchen Erde. „Mein Sohn hat mir den Wohnwagen geschenkt – mit einem Lebensbaum auf der Tür, als Ermutigung“, sagt die Siegerländerin und lächelt glücklich. „Hier sind alle auf dem gleichen Stand, hier versteht man sich und keiner redet über den anderen. Das gefällt mir so gut.“

Von den alternativen Lebensentwürfen zum klassischen Camping. Die Plätze in Kernbach und Brungershausen liegen nur etwa einen Kilometer weit auseinander – und doch trennen Welten diese beiden Anlagen.

Auf dem touristisch ausgerichteten Vier-Sterne-Campingplatz „Auenland“ in Brungershausen mit seinen 110 Stellplätzen versuchen Geschäftsführerin Nicole Ekkerink und Familie, den Spagat zwischen touristischen Gästen und Dauercampern hinzubekommen. „Das ist manchmal gar nicht so leicht“, sagt die 44-Jährige und schmunzelt. 

Dauercamper, die ihren Stellplatz jeweils für ein Jahr mieten, seien vor allem auf Ruhe aus – und darauf, eine Art Kleingarten-Kultur zu pflegen. Indes wollen die touristischen Camper ihren Urlaub genießen, „manchmal auch etwas lauter“. Die Konflikte seien da vorprogrammiert, sagt die Campingplatz-Chefin. Ein cleverer Schachzug der „Auenland“-Crew: Die Dauercamper haben ihre Plätze auf der einen Seite des Mühlbachs, der sich quer durch die Anlage schlängelt, die touristischen Camper auf der anderen Seite.

Immer in Kontakt mit der Natur

In Brungershausen gibt es viele Stammgäste, „Camper, die jedes Jahr zu uns kommen – viele von ihnen bleiben wochenlang“, berichtet Nicole Ekkerink. So macht es auch Dietlinde Bäcker, Camperin aus Paderborn, die seit elf Jahren großer Fan des Brungershäuser „Auenlands“ ist. Derzeit ist die 53-Jährige mit ihrem Mann, ihren beiden Töchtern und drei Hunden zu Gast. „Man ist viel draußen und genießt das einfache Leben“, beschreibt Dietlinde Bäcker den Charme des Camperlebens. Für den Familienurlaub sei die naturnahe Anlage, die mit ihrem alten Baumbestand, vielen Insekten und Vögeln direkt an die Lahn angrenzt, ideal, schwärmt die Paderbornerin.

Und auch Nicole Ekkerink ist glücklich, dass das „Auenland“ nach fast 20 Jahren des Sanierens und Umgestaltens mit einem richtig idyllischen Naturerlebnis und ökologischem Anspruch punkten kann: Das Sanitärhaus hat eine Solaranlage auf den Dach, die Zisterne für die Toiletten wird mit Regenwasser gespeist und der Strom für den Campingplatz kommt direkt aus einer Wasserkraftanlage an der Lahn.

von Carina Becker-Werner