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Mit Stirnlampe in die Drachenhöhle

1200 Jahre Caldern Mit Stirnlampe in die Drachenhöhle

Eine Menge historischer Fakten, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und viel Unterhaltsames: Die Calderner Chronik bietet interessante Dorfgeschichte auf fast 600 Seiten.

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Dr. Gerd Strickhausen (rechts) erzählte die Geschichte des Klosters und der Kirche.

Quelle: Archivfoto

Caldern. In rund 50 Sitzungen und unzähligen weiteren Stunden hat der Arbeitskreis „Chronik“ des Fördervereins Caldern 2017 ganze Arbeit geleistet. Am Freitagabend wurde die Chronik im Dorfgemeinschaftshaus vorgestellt.
Bei seiner Begrüßung blickte Kurt Vogt, Leiter der Arbeitsgruppe „Chronik“, in etwa 100 erwartungsvolle Gesichter. Nachdem der Arbeitskreis im November 2012 erstmals zusammengetreten war, wurde beschlossen, eine Chronik herauszubringen, die ein etwas größeres Format als DINA5 haben sollte. „Wir haben zunächst viel kleiner geplant, weil wir befürchteten, nicht genügend Material zusammenzutragen“, erklärte Vogt. Eine völlig unbegründete Sorge, wie sich bald herausstellte, musste Vogt lachend zugeben: „Herausgekommen ist ein dicker Wälzer von 576 Seiten im DIN-A4-Format. Als der Fahrer die gedruckten Exemplare gebracht hat, hat er ungefähr 1,2 Tonnen Papier abgeliefert.“

Die Chronik enthalte neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Nikolaikirche, Burgberg und Drachenhöhle, aber auch viel Unterhaltsames. „Sie ist ein Vermächtnis für nachfolgende Generationen“, so Vogt.
Er berichtete von der spannenden Recherche: „Mit einer Stirnlampe und an einem Seil gesichert kroch Dr. Gerd Strickhausen in die Drachenhöhle – wir hatten schon Angst, er bliebe stecken!“ Der Kunst- und Bauhistoriker unterstützte den Arbeitskreis fachlich ebenso wie Geograf Prof. Dr. Helmut Nuhn (Philipps-Universität Marburg), Dr. Katharina Schaal (Hessisches Staatsarchiv Marburg), Elmar Altwasser (Philipps-Universität/Mittelalter-Zentrum), Dr. Konrad Wiedemann (Universitätsbibliothek Kassel) und Professor im Ruhestand Claus Dobiat (Philipps-Universität Marburg).

Nikolaikirche mit Untersuchung der Holzbalken datiert

Strickhausen und Nuhn sowie Heinz Loth und Peter Keim vom Arbeitskreis stellten einige Ausschnitte aus der Chronik vor. So gab Strickhausen einen Überblick über die Entwicklung Calderns von der ersten Erwähnung im 9. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert. Dabei ging er vor allem auf die historisch bedeutenden Stellen wie Burgberg, Klosterberg und Rimberg ein. „Wir konnten mit einer Untersuchung der Holzbalken in der Nikolaikirche nachweisen, dass bei deren Bau Holz aus früheren Jahrhunderten verwendet wurde“, so der Historiker. Dabei habe sich herausgestellt, dass Balken aus der Zeit um 1030 in der Kirche verbaut worden sind. Diese stammen von einem älteren Gebäude, „von welchem, das können Sie in der Chronik nachlesen“.

Auch ein „spektakulärer Vorgang“ aus dem 16. Jahrhundert findet sich in der Chronik wieder: Eine Zeitlang ließen die Calderner Frauen damals ihre Brüste unbedeckt. Was genau sie sich dabei gedacht hatten, das wollte Strickhausen allerdings nicht verraten und verwies abermals auf die Chronik.

Jedes Kind in Caldern kennt die „Drachenhöhle“ am Rimberg – Geheimnisse ranken sich um die Höhle, doch wie die Chronik zeigt, handelt es sich bei der „Drachenhöhle“ um einen Eisenerzstollen.

Im 18. Jahrhundert hatte Caldern nur 278 Einwohner

Mithilfe einer radioaktiven Verfallsprobe wurden die Kalkablagerungen im Inneren der Höhle untersucht und dabei festgestellt, dass der Stollen aus dem späten Mittelalter stammt. „Damit konnte zum ersten Mal im weiten Umkreis ein Erzstollen wissenschaftlich datiert werden“, so Strickhausen.

Prof. Dr. Helmut Nuhn erklärte anhand von Flur- und Besiedlungsdaten, wie sich Caldern von 1719 bis heute entwickelt hat. Wie umfangreich und aufwändig die Ermittlung der Besiedlungsdaten war, erfuhren die Besucher beim Vortrag des Geografen. Allein 877 Parzellen erfasste er im Staatsarchiv, um eine neue Karte zur Grundnutzung Calderns für die Chronik zu erstellen. So ist heute nachvollziehbar, wie jedes noch so kleine Fleckchen Land genutzt wurde: Flächengröße, Nutzung als Acker, Wiese oder sogar als Weinberg. Die Einwohnerzahlen entwickelten sich zunächst langsam – von etwa 278 im Jahr 1767 auf rund 401 im Jahr 1830. Im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte wuchs Caldern bis auf heute rund 1 300 Einwohner.

Neben der Geschichte des Ortes werden in der Chronik auch Geschichten von Menschen aus Caldern aufbereitet. Wie Heinz Loth vom Arbeitskreis berichtete, ist von einem Calderner zu lesen, der nach Amerika auswanderte und dort zu großem Reichtum gekommen ist. Auch Kriegsflüchtlinge aus dem Sudeten- und Egerland kommen in der Chronik zur Wort.

Zum Abschluss machte Peter Keim alle Anwesenden noch einmal neugierig auf einige Kapitel des Buches. So war die Calderner Schule in den 1950er-Jahren die erste der Gegend, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einen England-Austausch anbot. Zudem ist Caldern auch in Prominenten-Kreisen ein Begriff, führt eine „heiße Spur“ aus dem Erlengrund doch zu Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot.

von Christina Rausch

Ansturm auf die Chronik
Der Ansturm auf die Chronik war groß: Rund 400 Exemplare wurden bereits im Vorverkauf bestellt. Erhältlich ist die Chronik bei Kurt Vogt, 0 64 20 / 4 19. Weitere Informationen zum Jubiläum gibt es auf der Homepage.
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