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Nordkreis Bürgergespräch mit Haken und Ösen
Landkreis Nordkreis Bürgergespräch mit Haken und Ösen
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18:30 12.12.2013
Lahntals Bürgermeister Manfred Apell (vorn sitzend) und Dr. Peter Fuhge (stehend) von der BI „Rettet den Wollenberg“ sprachen über das Für und Wider des Windenergieparks.Foto: Schubert Quelle: Manfred Schubert
Sterzhausen

Etwa 120 Teilnehmer, auch aus Ortsteilen der Stadt Wetter, drängten in den kleinen Saal. Die Lahntaler Bürgerinitiative „Rettet den Wollenberg“, die den Bau der Windräder verhindern möchte, durfte als erste ihre Argumente ausführlich präsentieren.

Mit einer wichtigen, nur wenige Stunden alten Information, die der Diskussion sicher etwas Zündstoff entzogen und sie wohl langweiliger gemacht hätte, rückte Apell am Ende seiner Ausführungen heraus. Er sei informiert worden, dass ab 2014 ein besonderer Schutz für die auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehende Mopsfledermaus gelte. Diese komme auch am Wollenberg vor, daher werde der Windpark nicht wie geplant im kommenden Jahr gebaut werden können, und es fließe somit auch noch kein Geld der Gemeinde dafür.

Für die Bürgerinitiative (BI) trug Dr. Peter Fuhge anhand einer Powerpoint-Präsentation deren wirtschaftliche und naturschutzrechtliche Bedenken vor. Das isolierte Waldgebiet Wollenberg sei FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat, Schutzgebiet für Natur- und Landschaft) mit bis zu 150 Jahre alten Eichen und Buchen und Naherholungsgebiet für viele Menschen. Dieses sei durch für den Windräderbau nötige breite Zuwegungen gefährdet. Besonderes Konfliktpotenzial bestehe bei dort heimischen Vogel- und Fledermausarten.

Rendite wird angezweifelt

Anhand verschiedener Berechnungen und Grafiken versuchte Fuhge zu verdeutlichen, dass der Bau von Windrädern im Binnenland weder für die Stromversorgung noch die Ökologie sinnvoll sei und kaum zur CO2-Reduzierung beitrage. Es gebe sogar den „schizophrenen Effekt“, dass CO2-Zertifikate durch Windenergie und somit Investitionen in Anlagen mit hohem CO2-Ausstoß billiger geworden seien.

Für die Windräder am Wollenberg bemängelt die BI, dass keine Windmessung in Höhe der geplanten Windräder stattfand und somit keine genau Voraussage für den Wollenberg getroffen werden könne. Die von der BI errechnete Rendite von maximal 1,25 Prozent könne nur bei optimalen Bedingungen erreicht werden. Wenn die Windräder nur 2100 Volllaststunden erreichten, sinke die Rendite auf 0,4 Prozent, aber in ganz Hessen würden nur zwei Windräder mehr als 2000 Volllaststunden liefern. Die BI plane, Einsicht in den nicht öffentlichen Teil der Unterlagen zu bekommen, ein Gutachten über die Aussicht einer Klage erstellen zu lassen und eventuell zu klagen.

Bürgermeister Apell ging nicht auf die behaupteten Fakten in dem Vortrag ein, sondern versuchte zu erklären, was der Beweggrund für seine Entscheidung und wohl auch die der meisten Gemeindevertreter, die er als größte Bürgerinitiative Lahntals bezeichnete, sei.

Vorab verwies er darauf, dass es mehrere Informationsveranstaltungen sowie mehrere angekündigte öffentliche Sitzungen zum Windpark gab und alle Dafür-Entscheidungen einstimmig, bei höchstens vier Enthaltungen, gefallen seien. Die Gemeinde habe auch schon, was kaum einer wisse, mit Einsatz von nicht wenig Geld private Windräder nahe Caldern verhindert.

Natürlich habe man mit den zuständigen Behörden sicherzustellen versucht, dass der Windpark naturschutzrechtlich genehmigungsfähig sei. Wirtschaftlich übernähmen die Banken den größten Teil des Risikos, was auch mit etwas höheren Zinsen zu bezahlen sei. „Ist das Geschäft nicht lukrativ, haben die beteiligten Banken ein großes Problem. Diese haben intensivst geprüft, denn es geht um ihr Geld“, betonte Apell.

Für ihn persönlich habe es aber einen Grund für die Entscheidung für den Windpark gegeben: Verantwortung. Verantwortung für die Lebensbedingungen künftiger Generationen und für die Daseinsvorsorge der Gemeinschaft in Lahntal.

„Nicht zu verhindern“

Den Konsens, von fossilen Energien und Atomkraft unabhängig werden zu wollen, gelte auch hier, da könne man nicht sagen: Das übertrage ich jemand anderem. Es gebe zwar Alternativen, aber wenn man Windstrom nur im Norden erzeuge, wer wolle dann die Stromtrasse vor der Tür haben? Ob Wind, Solar, Biogas, Wasserkraft, Atom oder Kohle: Alles habe Nachteile.

Zudem sei es nicht unwahrscheinlich, dass das Land die Fläche auch einem anderen Investor zur Verfügung stellen würde. „Wenn ich die Dinger schon auf dem Wollenberg sehe, will ich auch wissen, dass ein Teil des Geldes hier bleibt“, unterstrich Apell. Er sei überzeugt, auf lange Sicht lasse sich ein Windpark nicht verhindern. Dann habe man vor Ort möglicherweise nichts davon. Diese Hinweise werteten später einige Zuhörer als „Erpressung“.

Die Gemeinde sei darauf angewiesen, sich Einnahmemöglichkeiten zu erschließen, sonst bleibe nur, Steuern zu erhöhen. Die BI schreibe auf ihrem Flugblatt „Windkraft: Ja, Naturschutz: Ja“. „Ich frage: Wo? Bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen?“

Es schloss sich eine intensive 65-minütige Diskussion mit Fragen und Stellungnahmen vieler Teilnehmer an. Insbesondere an der prognostizierten Wirtschaftlichkeit und den Renditeerwartungen für Lahntal, laut Apell knapp 1,7 Millionen Euro über 16 Jahre, meldeten Redner Zweifel an. Die Forderung wurde erhoben, eine Zwangspause im kommenden Jahr für konkrete Windmessungen zu nutzen.

nWelchen Einfluss das jüngste Schreiben zum Mopsfledermaus-Schutz aus dem Umweltministerium auf das laufende Genehmigungsverfahren hat, blieb zunächst offen. Weder vom Ministerium noch vom RP Gießen war dazu gestern eine Stellungnahme zu erhalten.

von Manfred Schubert

und Michael Agricola

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