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Nordkreis Erst Knabenchor, dann Reeperbahn
Landkreis Nordkreis Erst Knabenchor, dann Reeperbahn
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00:17 09.10.2018
Gekonnter Luftsprung. Musical-Darsteller Benjamin Strmsek im OP-Interview. Quelle: Privatfoto
OP

Herr Strmsek, bis vor Kurzem sah man Sie quasi jeden Abend in „Kinky Boots” auf der Hamburger Reeperbahn, der sündigsten Meile der Welt. Wie sahen ­Ihre Nächte aus?
Benjamin Strmsek: Mit der Show waren wir immer so gegen 22.30,  23 Uhr fertig. Dann hängt man noch ein bisschen mit den Kollegen rum, duscht, geht vielleicht noch auf ein Getränk wohin. Und dann geht’s nach Hause, E-Mails checken, Nachrichten gucken. Und um 2 Uhr geht dann das Licht aus.

OP: Das klingt so gar nicht nach Sex, Drugs and Rock’n’Roll.
Strmsek: Sex und Rock’n’Roll immer gerne. Für Drogen bin ich überhaupt nicht zu haben. Da bin ich sehr langweilig. Das liegt vielleicht an der guten ­katholischen Schule.

OP: Welche Schule meinen Sie?
Strmsek: Ich war nach der Grundschule bei den Limburger Domsingknaben. Ich habe­ schon als Kind sehr viel gesungen. Jedenfalls erzählt das meine Mutter immer. Und meine­ Lehrerin der musikalischen Früherziehung in Wetter fand, dass ich Talent habe und dass die Domsingknaben vielleicht das Richtige für mich wären.

OP: Waren Sie gern in dem Internat?
Strmsek:  Es war schön. Ich war da unter Gleichgesinnten, Jungs in meinem Alter, verrückt nach Musik. Zwischendurch war es natürlich auch mal hart. Gerade am Anfang hatte ich mit Heimweh zu kämpfen. Blöd war auch der Stimmbruch. Da gilt man dann plötzlich als Mutant und ist erst mal nicht mehr im Chor dabei. Im Großen und Ganzen bin ich aber dankbar für die Zeit. Das hat mir später viele ­Türen geöffnet.

OP: Ihre Eltern waren Gastronomen. Wollten Sie da nie einsteigen?
Strmsek: Meine Eltern wollten das nicht. Die sagten immer: „Junge, mach was Richtiges, damit Du nicht so hart arbeiten musst.” Und was macht der ­Junge, er wird Künstler. Ha!

OP: Haben Sie je an einen 08/15-Job mit Feierabend um fünf gedacht?
Strmsek: Nein. Ich hatte einfach schon immer den Drang, auf der Bühne zu stehen.

OP: Wurden Sie noch nie ausgepfiffen?
Strmsek: Gott sei Dank noch nicht. Allenfalls wegen der Rolle. Denn ich habe natürlich auch schon Bösewichte gespielt. Das wird lustigerweise immer mehr, je älter ich werde.

OP: Sie sind 38. Ich dachte immer, mit 35 ist für Musical-Darsteller Schluss?
Strmsek: Das sagt man so. Aber, wenn man nicht immer unbedingt in der ersten Reihe stehen will, sondern auch mal eine kleinere Nebenrolle übernimmt, gibt es immer eine Rolle.

OP: Gibt es bestimmte Charaktere, die Ihnen besonders liegen?
Strmsek: Ich bekomme oft die lustige, dicke Nebenrolle. Ich mag diese kleineren Rollen. Die machen oft eine wunderbare Entwicklung durch im Laufe des Stücks – im Gegensatz zu den Helden. Romeo will seine Julia, kriegt sie, verliert sie, beide sterben, das wars. Die Rolle entwickelt sich nicht.

OP: Der Romeo wäre Ihnen zu langweilig?
Strmsek: Ja, da wäre ich viel lieber der Tybalt. Die Frage ist, ob ein Regisseur den Romeo mit einem Typen wie mir besetzen würde. Der typische Musicaldarsteller ist ja groß, schlank und durchtrainiert. Ich bin zwar auch groß, aber auch korpulent. Ich bin halt ein richtiger Kerl.

OP: Haben Sie noch Lampenfieber?
Strmsek: Ja. Da halte ich es wie Heidi Kabel, die immer gesagt hat: Wenn ich kein Lampenfieber mehr habe, dann gehe ich nicht mehr auf die Bühne. Ich stehe aber auch nicht schweißgebadet neben
der Bühne, drauf und dran meinen Text zu vergessen. Ich kriege vor meinem Auftritt dieses Kribbeln im Körper. Das nehme ich mit auf die Bühne. Und nach zehn Sekunden ist es weg. Dann bin ich in der Rolle.

OP: Was ist der typische deutsche Musical-Besucher?
Strmsek: Es sind schon immer deutlich mehr Frauen im Publikum als Männer. Männer werden eher  mitgeschleppt, haben aber auch ihren Spaß. Es kommen auch immer viele Schwule.

OP: Bei wem kommen Sie gut an, bei den Frauen oder den ­Schwulen?
Strmsek: Bei beiden. Ich habe­ das erst in den letzten Jahren bewusst wahrgenommen, dass ich offenbar ein Sympathieträger bin – und das bei Musical-Besuchern jeden Alters und ­Geschlechts.

OP: Wie sind die Zeiten für Musical-Darsteller?
Strmsek: In den 90er-Jahren haben Musical-Darsteller Unsummen verdient. Diese goldenen Zeiten sind leider vorbei. Aber wenn ich in Deutschland in einer Großproduktion arbeite, brauche ich keinen Nebenjob, um über die Runden zu kommen. Das Gehalt stimmt noch. Den Kollegen am Broadway geht es da anders. Die müssen nebenher noch kellnern.  

OP: Was sind die Schattenseiten Ihres Berufs?
Strmsek: Die Befristungen. Bei „Kinky Boots“ war ich in 250 Shows. Mit Proben hat das ein Jahr gedauert. Dann muss man sich auf neue Rollen bewerben. Dann heißt es Texte lernen, Castings durchlaufen. Und dann steht man wie bei „Deutschland sucht den Superstar” mit fünf Leuten in der letzten Runde, drei kriegen den Job und zwei haben sich die Arbeit umsonst gemacht. Der Job kostet manchmal ein bisschen Nerven.

OP: Wie gehen Sie mit Absagen um?
Strmsek: Ich versuche, sie nicht persönlich zu nehmen. Wenn man jung ist und um jeden Job kämpft, dann kommt schon dieses: „Warum er und nicht ich?” Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass das eine Energieverschwendung ist. Bei einer Audition kommt es auf so vieles an: Bin ich gut drauf, gefällt meine Nase? Ich probiere einfach, mein Bestes zu geben. Und wenn ich einen Job nicht kriege, sage ich mir: Es liegt nicht an mir, es liegt an der Jury.

OP: Im Internet kann man Ihren­ Dienstplan einsehen. Ab Oktober scheinen Sie viel Freizeit zu ­haben. Macht Ihnen das Angst?
Strmsek: Nein. In meinen ersten Jahren habe ich manchmal vier Produktion parallel gespielt. Inzwischen habe ich nach so einer großen Produktion wie „Kinky Boots” auch gerne mal Zeit, mich um Freunde und Familie zu kümmern. Da sage ich auch mal Jobs ab, um mich nicht zu stressen.

OP: Sie haben jetzt erst mal gar nichts vor?
Strmsek: Oh, doch. Es steht nur nicht alles auf meiner Homepage. Eigentlich bin ich bis Sommer 2020 komplett durchgeplant. Dieses Jahr mache ich noch zehn Shows der 70er-Jahre-Revue „Karamba”, nächstes­ Jahr steht die Welturaufführung von „Martin Luther King” an, 2020 geht das Musical auf Deutschlandtour. Und ich werde­
als Gastkünstler auf Aida-Schiffen um die Welt fahren. Ich habe also eine Art Zwei-Jahres-Plan.

OP: Bis zur Rente sind es noch 29. Haben Sie für die Zeit auch schon einen groben Plan?
Strmsek: Von den Leuten, mit denen ich studiert habe, kehren jetzt die ersten der Bühne den Rücken zu. Einige wechseln auf die andere Seite ins Stage-Management. Andere machen was ganz anderes, werden Fitness-Trainer oder Heilpraktiker. Ich will mir deswegen noch keinen Kopf machen. Bisher hat es das Schicksal immer gut mit mir gemeint. Sollte ich irgendwann keine Rollen mehr kriegen, werde ich – keine Ahnung – Direktor auf einem Kreuzfahrtschiff.

  • Mehr über Benjamin Strmsek gibt es im Netz unter benjamin-eberling.de, auf Facebook (Benjamin Eberling) und auf Instagram (jumpingmusicalbear).

von Friederike Heitz