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Nordkreis Auto-Attacke: Waren Waffen im Spiel?
Landkreis Nordkreis Auto-Attacke: Waren Waffen im Spiel?
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00:18 20.11.2018
Symbolbild: Am neunten Verhandlungstag widerrief die Frau des Angeklagten ihre früheren Aussagen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Aussagen des Sohnes, dessen Vater wegen vierfachen versuchten Totschlags angeklagt ist, passen wenig überraschend zu dessen Version, dass er in einer Nothilfe-Situation gehandelt habe. Der Sohn beschrieb am Mittwoch, dem neunten Verhandlungstag des umfangreichen Prozesses, ein ähnliches Bild der Lage, die sich am Abend des 15. Aprils auf der Cölber Hauptstraße zugetragen hatte.

Die Anfänge des angeblichen Aufmarsches von rund 20 Personen habe er noch selber mitbekommen, sah, dass immer mehr Angehörige der Gegenseite auf einer Straßenseite zusammen kamen und der anderen Seite drohten, meinte der Zeuge.

Von einem kurzen Abstecher nach Marburg kehrte er nach einem „völlig panischen Anruf“ der Mutter zurück. Auf der Straße habe er seinen Vater gesehen, der vor dem angeblich pöbelnden Mob stand. Um diesen zu vertreiben, ließ er den Motor aufheulen, fuhr dann auf die Menge zu. „Ich wollte es nicht zu einer Schlägerei kommen lassen und die Parteien voneinander trennen“, betonte der Zeuge.

Sohn und Vater wollten Autos als Barriere einsetzen

Die Frage des Gerichts, ob er jemanden mit dem Wagen getroffen hatte, verneinte er, „ich habe ganz sicher niemanden berührt.“ Nachdem die Menge begann, sein Auto anzugreifen, zu bewerfen und die Scheiben einzuschlagen, sei er ausgestiegen und frontal auf die große Gruppe zugegangen.

Warum er dieses Risiko eingegangen war, rund 15 angeblich hoch aggressiven Leuten entgegentrat, wisse er selber nicht – „da waren ja Waffen und Schläger im Spiel“, meinte er auf Nachfrage. Nach einem kurzen Schlagabtausch mit einem anderen Mann, sei der Angeklagte mit dem zweiten Wagen hinzugestoßen.

Gegenseite soll eine Pistole gehabt haben

Auch der soll angeblich keine Menschen verletzt haben, wie es die Anklage allerdings vermutet. Vater und Sohn zogen sich anschließend auf die andere Straßenseite zurück.
Denn in der Menge will der Zeuge „fünf bis sechs Personen mit Stöcken in der Hand“ sowie einen Angehörigen der Gegenseite ausgemacht haben, der eine Pistole bei sich trug, mit dieser bedrohlich herumfuchtelte und drohte: „Ich werde euch ­alle töten.“

Die Waffe bestätigte die Ehefrau des Angeklagten, die den Bewaffneten schon zuvor bemerkte und mit einer gewalttätigen Auseinandersetzung rechnete: „Es war nichts Gutes zu erwarten, der Gegenseite war alles zuzutrauen“, meinte die Zeugin, die sich auf einen anhaltenden Zwist zwischen den Familien bezog und eine Eskalation befürchtete.

Davor warnte sie den Sohn per Telefon, der daraufhin die Polizei rief. Weitere Verwandte­ oder Freunde der Familie habe­ sie nicht alarmiert. Im Raum steht die Frage, ob beide Seiten den Familienzwist verschärft hatten, indem sie Angehörige und Bekannte für eine mögliche Straßenschlacht zusammentrommelten. Zumindest werfen sich das die Familien gegenseitig vor. Auf Seiten des Beschuldigten sollen etwa mehrere­ ­Sicherheitsmänner „aus der Türsteher-Szene“ aufgetaucht sein, wie der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm den Vorwurf beschrieb. Von einer Alarmierung wisse sie aber nichts, sagte die Zeugin.

Mutter widerruft ihre frühere Aussage

Ob der Angeklagte ebenfalls eine Waffe mit sich führte, dazu wollten beide Verwandten keine konkreten Angaben machen. Selber hatte der Vater bereits zugegeben, dass er einen Schlagstock dabei hatte.
Weitere Aussagen der Ehefrau, die nicht zu früheren ­Angaben passen wollten, schürten vor Gericht indes Zweifel ob ihrer Glaubwürdigkeit: Sie gab zunächst zu Protokoll, dass sie sich vor der Menge auf der Straße weit zurückgezogen, das ­eigentliche Geschehen zumindest nicht mit eigenen Augen gesehen hatte.

Dem widerspricht sie selber in der polizeilichen wie der richterlichen Vernehmung. Nach mehrfacher Nachfrage der Prozessteilnehmer, bestätigte sie ihre frühere Aussage. Demnach habe sie durchaus mitbekommen, wie der Sohn mit der aufgebrachten Menge auf der Straße aneinandergeriet, ihm mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen wurde. Danach sah sie ihren Mann mit dem zweiten Wagen losfahren – dieser hielt jedoch hinter dem Auto des Sohnes an, „er hat kurz vor den Leuten gebremst“. Danach sei er rückwärts gefahren, während aus der wütenden Menge ­Gegenstände in Richtung des Wagens flogen. Eine weitere­ ­Eskalation wurde durch das Eintreffen der Polizei kurz darauf verhindert.

Angehörige vermuten rassistischen Hintergrund

Am Tag nach dem Zusammenprall beider Familien, schien die Lage wieder kurz vor der Eskalation zu stehen. Er habe gesehen, dass sich die Gegenseite erneut versammelte, „die waren alle wieder da“, befand der Sohn. Erneut rief er die Polizei, die noch mehrfach anrücken musste, in Cölbe noch einige Tage verstärkt Präsenz zeigte.

Der Streit zwischen beiden Familien soll indes schon seit rund zwei Jahren gären, immer wieder sei es seitdem zu „Feindseligkeiten“ von Seiten der anderen Sippe gekommen, gab die Ehefrau an. Der Grund sei ihr nicht ganz klar, sie vermutet rassistische Hintergründe, was ihr Sohn bestätigte.

von Ina Tannert