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Asche zu Asche, Staub zu Staub

Bestattungen Asche zu Asche, Staub zu Staub

Das Bestattungswesen unterliegt einem stetigen Wandel. Jahrhundertelang war die Erdbestattung die gängigste Form der Beisetzung. Inzwischen gibt es noch ganz andere Möglichkeiten.

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Auf dem Marburger Hauptfriedhof stehen Engelsfiguren aus Keramik vor einer Urnenwand.

Quelle: Thorsten Richter

Wetter. „Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden Bach des Lebens.“ In geschwungenen Lettern stehen die Worte Friedrich Nietzsches auf einem Poster. Ein schäumender Fluss und ein leuchtender Regenbogen sind abgebildet. Nietzsche ist tot. Als der deutsche Philosoph am 25. August 1900 in Weimar starb, stand das Jahrhundert der Friedhofsreform bevor. „Damals wurden die Satzungen für die kommunalen Friedhöfe eingeführt, in denen fortan die Gestaltung und die Ausmaße der Gräber vorgeschrieben wurden“, erklärt der Theologe Professor Reiner Sörries, Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, und ergänzt: „Die Friedhöfe sind dadurch recht monoton geworden.“

Das Plakat mit Nietzsches Worten hängt an der Wand im Sarglager des Bestattungsunternehmens Dörr in Wetter. Das Lager befindet sich unweit einer Imbissbude und der vielbefahrenen Bundesstraße 252. Der Raum ist ausgelegt mit einem Rasenteppich, wie man ihn von Balkons mit Hollywood-Schaukel und Sichtschutzmatten kennt. An der Stirnwand und an einer der Seitenwände des Sarglagers steht je ein Holzregal mit Urnen aus Kunststoff und Keramik. Die Gefäße sind mit Blumenmotiven und Vögeln verziert. In der Mitte des Raums bleibt ein Gang frei, links und rechts davon stehen Särge – nebeneinander aufgereiht und übereinander gestapelt. Die meisten davon sind in hellem oder dunklen Holz gearbeitet, mit Griffen aus Messing. Aber auch ein apricotfarbener Sarg in glänzender Lackoptik und einer mit Landschaftsmotiven auf weißem Grund sind als Muster vorhanden. „Meistens wählen die Leute die Särge anhand des Musterbuchs aus“, sagt Frank Ortmüller. „Dass jemand zum Aussuchen hierher kommt, ist eher selten“, erklärt der Bestatter aus Niederwetter, der mit dem Unternehmen Dörr aus dem Nachbarort kooperiert. Der 27-Jährige, der im Februar dieses Jahres als erster in Hessen den noch jungen Titel Bestattermeister erlangte, weiß, dass die Auswahl des Sargs von großer Wichtigkeit ist. „Sie gehört zum Trauerprozess dazu.“

Das Bestatten der Toten gehört im Christentum zu den sieben Werken der Barmherzigkeit – so wie Hungernde zu speisen, Fremde zu beherbergen, Kranke zu pflegen, Gefangene zu besuchen, Nackte zu kleiden oder Armen zu helfen. „Dabei geht es nicht um den großen Prunk, sondern um ein Grab in geweihter Erde“, erläutert der Theologe Sörries. War die Bestattung als siebtes Werk der Barmherzigkeit früher vor allem eine Familienangelegenheit, so ist sie inzwischen zur Expertenaufgabe geworden. „Unser Ziel ist es, den Angehörigen den Weg zu ebnen, sodass sie vernünftig Abschied nehmen können“, beschreibt Frank Ortmüller seine Arbeit. Vom letzten Waschen und Ankleiden des Verstorbenen bis hin zur Ausrichtung der Trauerfeier nimmt das Bestattungsunternehmen aus Niederwetter den Hinterbliebenen auf Wunsch alles ab. „Das ist der schöne Teil der Arbeit: den Hinterbliebenen zu helfen, sie an die Hand zu nehmen und ihnen die Richtung zu weisen“, sagt der Bestattermeister.

von Carina Becker

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