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Nordkreis Angeklagter: „Wollte niemanden töten“
Landkreis Nordkreis Angeklagter: „Wollte niemanden töten“
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00:33 15.10.2018
Vor dem Gericht wird derzeit die Auto-Attacke vom 15. April in Cölbe verhandelt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Eine düstere Straßenszene am Abend des 15. Aprils in Cölbe. Menschen versammeln sich mitten auf der Ortsdurchfahrt, spärlich beleuchtet vom Licht der Straßenlampen. Die Kamera ­eines Geschäfts filmt den Auflauf von rund 15 Personen. Ein Polizist spricht später von „einer Art ­Zusammenrottung“, die sich ­innerhalb weniger Minuten zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen einzelnen ­Anwesenden entwickelt.

In die Szenerie platzt ein schwarzer Wagen mit hoher Geschwindigkeit, der neben­ der aufgebrachten Menge zum Stehen kommt. Einer aus der Gruppe beginnt, gegen das ­Auto zu treten. Der Fahrer – der Sohn des Beschuldigten – steigt aus. In dem Moment fährt wenige Meter daneben ein zweiter Wagen los. Der angeklagte Vater sitzt hinter dem Steuer. Er fährt auf die Menge zu, aus der fliegen ein Tisch und ein Stuhl in Richtung Auto. Unmittelbar vor der Ansammlung von Menschen leuchten die Bremslichter auf. Die Masse weicht zurück.

Der Wagen fährt noch ein Stück weiter, kommt dann zum Stehen. Gerangel hier und da. Das Fahrzeug setzt zurück, ein Mann stellt sich mit rudernden Armen in den Weg. Wenig später treffen mehrere Polizeistreifen ein.

Diese Szenerie dokumentiert ein fünfzehnminütiges Überwachungsvideo, das gestern zum Prozessauftakt vor dem Landgericht gezeigt wurde. Auf der Anklagebank sitzt ein Familienvater, der den zweiten Wagen gesteuert hatte. Ruhig und mit leiser Stimme stellte er seine Version des Abends vor. Er gibt zu, sein Auto auf die Menge zugesteuert zu haben, eine Tötungsabsicht – von der die Staatsanwaltschaft ausgeht – habe er dabei nicht gehabt. „Ich wollte ihnen nur Angst einjagen, aber niemandem etwas antun, geschweige denn töten“.

Angeklagter entdeckt Waffe im benachbarten Auto

Er beruft sich in dem Verfahren auf Nothilfe, habe den Wagen nicht als Waffe, sondern als Schutzschild nutzen wollen. „Ich wollte mich mit meinem Auto zwischen die Menschengruppe und meinen Sohn stellen – ich ­wollte mein Kind schützen“, gab der Vater an.

Die Stimmung sei zuvor bereits immer aggressiver geworden, aus der Menge kamen ­angeblich Morddrohungen, er fühlte sich provoziert. Als er immer mehr Personen auf der Straße sah, entstand „eine­ ­böse Vorahnung – ich hatte den Verdacht, die haben irgendwas vor“, meint der Angeklagte. Als er bei einem Mann, der neben dem Wagen seines Sohnes stand, eine Schusswaffe bemerkt haben will, wollte er ­Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Zuerst bewaffnete er sich mit einem Teleskopschlagstock, gab der Mann zu. Danach stieg er in den Wagen. Frontal und mit maximaler Beschleunigung sei er dagegen nicht in die Menge gefahren, wie es in der Anklageschrift heißt.

Diesen Teil der tonlosen Überwachungsbänder verfolgte die Strafkammer akribisch genau. So weit zu sehen, gab es dabei keine eindeutige Kollision. „Ich sehe nicht, dass das Auto jemanden berührt“, stellte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm fest.

Im Anschluss setzte der Angeklagte den Wagen mehrere Meter zurück. Ob er danach erneut Gas geben wollte, ist umstritten. Das Video zeigt noch, wie der Sohn des Beschuldigten den Vater zurück hält, beide entfernen sich von der Menge, aus der vereinzelt wild gestikuliert wird.

Der mutmaßlichen Auto-Attacke voraus ging ein Streit am frühen Abend zwischen rund 20 Personen einige Stunden vorher. Das Treffen sollte laut des Angeklagten ein „Versöhnungsversuch“ sein, der missglückte und in einen lautstarken Streit mündete. Wenige Stunden später formierte sich der Menschenauflauf auf der Straße.

Auch am Tag darauf soll es zu einer ähnlichen Situation gekommen sein, wobei es dieses Mal nicht zum Äußersten kam, „es waren aber dieselben Gesichter wie vorher“, meinte der Beschuldigte.
Präventiv waren auch an den Tagen nach der Eskalation noch vermehrt Streifen vor Ort.

Monatelange Familienfehde soll eskaliert sein

Ein noch weiter zurückliegender Hintergrund des Vorfalls scheint ein fortwährender Streit zwischen zwei Familien zu sein. Die Fronten sind verhärtet, ­beide Seiten gerieten bereits in der Vergangenheit aneinander, berichtete der Angeklagte.

Das bestätigten mehrere Polizisten, die bereits Wochen zuvor zu Auswüchsen der Familienfehde und „Beleidigungs- und Bedrohungsgeschichten“ gerufen worden waren. Wie ein Zeuge mutmaßte, habe sich der ­gärende Streit an dem Tatabend „hochgeschaukelt und ist dann eskaliert“.

von Ina Tannert

1. Verhandlungstag: Prozessauftakt: Mann fuhr in Menschenmenge