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Angeklagter macht Schluss mit Schrott

Nordkreis Angeklagter macht Schluss mit Schrott

Betrogen haben eine Reihe „Schrottler“ beim Abliefern ihrer Waren an einen Rohstoffverwerter. Doch jeder Fall, der vor dem Amtsgericht verhandelt wurde und wird, muss für sich gewogen und bewertet werden.

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So kommt es, dass der eine erheblich vorbestrafter Angeklagte eine Haftstrafe aufgebrummt bekommt, während einem anderen eine letzte Bewährungschance eingeräumt wird. Und das, obwohl auch er ein üppiges Strafregister zu bieten hatte und noch unter Bewährung stand. In einem anderen Fall wurde der Prozess gar vertagt, bis das Verfahren gegen den mutmaßlichen Drahtzieher des Betruges abgeschlossen ist, weil dieser die Aussage dann nicht mehr verweigern kann. Andere Verfahren wurden eingestellt.

Im Prinzip lief der Betrug immer nach dem gleichen Muster ab. Es brauchte zwei Täter, einen Schrottlieferanten und einen Wiegemeister in der Firma, der den Metallschrott annimmt, wiegt und festhält, welches Metall geliefert wird und welche Qualität es hat.

Der gesondert verfolgte Wiegemeister in der geschädigten Firma deklarierte Material, das er annahm, als höherwertiger, als es in Wirklichkeit war. Mitunter soll das gleiche Material auch doppelt gewogen und abgerechnet worden sein, manchmal habe man sich selbst noch mit auf die Waage gestellt, hieß es in einer früheren Verhandlung. Die Händler erhielten daraufhin an der Kasse zwischen wenigen hundert bis mehreren tausend Euro mehr ausgezahlt als ihnen eigentlich zustand. Einer der Wiegemeister erhielt, auch wenn das nicht jeder Schrotthändler vor Gericht zugab, offenbar einen Anteil an der Mehreinnahme. Ohne diesen wäre der Betrug auch nicht möglich gewesen, denn er schrieb auf, was geliefert wurde. Das Verfahren gegen einen zweiten Wiegemeister wurde gegen Geldzahlung eingestellt. Er hatte offenbar nur einmal betrogen und begründete das damit, dass er von einem Schrotthändler bedroht worden sei. Geld habe er nicht erhalten.

Dem Unternehmen waren die Betrügereien zunächst nicht aufgefallen. Erst ein anonymer Tipp im sozialen Netzwerk „wer-kennt-wen“ brachte den Stein ins Rollen. Die Firmeninhaber sichteten daraufhin Videos, die von den Wiegevorgängen gemacht worden waren, und stellten fest, dass dort im großen Stil falsch abgerechnet worden war.

Anhand der Videobilder war auch der Beweis zu führen, von wem die falsch abgerechneten Lieferungen stammten. Das wurde auch einem Mann aus dem Nordkreis zum Verhängnis, der in dieser Woche vor Gericht stand – und Gnade fand. „Eigentlich sind sie ein Kandidat für ,ohne Bewährung‘“, stellte Richter Dr. Johann Lessing fest. Dass er dem vorbestraften Mann dennoch eine letzte Bewährungschance einräumte, lag an dessen Zusage, er wolle sich nun endgültig aus dem Schrottsammel-Gewerbe zurückziehen. Er habe eingesehen, dass ihn das sonst immer wieder vor Gericht bringen würde.

von Michael Agricola

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