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„Alleskönner mit vielen Herzkammern“

Dekan Baumeister geht „Alleskönner mit vielen Herzkammern“

Einen herzlichen Abschied nahmen etwa 300 Menschen von Dekan Hanns Baumeister und seiner Frau Jutta in Cölbe. Seinen Einsatz, den Humor und seine handwerklichen Fähigkeiten bleiben dort in guter Erinnerung.

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Die meisten Gottesdienstbesucher verabschiedeten sich persönlich von Hanns und Jutta Baumeister.Fotos: Manfred Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Cölbe. Nach sieben Jahren und einem Tag hieß es am Sonntag Abschied nehmen von Hanns Baumeister. Im September 2005 hatte er seinen Dienst als Dekan des Kirchenkreises Marburg-Land aufgenommen. Nun geht er nach dessen Umstrukturierung, die er entscheidend mit begleitet hat, als Dekan des neu entstandenen Kirchenkreises Kirchhain vorzeitig in den Ruhestand, um sich ehrenamtlich neuen Aufgaben und Herausforderungen zuzuwenden.

Zugleich verabschiedeten die etwa 300 Besucher in der Kirche und beim anschließenden Empfang in der Gemeindehalle seine Frau Jutta Baumeister, die als Lektorin und aktive Pfarrfrau wirkte und bei der Leitung des Kirchenchores die Kantorin vertrat. In dieser Woche ziehen sie nach Kassel um.

In dem sehr musikalischen Festgottesdienst, den mehrere Chöre und Musikgruppen unter Leitung von Kantorin Christiane Kessler feierlich gestalteten, ging Baumeister mit seiner Abschiedspredigt an seinen Anfang als Geistlicher zurück. Seine erste Predigt habe er 1983 in Marburg in der Lutherischen Pfarrkirche über den Bibeltext Jesaja 55; 8/11 gehalten, wo es heißt: „So soll das Wort, das aus meinem Mund geht, auch sein. Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende!“

Darauf bezogen fragte der Dekan, wo wir sehen, dass das Wort Gottes etwas ausrichtet, wo in unserem Leben wir dessen Kraft und Wirkung erfahren. Die Welt und das Leben erscheine oft völlig gottesfern, die Erfahrung Gottes in dieser Welt so selten.

Als Ergebnisse seiner „Spurensicherung des Wortes Gottes“ sah Baumeister beispielsweise eine Krankenschwester, die hinter einem Patienten einen traurigen, verzweifelten und leidenden Menschen sieht, ihn tröstet, mit ihm spricht, trotz und gerade wegen der Kommerzialisierung und Privatisierung und Renditeerwartungen in unserem Gesundheitssystem.

Menschen, die für den Frieden arbeiten, gegen den Strom der Gewalt in ihrer Zeit schwimmen. Menschen die einfach ihre Arbeit tun in Betrieben oder in einer Bibliothek, die sich nicht verheizen lassen aus Angst um ihre Zukunft oder ihren zukünftigen Arbeitsplatz. Menschen die weiterhin gute Kollegen oder gute Kommilitonen sind, die anderen unter die Arme greifen.

Oder Sterbende, die zu besuchen er sich gefürchtet habe. Von denen aber ein Trost ausging, der nicht aus ihren eigenem Herzen stammte. Sodass er getröstet war, viel mehr, als er habe trösten können. Und Menschen in oder trotz aller Spaßkultur, die ihren Lebensstil verändern und an den ungerechten und gottlosen Strukturen der Welt zu drehen versuchen.

Aber um das hinter den nackten Tatsachen und handfesten Resultaten zu sehen, brauche man den anderen, den neuen Geist, der der Heilige genannt wird.

Für Straßenkinderprojekt „gekämpft wie eine Bärin“

Propst Helmut Wöllenstein, der dem Dekan und seiner Frau die Abschiedsurkunden überreichte, erklärte, er habe schon vor Jahren über Hanns Baumeister sagen hören, dass dieser aber auch wirklich alles könne, vom Predigen über das Verkabeln des Gemeindesaals, das Organisieren von Veranstaltungen bis zur Herausgabe von Gebetsbüchern.

Während der sieben Jahre als Dekan sei immer die Umstrukturierung der Kirchenkreise wichtiges Thema gewesen. Um die Zusammenarbeit mit den Kommunen bei den Kindergärten ging es, um Missionarisches und für das Hilfswerk „Straßenkinder in Addis Abeba“ habe Baumeister gekämpft „wie eine Bärin um ihre Jungen“. Bei all dem habe es keine Konferenz, keine Andacht, keinen Gottesdienst ohne Auflockerung und Lacher gegeben. „Wie viele Herzkammern hat ein Mensch? Bei dir sind es gefühlte fünf oder sieben, so sehr hat es gepocht in deinen Dekansjahren“, sagte Wöllenstein.

In der Gemeindehalle eröffnete Wilfried Carle, bis Ende 2011 Präses der Kreissynode, die Reihe der Redner. Er hob den Einsatz Baumeisters für die Diakonie und Kirchenmusik hervor, aber auch, dass er selber Hand anlegte bei der Sanierung des Dekanatsgebäudes und bei der Strukturreform „aufs Tempo drückte“.

Cölbes Bürgermeister Volker Carle erinnerte sich, dass ihm beim ersten Treffen mit Baumeister dessen Schuhe mit kräftigen Sohlen aufgefallen seien und er gedacht habe: ein Praktiker. Dieser Eindruck habe sich bestätigt, auch, wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen.

Weitere Vertreter aus Kirchen und Politik würdigten während des Empfangs das Wirken des scheidenden Dekans. Die Cölber Pfarrerin Annette Hestermann und der Kirchenvorstand dankten den Baumeisters im Chor für viele Dinge und schenkten ihnen Liegestühle mit der Aufschrift Gott sei Dank, es ist Sonntag“ für den künftigen (Un-)Ruhestand.

Auf bekannte Melodien hatte Pfarrerin Berit Hartmann fünf humorvolle Abschiedslieder über die Amtszeit und die Eigenschaften des Dekans gedichtet, die 24 Pfarrer, Kirchenmusiker und Dekanatsmitarbeiterinnen gemeinsam zur Gitarre vortrugen.

Das wohl spaßigste Geschenk erhielt Hanns Baumeister am Ende von seiner Frau Jutta. Bei einem gemeinsamen Besuch in Leipzig hatte er einst über die überlebensgroßen Ölgemälde gelacht, mit denen die Leipziger ihre Superintendenten zu verabschieden pflegen. Eine Fotomontage in dieser Art bekam er nun. „Ich bin beschämt über alles, was über mich gesagt wurde, über die Dankbarkeit. Ich muss erst überlegen, ob ich das alles war“, sagte Baumeister angesichts der vielen lobenden Worte zum Schluss.

von Manfred Schubert

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