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Wildbienen finden zu wenig Nahrung

Aktionsgemeinschaft Burgwald Wildbienen finden zu wenig Nahrung

Es gibt weniger Insekten, Wildbienenarten sterben aus. Oft wird die Landwirtschaft dafür verantwortlich gemacht. Das ist so nicht ganz richtig, sagt der Bienenfachberater des Landes Hessen, Christian Dreher.

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Honigbienen können alle wichtigen Kulturpflanzen wie hier eine Kirsche bestäuben.

Quelle: Thorsten Richter

Wetter. Von einem massiven Insektensterben berichtete im Oktober vergangenen Jahres eine Studie. 75 Prozent weniger im Vergleich zu noch vor knapp 30 Jahren, hieß es in dem Fachmagazin „PLOS ONE“. Die Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ nahm das zum Anlass, um in ihrem Jahresprogramm den Schwerpunkt auf das Thema zu legen. Bereits im Februar gab es dazu einen Workshop zum Bauen von Insekten-Nisthilfen. Die sollen den Tieren Wohnraum bieten.

Pflanzenschutzmittel können Bienen schaden

Im Frühjahr will die Aktionsgemeinschaft in Wetter Blühstreifen anlegen, die den Bienen als Nahrung dienen sollen. „Wir wollen damit die Aufmerksamkeit der Menschen dafür schärfen, was sie in ihren eigenen Gärten für Insekten tun können“, sagt Anne Archinal, Vorsitzende von „Rettet den Burgwald“. Beim Maimarkt in Wetter am 13. Mai werden dafür Saatgut-Tüten verteilt.

Dass Wildbienen zu wenig Nahrung finden, ist eines ihrer Probleme. Der Bienenfachberater des Landes Hessen, Christian Dreher, hat bei der Aktionsgemeinschaft vor Kurzem einen Vortrag zum Insektensterben gehalten. Dreher arbeitet im Bieneninstitut in Kirchhain und ist dort unter anderem für die Ausbildung von Imkern zuständig, aber auch in der Beratung tätig.  Er sagt: „Im Sommer und Spätsommer gibt es Trachtlücken.“ Tracht, also Pollen, Nektar und Honigtau für den Stock, finden die Bienen in dieser Zeit kaum. „Das schränkt den Fortpflanzungserfolg ein“, sagt Dreher.

Effekte auf Bienen wissenschaftlich belegt

Vor 1960 hätten Bienen dieses Problem nicht gehabt, weil es genug Ackerflächen gegeben habe, die mit Unkraut zugewachsen seien. Heute jedoch sollten diese Flächen zum Nahrungsanbau für den Menschen dienen. Das Unkraut würde daher entfernt, mechanisch oder mit Herbiziden.

Diese Pflanzenschutzmittel wirken gegen Pflanzen. Es gibt aber auch Fungizide gegen Pilze und Insektizide gegen Insekten, erklärt Dreher. Fast alle dieser Pflanzenschutzmittel wirkten möglichst gezielt. So würden beispielsweise bestimmte Insektizide gegen Käfer, nicht aber gegen Bienen wirken.

Effekte auf Insekten seien bei allen Arten von Pflanzenschutzmitteln aber nicht ausgeschlossen. Von den Insektiziden der Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide beispielsweise würden Bienen nicht sofort sterben. Aber: „Ihr Orientierungsvermögen kann gestört werden und sie können Verhaltensauffälligkeiten zeigen.“ Auch auf das Immunsystem könne es wirken. „Sie können krankheitsanfälliger werden.“ Diese Effekte seien wissenschaftlich belegt. „Das wurde auch gerade bei uns im Haus festgestellt“, sagt Dreher.

Lichtverschmutzung und Verkehr schaden Insekten

Dass die Landwirtschaft einen Effekt auf die Insektenwelt habe, davon sei angesichts der massiven Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg auszugehen. „Aber der Landwirtschaft pauschal den schwarzen Peter zuschieben, das kann man nicht machen“, so der Bienenfachberater.

Dass es weniger Insekten als früher gibt, sei vermutlich richtig. Doch die in der Studie veröffentlichte Angabe von 75 Prozent sei mit Vorsicht zu genießen. Wie hoch die Zahl letztlich ist, sei noch völlig unklar, sagt Dreher.

Die Ursachen für den Rückgang seien nur teilweise geklärt. Einen Anteil habe das erhöhte Verkehrsaufkommen. So verendeten mehr Insekten auf Windschutzscheiben. Auch die Lichtverschmutzung spiele eine Rolle. Viele Insekten seien nachtaktiv und würden von Licht angezogen. Statt auf Futter- oder Paarungssuche zu gehen, würden sie die Nacht an der Straßenlaterne verbringen, bis sie an Entkräftung sterben.

Kuhfladen fehlen als Nahrungsquelle

Die zunehmende Versiegelung von Flächen (laut Dreher in Hessen mehr als drei Hektar am Tag) lasse den Lebensraum der Insekten schwinden. Wildbienen beispielsweise nisteten in Totholz oder in einem ungestörten Fleckchen Boden. Jeder Eingriff in die Landschaft, wie die Umwandlung eines Waldstücks in Ackerfläche, habe Einfluss auf die Insekten.

„Bis vor 30, 40 Jahren war in der Kuhhaltung Weidegang üblich“, sagt Dreher. Für Fliegen seien die Kuhfladen eine wichtige Nahrungsquelle gewesen. „Mistlagerstätten waren Brutstätten für Insekten.“ Mit den heutigen Güllegruben sei das nicht zu vergleichen. Auch in den Ställen gebe es nicht mehr so viele Fliegen, weil sie aus Hygienegründen bekämpft würden.

In der Landwirtschaft seien außerdem Ackerflächen zusammengelegt worden, sodass weniger Feldränder als Lebensraum dienten, erklärt Dreher. Verbraucher dürften Landwirte aber nicht dafür verantwortlich machen. „Dass heute so produziert wird, liegt an wirtschaftlichen Gegebenheiten, die der Verbraucher festlegt“, sagt Dreher, der selbst Landwirtschaftsmeister ist. Hätte der Verbraucher vorwiegend regionale, kleinbäuerliche Landwirtschaft nachgefragt, sähe die Situation anders aus.

Zahl der Honigbienen ist gestiegen

Zahlen gebe es für die Lage der Wildbienen: 60 Prozent von ihnen seien gefährdet. Das meint: „Von potenziell gefährdet bis ausgestorben“, erklärt Dreher.  Die Zahl der Imker und die der Honigbienen hingegen sei innerhalb der letzten acht Jahre um zwei Drittel beziehungsweise 24 Prozent gestiegen. Aber: „Honigbienen können nicht alles bestäuben.“ Zwar die wichtigsten Kulturpflanzen wie Äpfel, aber nicht alle Gewächse in der Natur. Deshalb habe die Gefährdung der Wildbienen auch Einfluss auf die Artenvielfalt in der Pflanzenwelt.

Auch in der Tierwelt mache sich der Rückgang von Insekten bemerkbar, sagt Dr. Anne Archinal von der Aktionsgemeinschaft. Beispielsweise bei Vögeln, die sich von den kleinen Tieren ernähren. Die Biologin erklärt, auch bei diesen Tieren, die in der Nahrungskette höher stehen, sei ein Rückgang zu beobachten. „Das ist ein riesiges Artensterben.“ Deshalb habe „Rettet den Burgwald“ das zum Schwerpunktthema gemacht.

Jahresprogramm "Rettet den Burgwald"
  • Karfreitag, 30. März, 18.30 Uhr: Rauz und Spauz im Burgwald, Begegnungen mit im Wald lebenden Eulen.
  • Sonntag, 15. April, 10 Uhr: Wanderung zu den Spechthöhlen im Burgwald.
  • Sonntag, 13. Mai, 10 Uhr: „Frühling Hören und Singen“ – die etwas andere Wanderung durch den Burgwald.
  • Pfingstsonntag, 20. Mai, 10 Uhr: Orchideen und andere Seltenheiten im Burgwald.
  • Sonntag, 24. Juni, 10 Uhr: Wanderung zum Naturschutzgebiet Franzosenwiesen.
  • Sonntag, 15. Juli, 14 Uhr: Einheimische Schmetterlinge und andere Insekten.
  • Sonntag, 12. August, 10 Uhr: Wanderung durch den südlichen Burgwald.
  • Sonntag, 19. August, 10 Uhr: Die Quellen des Burgwaldes.
  • Sonntag, 23. September, 10 Uhr: Pilzwanderung. Anmeldung erforderlich.
  • Sonntag, 30. September, 11 Uhr: Vernissage „Der Burgwald – ein Wald voller Schätze“.
  • Sonntag, 28. Oktober, 10 Uhr: „Herbst Hören“ – eine etwas andere Wanderung durch den Burgwald.
  • Donnerstag, 27. Dezember, 13 Uhr: Winterwanderung zum Christenberg. Anmeldung erforderlich.
  • Eventuelle Terminänderungen und mehr Infos finden sich unter www.ag-burgwald.de.

von Freya Altmüller

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