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Ängste und Argumente in der Asylfrage

Flüchtlingsquartier Ängste und Argumente in der Asylfrage

25 Flüchtlinge in einem Dorf mit 185 Einwohnern, ohne Geschäfte oder Bahnanschluss? Dass dieses Vorhaben auf Widerstand stoßen würde, war absehbar. Inzwischen ist noch von 12 Personen die Rede.

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Etwa 45 Menschen nahmen an der außerordentlichen Ortsbeiratssitzung zur geplanten Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern im Dorfgemeinschaftshaus in Kernbach teil, die eher den Charakter einer Bürgerversammlung hatte.

Quelle: Manfred Schubert

Kernbach. Am Montagabend fand eine außerordentliche Sitzung des Ortsbeirats Kernbach statt, der sich dagegen ausspricht, dass die 25 Personen in dem Dorf unterkommen. Viele der 45 Teilnehmer formulierten ihre Ängste, aber es gab auch Stimmen, die für Menschlichkeit und Offenheit gegenüber den Flüchtlingen plädierten.

Roland Döhler, Leiter des Fachbereichs Ordnung und Verkehr beim Landkreis Marburg-Biedenkopf, zu welchem auch der Fachdienst Ausländer und Migration gehört, gab zu Beginn der Sitzung einen kurzen Überblick über die Situation. Seit 2010 steigen die Zahlen der Flüchtlinge und Asylbewerber, die nach Deutschland kommen. Die Hauptströme kämen derzeit aus dem Balkan, aus den islamischen Ländern zwischen Palästina und dem Hindukusch, allen voran Syrien und Afghanistan, sowie aus Afrika.

Der Landkreis wurde für das zweite Halbjahr 2012 verpflichtet, 167 Personen aufzunehmen. Allerdings gebe es bereits, wie in vielen anderen Landkreisen auch, einen Aufnahmerückstand von derzeit 200 Personen für Marburg-Biedenkopf. Überall würden dringend Unterkünfte gesucht.

Kleine Ortschaften wie Kernbach seien für die Unterbringung von Asylbewerbern durchaus geeignet, durch ihr starkes Gemeinwesen und dort anzutreffende Hilfsbereitschaft der Bürger. Nächstenliebe und Anteilnahme am Schicksal der Flüchtlinge spielten dort oft eine größere Rolle als in anonymen, städtischen Strukturen, sagte Döhler.

Allerdings ist der Landkreis jetzt in einer Situation, bei der er auf „ideale“ Standorte nicht mehr hoffen könne. Durch eine Zeitungsannonce, die auch in vielen Gemeindemitteilungsblättern geschaltet wurde, hätten sich zwar einige interessante Objekte ergeben, die aber längere Rüst- und Vorbereitungszeiten benötigten, um belegt werden zu können. Aktuell würden wöchentlich etwa 20 Unterkünfte benötigt.

Vorschlag: Suppe kochen, Aktionen für Kinder bieten

In dieser Situation kam das Angebot der Familie Müller dem Landkreis ganz gelegen. In Kernbach betreibt sie ein Freizeitheim mit 50 Betten. Sie ist bereit, für fünf Monate 25 Personen in dem Heim unterzubringen, wobei eine Bedingung ist, dass es sich ausschließlich um Familien handeln soll. Die fehlenden Einkaufsmöglichkeiten wolle Müller durch einen Shuttle-Service ersetzen. Im Falle einer Anmietung würde dies, ebenso wie eine Laufzeit bis Ende März 2013, vertraglich geregelt. Claudia Meyer-Bairam, Erste Beigeordnete der Gemeinde Lahntal, erklärte, der Gemeindevorstand sehe es nicht als opportun an, dass in Kernbach, abgeschnitten von jeder Infrastruktur, so viele Leute aufgenommen werden sollen.

In größeren Orten wie Goßfelden oder Sterzhausen wäre dies weniger problematisch. An der folgenden emotional aufgeladenen Debatte beteiligten sich viele Zuhörer. Einige äußerten Befürchtungen, die von Kriminalität, zu erwartenden Sachbeschädigungen und Ruhestörungen bis zu Gewalt der Fremden gegenüber den eigenen Kindern reichten.

Andere versuchten, eher rational zu argumentieren: In dem kleinen Ort gebe es keine Chance, die wohl ohnehin nicht homogene Gruppe zu integrieren. Diese habe keine Möglichkeit, sich zu bewegen, würde „wie eingesperrt“ in dem Dorf sein. Es gebe Sprach- und Kulturbarrieren. Dabei betonten sie immer wieder, dass die Kernbächer nicht fremdenfeindlich seien, dass nur die Bedingungen für die Unterbringung so vieler Flüchtlinge in dem kleinen Ort ungeeignet seien. Und dann gab es einige, vor allem Jüngere, die eher daran dachten, wie man den Flüchtlingen helfen könnte.

Paco Leuschner, der seit fünf Monaten mit seiner Familie in Kernbach wohnt, regte an, wenn es nur um fünf Monate gehe, zu überlegen, wie man das als Dorfgemeinschaft miteinander tragen könne. „Vielleicht treffen sich drei Leute einmal pro Woche und kochen einen großen Topf Suppe, vielleicht machen wir Aktionen für die Kinder auf dem Spielplatz“, nannte er einige Beispiele. Zudem hatte er für alle ein Papier mit Informationen über Flüchtlinge, speziell auch zur aktuell angespannten Lage in Hessen, zusammengestellt und vervielfältigt.

Fünf Monate und nicht länger

Auf Mutmaßungen, dass die Flüchtlinge auch länger als nur fünf Monate in Kernbach blieben, entgegnete Roland Döhler, dass dies auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich sei. Danach würden sie in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht. Freizeitheim-Betreiber Matthias Müller betonte, dass bereits Buchungen für nächstes Jahr vorlägen und die Flüchtlinge definitiv nicht länger blieben.

Im Verlauf der Sitzung wurde deutlich, dass auch länger bestehende Spannungen zwischen dem Betreiber des Freizeitheims und Dorfbewohnern die Stimmung mit anheizten. Es habe früher schon Lärmbelästigungen durch Gäste des Heims gegeben, auf die er nicht angemessen reagiert habe, wurde Müller vorgeworfen, was dieser wiederum von sich wies.

Döhler machte klar, dass es um eine echte Notsituation gehe, darum, den Menschen einfach eine sichere Bleibe und ein festes Dach über dem Kopf zu bieten, und in dieser Not könne man nicht von Idealsituationen ausgehen. Dass es keine dauerhafte Lösung werde, könne er besonders nach diesem Abend betonen, über die Zahl der in Kernbach Unterzubringenden werde man sich auch noch einmal Gedanken machen. Es gehe auch um begründete Ängste gegenüber Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen.

Gestern erfuhr die OP, dass der Landkreis der Beigeordneten Meyer-Bairam inzwischen mitgeteilt hat, dass er die Zahl der Flüchtlinge für Kernbach auf 12 Personen in Familienverbünden begrenzen will.

von Manfred Schubert

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