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Wie aus dem "pruodar" ein "brourer" wurde

Sprachgeschichte Wie aus dem "pruodar" ein "brourer" wurde

Wenn der Mittelhesse seine Tochter „e läiwes Määdche“ – ein liebes Mädchen – nennt oder wenn er von seinem „brourer“ – seinem Bruder – schwärmt, dann denkt er sicher in den wenigsten Fällen an die Sprachgeschichte.

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Ein Brüderchen - oder ein kleiner "brourer" - ist zum Spielen ganz prima.

Quelle: Gerd Gries/pixelio

Marburg . Doch genau die ist dafür verantwortlich, dass es in der Region um Marburg Vokalverbindungen wie in „läib“ und „brourer“ gibt. Sie gehen auf das Althochdeutsche zurück und zeigen, dass sich die hessichen Vokale anders entwickelt haben als die Hochdeutschen, wie Professor Heinrich Dingeldein erklärt.
Die Entwicklung lässt sich grob so nachvollziehen. Während sich das althochdeutsche „liob“ über das mittelhochdeutsche „lieb“ (gesprochen wie in „mir“) zum neuhochdeutschen „lieb“ mit langem „i“ entwickelte, hat das Mittelhessische eine andere Richtung eingeschlagen.
Aus „liob“ wurde „läib“ – und ist es bis heute geblieben. Sprachwissenschaftlich betrachtet ist das „läiwe Määdche“ also ein Überbleibsel aus der Zeit des Mittelhochdeutschen, genauso wie sein Verwandter, der „brourer“, der aus dem althochdeutschen „pruodar“ entstand. Sprachwissenschaftler sprechen dabei vom gestürzten Diphthong (aus „ia“ wird „äi“ oder aus „uo“ wird „ou“).
Wer übrigens glaubt, dass es „das“ Alt- oder „das“ Mittelhochdeutsche gegeben hat, irrt übrigens. Es gab große regionale Unterschiede – und die wurden auch schriftlich festgehalten.
Erst der Buchdruck machte eine schriftliche Variante zur Norm: die ostmitteldeutsche Verkehrssprache. In dieser Variante hatte Martin Luther die Bibel übersetzt. Wäre Luther ein Bayer und kein Sachse gewesen, würden heute womöglich auch die Hessen „Grüß Gott“ anstatt „Guten Tag“ sagen, wie der Sprachwissenschaftler Wolfgang Näser – wie Heinrich Dingeldein am Deutschen Sprachatlas in Marburg tätig – in seinem Aufsatz „Deutsche Dialekte – ein praktischer Versuch“ beschreibt.
So, genug von der Sprachgeschichte. Wenn Sie noch Anekdoten aus Ihrem Dialekt wissen, schreiben Sie an die OP, Stichwort „Mir schwätze Platt“, Franz-Tuczek-Weg 1, 35039 Marburg oder per E-Mail an online@op-marburg.de

von Gabriele Neumann

Foto: www.pixelio.de

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