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Heute schon was "verzolpcht"?

Momberger Maurersprache Heute schon was "verzolpcht"?

Die Momberger Maurersprache ist eine der jüngsten Geheimsprachen in Deutschland - und auch schon wieder ausgestorben. Was "verzolpcht" bedeutet, wissen dennoch viele Menschen im Ostkreis.

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Maurer brauchen eine Kelle zum Arbeiten - das war auch schon früher so. Foto: www.pixelio.de

Quelle: Nils Korte

Marburg . "Ach, hast du deinen Schlüssel schon wieder verzolpcht?", fragt die Mutter ihren ungeratenen Spross - und der weiß gleich, was gemeint ist, schließlich hat er den Schlüssel nicht zum erstenmal "verlegt". Der Wortteil "zolpch" könnte aber auch viele andere Bedeutungen haben. Genauso wie "schrofen" oder "schrofer" gehört "zolpch" zu den Wörtern in der Momberger Maurersprache, die eigentlich fast jede Bedeutung annehmen können, die die Sprecher ihnen geben. Sprachwissenschaftler wie Professor Heinrich Dingeldein sprechen dabei von "aktiven Wortbildungselementen". Und damit ist das Anrüchige, das Geheimsprachen wie der Momberger Maurersprache anhaftet, auch schon ziemlich dahin. Wenn einer irgendwo hereinzolpcht und sich dann auf den Sessel schroft, kann er kaum erwarten, dass der andere Schrofer ihm gegenüber besonders zolpig ist. Noch Fragen?


Wenn nicht, haben Sie den Grundkurs in Wortbildung schon bestanden. Und die ist eines der besonderen Merkmale der Momberger Maurersprache, wie Dingeldein erläutert. Denn die wohl jüngste Geheimsprache Deutschlands, die erst im 19. Jahrhundert mit dem Bau der Main-Weser-Bahn entstand, kommt mit relativ wenigen Wörtern aus. Ein Beispiel: Der "Hornschrofer" ist die Kuh, der "Meckerschrofer" die Ziege. Und so kann man noch viele andere Wörter "erfinden". Der Ursprung der Sprache liegt wohl darin, dass viele Menschen aus der relativ kleinen Momberger Gemarkung beim Bau der Main-Weser-Bahn Arbeit suchten - und sich dort als Maurer verdingten. Allerdings waren sie nicht in einer Zunft organisiert wie die Maurer aus der Stadt, sie waren also "unzünftig". Gleichwohl oder gerade deshalb begriffen sie sich als eigene Klasse und entwickelten eine eigene Sprache, damit sie sich schnell und exklusiv unterhalten konnten, ohne dass Außenstehende begriffen, worum es ging. Die Maurersprache enthält relativ viele Wörter aus norditalienischen Dialekten. Möglicherweise ein Hinweis darauf, dass viele Leute aus Norditalien, wo es traditionell sehr gute Maurer gab, an der Bahn arbeiteten. So wird heute noch das Wort "Bensch" für Butter verwendet, abgeleitet vom italienischen "pancetta", das eigentlich "Speck" bedeutet. Die letzten Sprecher der Momberger Maurersprache starben vor etwa 20 Jahren, einzelne Wörter der Geheimsprache sind aber noch im aktiven Dialektwortschatz vorhanden.

Die Maurersprache bildet übrigens einen Sonderfall der Geheimsprachen, weil sie an einen konkreten Beruf gekoppelt ist. Ähnlich sind auch Geheimsprachen wie die Lingelbacher Musikantensprache zu bewerten. Andere Geheimsprachen wie das Rotwelsche oder Jenische beziehen sich dagegen eher auf bestimmte Gesellschaftsgruppen - meist Gruppen, die eher am Rand als im Zentrum der Gesellschaft stehen. In Marburg und Gießen gibt es noch eine aktive Geheimsprache, das Manische.

Kennen Sie noch Wörter aus Geheimsprachen oder sonderbare Ausdrücke im Dialekt? Schreiben Sie uns unter dem Stichwort "Mir schwätze platt" an die Oberhessische Presse, Franz-Tuczek-Weg 1, 35039 Marburg oder per E-Mail an online@op-marburg.de

von Gabriele Neumann

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