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Im Januar gibt es erste Kündigungen

Johnson Controls Im Januar gibt es erste Kündigungen

Bis zum 31. März 2019 soll das Johnson-Controls-Werk in Friedensdorf geschlossen werden. Jetzt haben Betriebsrat und Konzernleitung einen
 Sozialplan ausgehandelt – nach rund 23-stündiger Diskussion.

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Johnson-Controls-Beschäftigte hatten sich am Freitag zu ­einer „stillen Demo“ vor dem Werkstor getroffen.

Quelle: Christian Röder

Friedensdorf. Am Montag wurde die Belegschaft ab 12.30 Uhr in einer Mitarbeiterversammlung über das Verhandlungsergebnis informiert. Der Betriebsrat hat zudem den ­Sozialplan unterzeichnet.

Claudia Steinhoff, Pressesprecherin des heute Adient heißenden Unternehmens, erklärte auf Nachfrage: „Es waren schwierige, aber durchaus konstruktive Verhandlungen mit dem ­Betriebsrat.“ Des Weiteren sei es ein „sehr langwieriger Prozess gewesen“. Seit Juli 2016 hatten Werksleitung und Betriebsrat immer wieder zusammen am Verhandlungstisch gesessen. Der Betriebsrat erläutert indes Details. Klar ist: Die ersten 188 der aktuell rund 650 Beschäftigten erhalten noch diesen Monat ihre Kündigung.

Andrang im Büro des Betriebsrats: Seit fünf Uhr in der Früh stehen die Menschen bei Betriebsratsvorsitzender Carmen Thomä und ihren Mitstreitern André Bentz und Ralph Engelbrecht Schlange. Sie alle wollen wissen, wann es sie trifft; in welcher Phase des Abbaus des Friedensdorfer Standorts sie gehen müssen; wann sie ihre Kündigung erhalten. Die Namenslisten liegen dem Betriebsrat vor.

Verhandlungen waren „zäh und verdammt schwer“

Die Abwicklung soll in mehreren Schritten ablaufen. André Bentz führte am Dienstag aus, was das konkret bedeutet: Die ersten 188 Beschäftigten erhalten voraussichtlich am kommenden Montag ihre Kündigung. Es sind die Phasen eins und zwei des Abbaus. Phase drei, die bis 31. März 2018 andauert, umfasst 190 Arbeitsplätze. Bis zum 31. März 2019, dem definitiven Schließungsdatum des Standorts, bleiben zuletzt 276 Mitarbeiter im so genannten „Lahnwerk“ beschäftigt. Fünf Mal ­
haben Betriebsrat und Management seit Sommer am runden Tisch gesessen – und erbittert um den Sozialplan und einen Interessensausgleich gestritten.

Die letzte Verhandlung, die am vergangenen Freitag begonnen hatte, zog sich über 23 Stunden. „Ich denke, der Betriebsrat hat alles getan, um das Bestmögliche für die Beschäftigten herauszuholen“, kommentiert IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Hans-Peter Wieth die Einigung. „Die meisten hatten wohl ­etwas wesentlich Schlechteres befürchtet.“

Einig ist sich der Betriebsrat um Carmen Thomä aber auch, dass die Verhandlungen „zäh und verdammt schwer“ gewesen seien. „Das, womit wir angefangen haben, war wirklich unmenschlich“, sagt Bentz. „Schäbig“ finden die Betriebsratsmitglieder es noch immer, dass für das Management von Anfang an die Entscheidung stand, den Standort dichtzumachen. „Der Fortbestand sollte nie herauskommen. Die Chance, das Werk zu verkaufen, wurde niemals ausgelotet“, so Bentz.

Auch die 650 Beschäftigten, die am Montagnachmittag in einer zwei stündigen Betriebsversammlung über den Abschluss der Verhandlungen informiert wurden, hätten den Sozialplan und den Interessensausgleich gut aufgenommen. „Natürlich sind die Leute nicht begeistert, dass wirklich zugemacht wird, aber das Ergebnis ist zufriedenstellend“, sagt Thomä.

In dem Interessensausgleich steckt neben dem frühzeitigen Bekanntwerden, wann wem gekündigt wird, noch mehr drin. „Es gibt beispielsweise Tauschmöglichkeiten innerhalb der Abbauphasen“, so Wieth. Das seien dann „individuelle ­Geschichten“, die je nach Fall ­geklärt werden müssten.

Transfergesellschaft als Chance für die Mitarbeiter

Im Sozialplan stecken des Weiteren die ausgehandelte Abfindungsregelung, die sich aus dem Bruttomonatsentgelt, der Dauer der Betriebszugehörigkeit und dem Faktor 1,1 zusammensetzt. Der Höchstbetrag ist auf 146.160 Euro gedeckelt. „Es wurde um jeden Groschen gefeilt – daher die krumme Zahl“, sagt Bentz.

Zusätzlich zur Abfindung gibt es gegebenenfalls Einmalzahlungen: einerseits für jedes Kind 2000 Euro brutto oder für den Fall, dass der Gekündigte­ schwerbehindert ist, 10.000 Euro brutto. Für diese Beschäftigten hatte die Firma laut Betriebsrat zuerst 1500 Euro geboten, der Betriebsrat war mit 25.000 Euro in die Verhandlungen eingestiegen.

Das Herzstück des Sozialplans ist allerdings die Schaffung einer Transfergesellschaft, die sich an alle Beschäftigten richtet. „Nach Ende der Kündigungsfrist hat jeder Mitarbeiter die Möglichkeit, für zwölf Monate in der Transfergesellschaft unterzukommen“, so Wieth. Die Zeit könne dazu genutzt werden, sich beruflich neu zu orientieren, in neue Jobs hineinzuschnuppern, sich weiterzubilden und zu qualifizieren.

Zuletzt gibt es eine sogenannte „Anwesenheitsprämie“ für ­alle Beschäftigte ab Januar 2017: Pro Monat sind dies 230 Euro brutto. „Alles in allem ist es dem Betriebsrat gelungen, eine gute­ Regelung für eine schlechte ­
Sache auszuhandeln“, sagt Hans-Peter Wieth.

Auf den Betriebsrat komme aber jetzt noch eine ganze Menge Arbeit zu. „1000 Fragen stehen jetzt bei vielen eurer Kollegen im Raum.“ In der kommenden Woche wolle man sich intensiv mit jener Gruppe beschäftigen, die noch im Januar ihre Kündigung erhält.

In Richtung der Betriebsratsmitglieder sagt der IG-Metaller:­ „Ihr könnt stolz auf das sein, was ihr ausgehandelt habt.“ In Richtung des Managements sagt er noch: „Man kann solche Verhandlungen auch mit mehr Respekt und Anstand führen.“

von Christian Röder

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