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Hinterland „Aufgewühlt, aufbrausend und handgreiflich“
Landkreis Hinterland „Aufgewühlt, aufbrausend und handgreiflich“
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19:11 18.04.2018
Anwalt Bernhard Schroer unterhält sich vor Prozessbeginn mit dem Angeklagten. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Am zweiten Verhandlungstag im Prozess wegen versuchten Mordes im Steffen­berger Ortsteil Niederhörlen ­berichteten einige Kriminalpolizisten von den Ermittlungen ­gegen den Angeklagten, der schon vor der Bluttat auffällig geworden war.

Sowohl Marburger als auch Biedenkopfer Polizisten kamen in der Nacht des 4. August 2017 zum Tatort, nachdem Anwohner eine brutale Auseinandersetzung zwischen zwei Männern meldeten. Vor Ort trafen Ermittler und Rettungssanitäter auf das verletzt am Boden liegende Opfer. Anwohnern eilten zuvor als Erstversorger zu Hilfe, drückten mit Handtüchern die starken Blutungen ab und retteten so dem Verletzten wahrscheinlich das Leben. Der damals 26-Jährige wurde in der Klinik notoperiert, schwebte einige Zeit noch in Lebensgefahr.

Er verlor durch mehrere tiefe Stichverletzungen viel Blut, lag in einer Blutlache. Von dort verlief eine deutliche „Tröpfelspur“ zu jener Stelle, an der das Auto des Opfers gestanden hatte. Mit dem ergriff der Täter die Flucht.

Angeklagter war der Polizei bereits bekannt

Auf die Attacken mit einem Küchenmesser wurden die Anwohner erst durch laute Schreie und Hilferufe des Geschädigten aufmerksam, den der andere Mann auf der Straße verfolgte, bevor er mit dem Wagen wegfuhr. Die Zeugen gaben eine grobe Täterbeschreibung, die auf den Angeklagten passt, sagten die Ermittler. Auch dessen Name fiel schon am Tatort.

Nach dem heute 24-Jährigen wurde gefahndet, sein Handy überwacht und sein kleines Appartement durchsucht. Zur damaligen Zeit lebte er in einer Art „Unterschlupf“ in der Nähe, war zuvor aus dem Elternhaus ausgezogen, nachdem es wiederholt zu Streitigkeiten und Gewalt gekommen war. Wie eine Kriminalpolizistin berichtete, war der Mann der Polizei bereits seit acht Monaten zuvor wegen mehrerer Vorfälle bekannt.

Demnach kam es im Dezember 2016 mehrmals zu Gewalttaten gegen Familienmitglieder, „zum wiederholten Mal ­wurde er innerhalb von zehn Tagen übergriffig“. Der junge Mann soll seine Tante geschlagen und seine 80-jährige Großmutter eine Treppe hinuntergestoßen haben.

Anscheinend ging es ihm dabei um Geld. Aggressionen sollen sich auch gegen die Eltern gerichtet haben. Die sagten der Polizei, dass die Situation zuhause kaum mehr auszuhalten sei, sie „schon lange keinen 
Zugang mehr zu ihrem Sohn finden“, so ein Zeuge. Sie hätten sich schon vor der Eskalation um einen Platz in einer Psychiatrie für den kranken Sohn bemüht, ein entsprechender Antrag lief.

Ansonsten ein stiller, verschlossener Typ

Anscheinend ohne Erfolg. Erst nach den Angriffen gegen die Verwandten wurde er bis Mitte Januar 2017 wegen schizophrener Tendenzen eingewiesen. Auch ein möglicher Drogenmissbrauch war damals Thema. Das Amtsgericht Biedenkopf bestellte nach seiner Entlassung einen Betreuer für den Mann, der zeitweise aggressives Verhalten aufwies und anscheinend „nicht in der ­Lage ist, für sich selbst zu sorgen“, so die Begründung. Später zog er dennoch zuhause aus. Er soll kurz vor der aktuellen Tat wegen Platzmangel erneut von einer Klinik abgelehnt worden sein.

Laut Zeugen scheint der Beschuldigte zwei Seiten zu haben, galt jahrelang als stiller, verschlossener Typ. Neben den Attacken gegen seine Familie rastete er später auch gegenüber Polizisten aus, beleidigte diese bei seiner Verhaftung mehrmals und leistete Widerstand. „Er war aufgewühlt, handgreiflich und aufbrausend – das komplette Gegenteil von heute“, sagte eine Polizistin. Vor Gericht verhält sich der Mann, der in einer Psychiatrie lebt, ruhig, steht unter Medikamenteneinfluss und äußert sich nicht zu den Vorwürfen.

Zuvor gab er an, sich nicht an die Messerattacke und nicht an die Tatnacht zu erinnern. Demnach setzte seine Erinnerung noch vor dem Filmabend mit seinem alten Freund aus und erst wieder ein, als er in der Klinik aufwachte.

  • Der Prozess wird am 17. April fortgesetzt.

von Ina Tannert

Bericht vom ersten Prozesstag:

Bluttat auf Gottes Befehl“