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„Zinsen werden herunter manipuliert“

Vortrag „Zinsen werden herunter manipuliert“

Eine große Resonanz hatte die Vortragsveranstaltung der VR-Bank Hessenland am Dienstagabend in der Stadtallendorfer Stadthalle. Zu Gast war der Börsenexperte Professor Wolfgang Gerke.

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Professor Dr. Wolfgang Gerke referierte in Stadtallendorf vor gut 800 Mitgliedern, Kunden und Geschäftsfreunden der VR-Bank Hessenland zur Zukunft der Finanzmärkte.

Quelle: Alfons Wieber

Stadtallendorf. Mit Sorge und Betroffenheit verfolgen viele Bürger täglich die Ereignisse und Entwicklungen an den Finanzmärkten sowie die Reaktionen der internationalen Politik. Rund 800 Mitglieder, Kunden und Geschäftsfreunde der Bank hörten am Dienstag, was der aus den Medien bekannte Professor Dr. Wolfgang Gerke zur Zukunft der Finanzmärkte zu sagen hatte.

Sicherheit in der Geldanlage sei inhaltlich differenziert zu verstehen. Bei einem so genannten risikolosen Zins, orientiert an den Bundesanleihen nahe Null, beziehe sich Sicherheit auf die Rückzahlung des angelegten Kapitals und die Zahlung der Zinsen. Die Sicherheit, auf diese Weise das Ziel einer Geldvermehrung oberhalb der Inflationsrate zu erreichen, gebe es hingegen nicht. Er erwarte Inflationsquoten von mehr als zwei Prozent, die bei einem politisch gewollten und über die Notenbanken gesteuerten Niedrigzinsniveau zur billigen Finanzierung für die Staaten führen.

„Zinsen werden herunter manipuliert, damit sich die Staaten möglichst lange billig finanzieren können“, stellte Gerke fest. Indirekt führe dies zu einer Entschuldung der Staaten.

„Das Geld der Sparer verliert auf diese Weise an Wert, es verliert an Kaufkraft“, erklärte der Referent. Das Ziel einer Geldvermehrung oberhalb der Inflationsrate sei mit höherer Wahrscheinlichkeit erreichbar, wenn man sich differenziert aufstelle und auch andere Anlageformen im Blick habe.

In einem Streifzug beleuchtete er anschließend verschiedene Anlageklassen. Der Bürger müsse sich seine eigene Meinung zu Entwicklungen bilden und mit sich im Reinen sein, welches Verhältnis von Risiko und Chance er eingehen möchte. Dabei lohne dann auch der Blick auf weltwirtschaftliche Entwicklungen. Gerke benannte vielfältige Gründe für unterschiedliche Wirtschaftsprognosen, unter anderem der von Land zu Land andersartige demographische Faktor und die politischen Rahmenbedingungen.

Der Blick auf immer stärker aufkommende Märkte wie China, Indien, die Philippinen oder Indonesien aber auch Brasilien mache deutlich, dass die Staaten völlig unterschiedliche Ausgangssituationen mit daraus resultierenden verschiedenartigen Chancen haben. Während beispielsweise Deutschland mit einer zunehmenden Überalterung klar kommen müsse, hätten andere Nationen eine sehr junge Bevölkerung, die nach vorne dränge. Eine gute Beratung könne bei den wichtigen Entscheidungen helfen, dem Bürger die Entscheidung aber nicht abnehmen.

Zudem würden die Finanzmärkte beweglicher. Die Ausschläge, die die Märkte erleben, werden nach Gerkes Einschätzung immer größer und kommen in kürzeren Abständen. Laut Gerke ist das auch in Ordnung. „Unfair wird es erst, wenn die Verursacher von Krisen die Lasten auf den Steuerzahler abwälzen, indem sie den Staat zum vermeintlich nötigen Handeln zwingen“, betonte der Professor. Das zeige sich deutlich in den Rettungstransfers innerhalb Europas. Tatsächlich habe man nicht Griechenland gerettet, sondern die Banken, die griechische Staatsanleihen besitzen und die reichen Griechen, die ihr Geld außer Landes geschafft hätten.

Dort differenzierte Gerke klar zwischen den Geschäftsmodellen regionaler Institute und international agierender Häuser. Griechenland habe nach der Aufnahme in die Eurozone viel billiges Geld ohne die erforderliche Bonität bekommen, das sei aber nicht die Schuld der Griechen. Statt EU-Hilfen zu gewähren, hält Gerke es für sinnvoller, Griechenland zu restrukturieren und wie einen Mittelständler in die Insolvenz zu schicken. „Jemand, der gegen den Maastricht Vertrag in so eklatanter Weise verstößt, hat eigentlich die Berechtigung auf Hilfe verloren“, sagte er. Die Frage ob es auch in zehn Jahren noch den Euro in Deutschland gebe, beantwortete der Professor mit einem „Ja“: „Die Finanzmärkte der Zukunft werden nicht zusammenbrechen, aber Boom- und Crash-Phasen wird es in immer kürzeren Abständen geben“, lautete sein Resümee.

von Alfons Wieber

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