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Hinterland Dem Rätsel um Keime auf der Spur
Landkreis Hinterland Dem Rätsel um Keime auf der Spur
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16:54 18.05.2017
Der Perfstausee ist seit Ende 2015 offiziell kein Badesee mehr. Eine Studiengruppe der Hochschule Koblenz will nun untersuchen, woher genau die Keime kommen, die den See insbesondere nach Starkregen-Ereignissen stark belasten. Quelle: Susan Abbe
Breidenstein

Seit Ende 2015 ist der Perfstausee offiziell kein Badesee mehr. Denn die Wasserqualität hatte in den Jahren davor so stark geschwankt, dass der See die EU-Vorgaben für Badegewässer nicht mehr erfüllte. Die Probleme des Sees seien zu komplex, um Abhilfe zu schaffen, lautete die Einschätzung des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG).

Jetzt gibt ein Projekt der Hochschule Koblenz leise Hoffnung, dass eine Chance für den Badesee besteht. Angeregt wurde das Projekt durch Professor Kristian Bosselmann-Cyran. Er ist nicht nur Präsident der Hochschule Koblenz, sondern seit 40 Jahren Wahl-Breidensteiner. Er stellte den Kontakt zwischen den Experten seiner Hochschule und der Stadt Biedenkopf her. Mit im Boot ist zudem der beim Landkreis angesiedelte Wasserverband Oberes Lahngebiet, der den See betreibt.

Gemeinsam soll Ursachenforschung betrieben werden. Denn bisher, erläutert Biedenkopfs Bürgermeister Joachim Thiemig (SPD), konnte nicht abschließend geklärt werden, wo genau die Kolibakterien und Enterokokken herkommen, die im See wiederholt gefunden werden.

Professor schätzt Projekt als praxisnahes Studium

Infrage kommen mehrere Ursachen: So gibt es um die 30 Regenüberlaufbecken oberhalb des Sees, aus denen Keime über verschiedene Bachzuläufe in den See gespült werden könnten. Auch Wildvögel und die Landwirtschaft könnten zur Verunreinigung beitragen. Auffällig ist, dass die Werte immer nach Starkregen schlecht waren. Solche Einzelereignisse vermasseln dem See, der ansonsten gute Werte hat, die Bilanz. Das Problem ist laut Bürgermeister und Volker Haupt vom Wasserverband bisher aufgrund der Vielzahl möglicher Ursachen nicht in den Griff zu bekommen.

Genau hier setzt das Koblenzer Projekt an, wie Professor Wolfgang Bogacki erläutert. Der Spezialist für Wasserbau und Wasserwirtschaft will mit seinen Studenten herausfinden, auf welchen Wegen die Keime in den Perfstausee gelangen. Das Projekt ist für die Hochschule interessant, weil es ein praxisnahes Studium ermöglicht und die Lösungen nicht einfach auf dem Tisch liegen, sagt Bogacki.

Im ersten Schritt haben die Studenten im Wintersemester bereits Karten und Satellitenaufnahmen ausgewertet und überprüft, wo es landwirtschaftliche Betriebe und wo Regenüberlaufbecken gibt. Nun werden Wasserproben gezogen, wobei auch der Wasserverband Oberes Lahngebiet das Projekt unterstützt. Die Studenten werden in den kommenden Monaten aber auch selbst nach Breidenstein kommen. „Wir laufen vom Perfstausee die kleinen Zulaufgewässer hoch und nehmen Proben“, erklärt Bogacki. Ziel sei, herauszufinden, welche Bäche besonders zu Belastung des Sees beitragen.

Daneben werden sich die Wissenschaftler auch das Vorbecken des Stausees – das heutige Naturschutzgebiet – anschauen. Ursprünglich sollte dieses Becken das ankommende Wasser beruhigen. Sedimente und damit auch Verunreinigungen sollten sich im Vorbecken absetzen. Das funktioniert aber nicht mehr optimal, weil das Becken flacher geworden ist.

Hürde für erneute Badeerlaubnis liegt hoch

Auch mit der Elodea, einer als Wasserpest bekannten Wasserpflanze, müssen sich die Wissenschaftler beschäftigen. Denn die Pflanze, die vermutlich durch illegal entleerte Aquarien in heimische Gewässer eingetragen wurde, führt seit 2007 immer wieder zu Problemen im See. Die Wasserpest sei schwer in den Griff zu bekommen, sagt Bogacki. Vielerorts helfe nur regelmäßiges Mähen mit speziellen Booten. Helfen könne womöglich das Absenken des Wasserspiegels im Winter. Allerdings habe das wiederum Auswirkungen auf Fische und nicht zuletzt die technischen Anlagen des Sees, bei dem es sich ja um ein Regenrückhaltebecken handelt, erklärt der Professor.

Eines stellen alle Beteiligten klar: Die Koblenzer Wissenschaftler können die Probleme des Perfstausees nicht lösen. Sie können lediglich herausfinden, wo die Ursachen für die Verschmutzung liegen und Lösungsvorschläge machen. Sollten die Untersuchungen zeigen, dass eine einzelne Hauptquelle für die Verunreinigung verantwortlich ist, stünden die Chancen für eine Lösung nicht schlecht. Sollte sich hingegen zeigen, dass die Keime auf vielen verschiedenen Wegen in den See gelangen, dann wären entsprechende Gegenmaßnahmen sehr aufwendig. Die Hochschule könne am Ende ein Handlungsempfehlung geben, betont Hochschulpräsident Bosselmann-Cyran. Über die Umsetzung müsse dann aber die Politik entscheiden.

Bürgermeister Thiemig und Volker Haupt vom Wasserband Oberes Lahngebiet sind dennoch froh, dass jetzt doch wieder Bewegung in das Thema Perfstausee kommt. Wenn Fachleute von außen einen Blick auf das Gesamtsystem der Gewässer rund um den Perfstausee werfen, lasse sich dadurch womöglich die Wasserqualität verbessern, sagt Haupt. Und: „In der Ferne“ könne man „vielleicht auch das Baden wieder in den Blick nehmen“. Die Hürden dafür liegen hoch, auch das betonen die Verantwortlichen: Um wieder als Badesee zugelassen zu werden, müsste der Perfstausee zwei Jahre lang – bei 40 Messungen – ununterbrochen die Anforderungen an die Qualität von Badegewässern erfüllen.

von Susan Abbe